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S-Bahn München:Störungen sind die Regel

Die S 7 verkehrt zwischen Giesing und Kreuzstraße auf einem Gleis, das sie sich auch noch mit anderen Zügen teilt.

(Foto: Claus Schunk)
  • Ein Jahr lang wertet ein Mann aus Höhenkirchen den Streckenagenten der Bahn für die S 7 aus.
  • Fast jeden zweiten Tag gibt es größere Verspätungen oder Ausfälle.
  • Abhilfe könnte ein zweites Gleis schaffen.

Von Korbinian Eisenberger

Reiner Wurster aus Höhenkirchen hatte sich fast daran gewöhnt. Wieder einmal wartete er früh morgens um 5.30 Uhr fast eine halbe Stunde am Bahnhof von Neubiberg in der S 7. Diesmal lag es an einem defekten Bahnübergang, den die Polizei vor der Weiterfahrt absichern musste. Als kurz darauf die 7.01-Uhr-Verbindung von Höhenkirchen in die Stadt ohne Ankündigung ausfiel, war Wurster ausreichend bedient: Wieder einmal hatte der Ingenieur fast den Flieger verpasst. Es war wie so oft, und Wurster hatte genug. Er führte fortan ein Jahr lang Buch über die Verlässlichkeit der S 7. Das Ergebnis: Im Schnitt meldete die Deutsche Bahn jeden zweiten Tag Störungen oder Ausfälle.

Es gibt viele Pendler, die sich wie Wurster über die Unzuverlässigkeit öffentlicher Verkehrsmittel aufregen. An Beschwerden mangelt es der Deutschen Bahn, die auch die S-Bahnen in und um München betreibt, jedenfalls nicht. Die "Initiative S 7 Ost plus" kritisiert Fahrpläne und Verlässlichkeit der Strecke zwischen Wolfratshausen und Kreuzstraße seit mehreren Jahren. Ob der Zorn gegen die Betreiber in jedem Fall gerechtfertigt ist, darüber lässt sich zwar streiten. Unbestritten ist jedoch, dass Verspätungen und Ausfälle vielen Pendlern das Leben schwer machen.

Eine Bürgerinitiative kämpft seit Jahren für besseren Service auf der Linie

Einer, der deswegen seine Konsequenzen gezogen hat, ist Stephan Schintler aus Aying - auch dort hält die S 7. Die Unzuverlässigkeit sei teilweise eklatant gewesen, sagt Schintler. Seitdem nach einer Fahrplanänderung im Dezember auch noch weniger Züge in Aying halten, fährt er jetzt mit dem Auto. "Es ist angenehmer, wenn nicht jeder Tag mit der spannenden Frage beginnt, ob man es pünktlich ins Büro schafft", sagt er.

SZ-Grafik

Dass Pendler von der Bahn aufs Auto umsteigen, ist nicht neu. Eine Garantie für Pünktlichkeit ist auf Münchens viel befahrenen Straßen aber auch nicht gegeben - zumal jetzt, wenn die Schulferien enden. Das hat auch Wurster gemerkt, der trotz des morgendlichen Adrenalinschubs noch immer mit der S 7 fährt. Statt das Verkehrsmittel zu wechseln, hat sich Wurster etwas anderes überlegt.

Angefangen hat Wurster im Februar 2014. Ein Jahr lang sammelte er sämtliche Störungsmeldungen, die er über den E-Mail-Service der deutschen Bahn erhalten hat: Den "Streckenagenten", ein transparentes Instrument, das Bahnfahren mit aktuellen Informationen kundenfreundlicher machen soll. Bis einschließlich Januar 2015 zählte Wurster dort 147 Störungen. Mehr als die Hälfte davon sind laut seinen Aufzeichnungen technisch bedingt, wie etwa Kabelschäden oder defekte Bahnübergänge. Dass seine Erhebung mehr als nur ein Zusammenschrieb eines zornigen Pendlers sind, zeigt sich, wenn man den Streckenagenten in diesen Tagen abonniert hat. Allein zwischen dem 3. und dem 8. September meldete er für die S 7 sieben Störungen, die die Strecke mitunter sogar mehrere Stunden beeinträchtigte. Verspätungen unter sieben Minuten werden dabei gar nicht erst vermeldet - obwohl sie für Anschlusszüge entscheidend sein können.

Die Bahn verweist auf die Zuständigkeit der Politik

"In einem Industrieland darf es das in dieser Regelmäßigkeit eigentlich nicht geben", findet Wurster. Die Version der deutschen Bahn lautet so: Bei 40 000 Zugfahrten pro Jahr auf der Linie S 7 liege die Anzahl der Störungen "im üblichen Bereich einer eingleisigen Strecke mit Mischverkehr und hohen Wechselbeziehungen in einem komplexen Metropolverkehrsystem", wie ein Sprecher mitteilt. Übersetzt heißt das unter anderem: Die Strecke, die zwischen Giesing und der Endstation Kreuzstraße nur aus einem Gleis besteht, ist überlastet, weil darauf neben der S-Bahn auch andere Züge fahren. Abhilfe könnte laut Wurster ein zweites Gleis schaffen. Zwischen Neubiberg und Höhenkirchen gebe es sogar genügend Platz dafür, es müssten also weder Zäune noch Grundstücksgrenzen versetzt werden.

Nachvollziehbar sei der Ärger der Fahrgäste schon, erklärt die Deutsche Bahn: "Jede Störung ist auch für uns eine zu viel." Die Verantwortung dafür liege aber bei der Politik. Politisch hat sich tatsächlich seit Jahrzehnten nichts getan. Immerhin: Die Kreistagsfraktion der Grünen fasste kürzlich einen Antrag mit Forderungen für die Neuausschreibung des Münchner S-Bahnbetriebes, der im Herbst in den Kreisgremien behandelt werden soll. Landrat Christoph Göbel (CSU) soll sich demnach bei der Bayerischen Staatsregierung für geeignete Ausschreibungskriterien einsetzen, um das S-Bahnnetz zu verbessern. Ein zweites Gleis wird deshalb aber auch nicht gebaut werden.

Wenn sich schon nichts ändert, will Reiner Wurster wenigstens Entschädigungen für die Fahrgäste

Dass sich für Bahnkunden sonst viel ändert, dürfte ebenfalls eher unwahrscheinlich sein. Wurster setzt sich deshalb nicht nur für eine schnellere Taktung und ein zweites Gleis ein, er fordert Entschädigungen für die Fahrgäste. "Es reicht nicht, dass die Eisenbahngesellschaft für ausgefallene oder verspätete Züge eine Strafzahlung erhält, wenn sich dadurch für den Kunden nichts ändert", so Wurster. Logistisch ließe sich dies wohl recht einfach ändern. Zumindest für Pendler der S 7 - dort liegen schließlich bereits Zahlen vor.

© SZ vom 10.09.2015/infu
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