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Aktionswoche der Caritas:Unverschuldet in die Krise

Sonja Hausner dos Santos betreut bei der Schuldnerberatung Unterschleißheim Menschen, die in finanzielle Nöte geraten.

(Foto: Catherina Hess)

Stefan Breuer ist Koch, hat hohe Verpflichtungen und ist nun in Kurzarbeit. Ihm droht inmitten der Corona-Pandemie die Privatinsolvenz. Sein Fall zeigt, die Misere trifft viele Menschen finanziell hart. Hilfe bietet die Schuldnerberatung der Caritas in Unterschleißheim an.

Die Geschichte, wie Stefan Breuer 70 000 Euro Schulden machte, beginnt mit seinem Traumberuf: Koch. "Warum, fragten meine Klassenkameraden, will jemand der im Lateinleistungskurs sitzt, später in der Küche stehen?", erzählt der 40-Jährige. Breuer machte trotzdem eine Ausbildung in einem Hotel, lernte, wie man Teller serviert, aber auch wie man karamellisierten Steinbutt zubereitet. Weil er Menschen außerdem gerne bespaßte, kam er vor gut zehn Jahren auf die Idee, selbständig Kochkurse anzubieten. Allerdings sei er zwar ein guter Koch, aber ein schlechter Betriebswirt gewesen, sagt Breuer, der an diesem Vormittag in einem Büro der Caritas-Schuldnerberatung in Unterschleißheim sitzt. Hinter ihm steht ein schwarzer Rollkoffer, so einer wie ihn Piloten durch den Flughafen ziehen. Doch seiner ist voll mit Unterlagen - mit Verträgen und Forderungen von Banken.

Inzwischen hat Breuer, der eigentlich anders heißt, sein eigenes Geschäft aufgeben und ist wieder als Koch angestellt. Ein Jahr lang erarbeitete er mit der Caritas-Beraterin Sonja Hausner dos Santos einen Plan, wie er seine Schulden begleichen könnte. Doch dann kam mit Corona die Kurzarbeit. Seitdem hat Breuer im Monat ein Drittel weniger Geld zur Verfügung. Er fürchtet, dass er seine Raten nun doch nicht zurückzahlen kann und das Szenario eintritt, das er unbedingt vermeiden wollte: die Privatinsolvenz. Dann würde ein Gericht bestimmen, wie hoch die Raten sein sollen. Außerdem bekäme er einen negativen Schufa-Eintrag, der es für ihn wohl noch lange schwieriger machen könnte, eine Wohnung oder ein Auto zu mieten.

Schuldnerberaterin dos Santos vermutet, dass es gerade vielen Menschen schwerfällt, Rechnungen zu bezahlen und Schulden zu begleichen. "Für diese Erkenntnis", sagt sie, "muss ich doch nur in die Zeitung schauen". Seit Beginn der Corona-Pandemie meldeten etwa drei von zehn Unternehmen im Kreis München Kurzarbeit an. Das gab die Arbeitsagentur Anfang Mai bekannt. Besonders hart traf die Krise Gastronomen wie Breuer: Im April hatten sich 1561 Mitarbeiter aus der Gastronomie in Stadt und Landkreis München arbeitslos gemeldet. Das sind fast viermal so viele wie im Vorjahreszeitraum. Doch bei ihr habe bis jetzt kaum einer der Betroffenen angerufen, sagt dos Santos. Sie sei deshalb alarmiert: "Je länger die Menschen warten, desto schwieriger wird es am Ende."

Er habe die Realität verdrängt

Auch Breuer sagt, er hätte sein Geschäft schon mindestens zwei Jahre früher aufgeben und sich Hilfe suchen sollen. Doch er habe die Realität verdrängt. "Dabei war ich nie jemand, der einfach alle Rechnungen ungeöffnet in einen Schuhkarton gestopft hätte", sagt er. Auch faul sei er nie gewesen. An sechs von sieben Tagen habe er gearbeitet. Doch es lohnte sich nicht. Manche Events bereitete er zwei Tage lang vor, mietete schicke Locations und heuerte für den Abend noch zwei Servicekräfte an. Die Lebensmittel kaufte er frisch vom Großmarkt. "Das ist meiner Berufsehre geschuldet", meint Breuer. Am Ende seien von 2500 Euro Einnahmen oft nur 300 Euro übrig geblieben. "Und dann hatte ich noch keine Miete und keine Versicherungen bezahlt." Auch, was alles an Steuern und Abgaben fällig wurde, habe er unterschätzt.

Die Last ist im Büro der Caritas von ihm abgefallen

Im Herbst 2018, als ihm sein jetziger Chef das Angebot machte, bei ihm anzufangen, gab Breuer sein Geschäft auf. So wie früher veranstaltet er heute Kochkurse, doch er ist nicht mehr für die Bilanzen verantwortlich. 70 000 Euro Schulden allerdings blieben ihm. "Anderen geht es jetzt bestimmt viel schlechter als mir", sagt Breuer trotzdem. Er hat keine Kinder, aber eine Lebensgefährtin, mit der er sich die Miete teilt. Bei einem großen Teil der Klienten von Hausner dos Santos ist das anders: In nahezu 40 Prozent der überschuldeten Haushalte, die die Caritas berät, leben Kinder. So geht es aus dem jüngsten Jahresbericht von 2018 hervor. Für sie veranstaltet die Caritas von Montag an eine Aktionswoche, bei der sie eine Service-Hotline einrichtet. Kinder würden unter der Armut der Eltern besonders oft leiden, sagt Hausner dos Santos. "Sie wollen dazugehören und auch mal mit ins Kino gehen", sagt die Beraterin.

Wie belastend es sein kann, Verabredungen abzusagen, erlebte jedoch auch Breuer. Wenn die Freunde in den Biergarten gingen, sei er oft zu Hause geblieben. Gleichzeitig habe er versucht, seine Lage zu verheimlichen. "Ich arbeitete schließlich in einer Branche, in der ein guter Ruf alles ist", sagt er. All diese Sorgen hätten ihn nicht schlafen lassen und reizbar gemacht. Diese Last sei von ihm abgefallen, als er zum ersten Mal im Büro von Hausner dos Santos saß - und einen Überblick über seine Finanzen bekam. Selbst als er nun in Kurzarbeit geschickt wurde, seien die alten Ängste nicht zurückgekehrt. Zwar schätzt der Hotel- und Gaststättenverband, dass 30 Prozent der gastronomischen Betriebe in München die Corona-Krise nicht überleben könnten. Doch er sei optimistisch, dass seine Arbeitsstelle nicht darunter ist. "Inzwischen sehe ich selbst ein Insolvenzverfahren nicht mehr dramatisch. Denn ich bin ja nicht alleine", sagt Breuer. "Auch das ist ein Weg, die Schulden loszuwerden", sagt Hausner dos Santos. Nach spätestens sechs Jahren würde ihn das Gericht wohl von seiner Restschuld befreien. Sogar ein anderer Job wäre für ihn okay, sagt Breuer. "Es muss bloß einer sein, bei dem ich Menschen betüddeln kann."

Die Caritas-Berater sind während der Aktionswoche "Chancenlose Kinder? Gutes Aufwachsen trotz Überschuldung!" zu erreichen am Dienstag von 14 bis 16 Uhr in Haar (Telefon: 089/46 23 67 10), am Mittwoch von 10 bis 12 Uhr in Unterschleißheim (Telefon: 089/32 18 32 21), am Freitag von 10.30 bis 12.30 Uhr in Ottobrunn (Telefon: 089/60 85 20 34).

© SZ vom 25.05.2020/hilb

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