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Mitten in Pullach:Jugend friert für Olympia

Noch ganz schön kalt, die Isar.

Warum zwei Jugendliche blaue Lippen haben und was der Isar-Werkkanal mit den Olympischen Spielen in Tokio zu tun hat.

In der härtesten Phase des Lockdowns, bei einem dieser Spaziergänge, die man nur im Familienverband unternehmen durfte, zeigte der bald volljährige Sohn eine Badestelle am Isar-Werkkanal bei Großhesselohe: ein Seil an einem Baum, von dem aus er sich in den vergangenen Sommern öfter ins Wasser geschwungen hatte. Und er warf ein wenig wehmütig die Frage auf, ob man in diesem Jahr wohl überhaupt schwimmen können würde.

Knapp einen Monat später kommt der Junge abends in der Badehose nach Hause, die Lippen blau gefroren. Er war mit einem Freund bei dem Seil unterhalb der Großhesseloher Brücke. Eigentlich hatten sie nur kurz ins Wasser springen wollen, um sich nach dem Joggen abzukühlen. Doch als sie gerade dabei waren, sich anzuziehen, sprach sie eine Frau an und bat um einen Gefallen: Sie sei Schwimmtrainerin und betreue einen Athleten, der sich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert habe. Corona-bedingt könne er gerade nicht im Schwimmbad trainieren. Sie habe ihm vorgeschlagen, auf natürliche Gewässer auszuweichen, doch das sei ihm noch zu kalt. Ob sie die beiden filmen dürfe, wie sie im Kanal schwimmen, um ihn zu motivieren?

Also gingen die zwei Jungs noch einmal ins Wasser. Auf den Videosequenzen, die ihnen die Trainerin geschickt hat, sieht man sie unter den zackigen Anweisungen einer Frauenstimme nacheinander vom Seil plumpsen, quer durch den Kanal kraulen und mit der Strömung kämpfen. Und man hört, wie sie die Frage nach der Wassertemperatur wahrheitswidrig mit "nicht so kalt" und "angenehm, eigentlich" beantworten. Welche Wirkung ihr Einsatz bei dem wasserscheuen Weltklasse-Schwimmer erzielt hat, werden die zwei wohl nicht erfahren. Aber sie können verfolgen, wie er sich in Tokio schlägt. Wenn die Olympischen Spiele 2021 tatsächlich stattfinden.

© SZ vom 13.05.2020/hilb

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