bedeckt München 29°

Schuhe kaufen:"Ein Grundbedürfnis"

Dragana Jelic, Filialleiterin in Unterhaching, ist froh darüber, dass sie die bestellten Sommerschuhe jetzt verkaufen kann.

(Foto: Claus Schunk)

Schuhgeschäfte dürfen wie Supermärkte seit kurzem unabhängig von Infektionszahlen öffnen, Kunden brauchen sich nicht anzumelden. Wie wichtig Shopping am Ort ist, wird bei einem Einkaufsbummel in Unterhaching offenbar.

Von Claudia Wessel, Unterhaching

"Unsere Kunden freuen sich, dass sie mal wieder bunte Schuhe anschauen können", sagt Franz Felzmann, Inhaber des gleichnamigen Schuhgeschäftes in Unterhaching. An die Schaufenster seines Ladens in der Münchner Straße hat er große gelbe Schilder geklebt mit der Aufschrift "Ohne Termin geöffnet". Denn nachdem der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (VGH) am 1. April entschieden hat, dass Schuhgeschäfte zu den "für die tägliche Versorgung unverzichtbaren" Läden gehören, konnten die Kunden vergangene Woche wieder einkaufen - ohne vorherige Terminvereinbarung und unabhängig von der Sieben-Tage-Inzidenz. Vom 12. April gelten allerdings schon wieder andere Regeln, die wieder von der Inzidenz abhängen und keine Ausnahme für Schuhgeschäfte vorsehen.

Bei den ersten Gesprächen mit seinen Kunden hat er festgestellt, dass viele Kinder im September zum letzten Mal Schuhe bekommen haben und das, obwohl Kinderfüße so schnell wachsen. Auch viele Senioren hätten sich das ganze vergangene Jahr mit Neuanschaffungen zurückgehalten. "Manche haben seit April vor einem Jahr keine neuen Schuhe gekauft", sagt Franz Felzmann. "Jetzt kommen viele vorbei, auch mit Rollator." Aber auch modisch interessierte junge Frauen zählen wieder zu seinen Kunden.

Renate Tosi aus Putzbrunn hat gleich drei Paar Schuhe gekauft: zwei Paar Sandalen für sich selbst und ein Paar Kinderschuhe für ihr Enkelkind. "Es ist schön, dass man die jetzt wieder erst anziehen kann, bevor man sie kauft", sagt sie. Dass Online-Einkäufe nur zweite Wahl sind, hat sie gerade an diesem Tag erlebt. "Ich habe hier die Schuhe gesehen, die ich online bestellen wollte. Dabei habe ich festgestellt, dass sie mir gar nicht gefallen. Die Farbe ist zu dunkel, das war auf dem Foto im Internet nicht aufgefallen."

"Das Einkaufen ist natürlich viel schöner, wenn man die Ware anschauen kann", findet auch Barbara Ertl aus Unterhaching, die mit ihrer Tochter Valentina und ihrem Vater Ottmar Lobinger unterwegs ist. "Außerdem unterstütze ich lieber die Händler vor Ort, als im Internet zu bestellen." Zum letzten Mal live Schuhe gekauft hat die Unterhachingerin nach eigenen Worten "vor Corona". Ein Vorteil des gemeinsamen Familieneinkaufs: Eigentlich wollte Ertl nur ein Paar Sneakers nehmen und ein zweites Paar reservieren lassen. Das aber ließ der Vater nicht zu: Er spendierte ihr gleich beide Paare.

Die Freude darüber, dass ihr Lieblingsschuhladen wieder ganz normal geöffnet hat, sieht man Anna Bierl an. Ihr Lächeln und ihre gute Laune dringen problemlos durch die Maske. Sind Schuhe ein Grundbedürfnis? "Nicht nur Schuhe, alles andere auch", sagt sie. "Man verzweifelt ja langsam. Man fühlt sich doch viel besser, wenn man ordentlich angezogen ist." Heute braucht die Unterhachingerin nur Lammfellsohlen. Weil sie sich nicht entscheiden will und offenbar auch aus guter Laune nimmt sie gleich beide angebotenen Variationen. Schließlich hatte die Stammkundin heute endlich mal wieder Zuhörerinnen für ihre Witze, die sie so gerne erzählt. "Ich komme dann bald wieder, denn ich brauche auch Sommerschuhe", verkündet sie zum Abschied. "Aber die kaufe ich erst, wenn das Wetter richtig schön ist."

Dragana Jelic, die Filialleiterin des Schuhgeschäfts "Shoe4you" in Unterhaching, hatte erst an einen Aprilscherz geglaubt, als sie von dem Gerichtsurteil hörte. Jetzt sagt sie: "Schön, gell!?" die Verkäuferin ist erleichtert, denn schon im Januar hatte sie Frühlings- und Sommerschuhe bestellt, die alle bereit standen. Sie musste auch Waren einer anderen Filiale übernehmen. "Jetzt können wir endlich verkaufen." Anders als bei "Click and Meet" kämen jetzt wesentlich mehr Kunden. Auch ihre Auszubildende Maria Turturiello freut sich: "Endlich nicht mehr nur zu Hause rumsitzen, endlich wieder Kundenkontakt!" "Für eine Frau stimmt das auf jeden Fall, dass Schuhe ein Grundbedürfnis sind", sagt Renate Hanzsch aus Ottobrunn lachend.

Beim Bummel in Unterhaching fällt es ihr richtig schön schwer, sich zu entscheiden, weshalb sie immer wieder durch die Regale streift. Warum sie bis nach Unterhaching gefahren ist? "Ich muss jetzt halt auch einfach mal raus." Dafür gibt es jetzt einen Grund mehr.

In einer früheren Version dieses Artikels fehlte der Hinweis auf die neuen Regeln, die von 12. April an gelten.

© SZ vom 10.04.2021/hilb
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema