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Traumberuf:Frau mit Schneid

Evi Cal ist Herren-Friseurin. Das war in den Sechzigerjahren in Bayern eher unüblich, "da war Bayern etwas hinten dran", sagt sie.

(Foto: Claus Schunk)

Evi Cal ist vermutlich die älteste Friseurin im Landkreis. Der 80-Jährigen, die vor dem Mauerbau aus dem Osten kam, macht die Arbeit in einem Oberhachinger Salon immer noch Spaß.

Es ist fast ein Vierteljahrhundert her, dass der Mann, der an diesem Vormittag vor der Friseurin Evi Cal im Sessel sitzt und in den Spiegel schaut, ein kleiner Junge war und zu ihr sagte: "Evi, wenn ich groß bin, lade ich dich zu meiner Hochzeit ein." Inzwischen ist der Junge von damals 29 Jahre alt, sein Versprechen hat er nicht gebrochen: Evi Cal hat sich ein Dirndl angezogen und Hochzeitstorte gegessen. "Wir haben gut durchgehalten, gell Schatzi?", sagt Evi Cal und gibt dem Mann ein Bussi auf den Hinterkopf. Evi Cal, rosa geschminkte Lippen, goldene Ketten um den Hals und goldene Ringe an den Fingern, ist 80 Jahre alt - und wahrscheinlich die älteste Friseurin im Landkreis. Ihre Ausbildung machte sie Anfang der Fünfzigerjahre in einem Dorf in Brandenburg. Damals, sagt sie, sei sie so schüchtern gewesen, dass sie sich kaum getraut habe, mit ihre Kunden zu sprechen. Inzwischen nennt sie fast alle Schatzi.

Jeden Freitag und immer dann, "wenn Not am Mann ist", steht Evi Cal in dem Friseur-Salon an der Hubertusstraße in Oberhaching. Sie frisiert nur Männer - "weil ich halt auf Jungs steh'." Sie schneidet akkurat, erfüllt aber nicht alle Wünsche. Einen Undercut - eine Frisur, bei der die Schläfen abrasiert sind - würde sie nie machen: "Das finde ich ganz greislig." Dass sie Friseurin werden möchte, wusste Evi Cal schon als kleines Mädchen, als sie in dem Friseurladen ihres Onkels an einem Spielzeugpferd die Mähne flochte, in Oppeln, Oberschlesien war das, damals ein Teil Deutschlands, heute ein Teil Polens.

Zweimal verlor Evi Cal ihre Heimat. Einmal am Ende des Zweiten Weltkriegs, als ihre Familie aus Schlesien fliehen musste - in einem Viehwaggon voller Fremder mit etwas Stroh auf dem Boden und Türen, die sich nur öffneten, wenn die Leichen derer, die vor Schwäche gestorben waren, hinausgeworfen wurden. In Brandenburg, in einem Dorf 50 Kilometer von Berlin entfernt, wurden Cal und die anderen Flüchtlinge in ein Schloss einquartiert. "Dann warst du ja eine Prinzessin", wird ihre Enkelin später sagen. Tatsächlich muss sich Cal eine Stube mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrem Bruder teilen. "Ich war ein armes Mädchen", wird Cal antworten.

Als sie das zweite Mal alles zurückließ, ist Cal Anfang 20 und bereits verheiratet. Anfang der Sechzigerjahre, kurz vor dem Mauerbau, erfuhr sie, dass ihr Vater in Bayern lebt. Der Krieg hatte die Familie getrennt. Cal überredete einen Kunden, der als Polizist arbeitete, ihr eine Reiseerlaubnis auszustellen. Warum sie Ostdeutschland verließ und sich in den Westen aufmachte, fällt Cal heute schwer zu erklären. Es sei nicht die Suche nach einem besseren Leben gewesen, die sie antrieb, sagt sie: "Ich dachte nicht, dass mir im Westen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen." Sie habe damals auch nicht die Diktatur gefürchtet - die Politik, sagt Cal, sei gar nicht ihr Reich gewesen. Sie habe einfach zu ihrem Vater gewollt. Und vielleicht kam eine Sehnsucht nach Abenteuer hinzu, gemischt mit dem Gefühl, nicht die einzige sein zu wollen, die in diesem Dorf in Ostdeutschland zurückbleibt. Denn die Straßen dort wurden immer leerer, immer mehr Menschen suchten ihr Glück im Westen. Drei Tage nach ihrer Ankunft in München fand Cal einen Job in Neubiberg. "Von dem Deandl lass ich mir nicht die Haare schneiden", hätten die Männer am Anfang gesagt. In Ostdeutschland, wo sie mit 14 ihre Lehre machte, sei es üblich gewesen, dass auch Frauen Haare schneiden. "Bayern", sagt Cal, "war da etwas hinten dran." Inzwischen arbeitet Cal in dem Friseur-Salon an der Hubertusstraße in Oberhaching seit 34 Jahren. Dass sie immer noch weiter macht, liege nicht am Geld. Haare schneiden sei einfach ihr Leben. Und mit diesem, so scheint es zumindest, ist Cal mehr als zufrieden - einmal die Woche geht sie Tennis spielen, einmal die Woche wandern. Wie man so fit bleibt? "Ich bin nicht so die Kaffee-Tante", sagt Cal. Ihre Medizin sei der Wein.