Neubiberg Forschung soll Tierversuche überflüssig machen

Joachim Wiest arbeitet in Neubiberg an Methoden, die Tierversuche überflüssig machen sollen.

(Foto: Claus Schunk)

Die Akademie für Tierschutz in Neubiberg war vor 30 Jahren die erste ihrer Art in Europa. Mittlerweile arbeiten in der Außenstelle des Tierschutzbundes Bonn 40 Wissenschaftler vor allem an Alternativen zu Laborversuchen.

Von Daniela Bode, Neubiberg

Kleine und größere Hunde wuseln durch die Menschenmenge, in nahezu jedem Büro sitzt oder steht ein Vierbeiner. In der Akademie für Tierschutz in Neubiberg ist das Herz für Tiere naturgemäß groß. Aber nicht nur das Herz, auch das Wissen über Tiere ist hier bemerkenswert. "Die Akademie ist seit ihrer Gründung rasch zum geistigen Zentrum für die mitunter streitbaren Diskussionen zwischen allen relevanten Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft geworden und bis heute geblieben", sagt Brigitte Rusche, die Leiterin der Akademie. Nun hat die wissenschaftliche Außenstelle des Deutschen Tierschutzbundes, dessen Sitz in Bonn ist, mit Gästen aus Politik, Landwirtschaft und Tierschutz ihr 30-jähriges Bestehen gefeiert; unter ihnen auch Kurt Beck, ehemaliger Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und kooptiertes Präsidiumsmitglied des Tierschutzbunds, sowie die ehemalige Münchner Landrätin Johanna Rumschöttel.

Ein Neubiberger vermachte dem Tierschutzbund sein Haus

Den Weg für die Akademie bereitete seinerzeit der Neubiberger Buchhändler Adolf Hempel. Er vermachte dem Deutschen Tierschutzbund Anfang der Achtzigerjahre ein Wohnhaus auf dem großen Grundstück am Rande des Schopenhauer-Waldes, das zur Akademie für Tierschutz umgebaut wurde. Der damalige Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, der Münchner Rechtsanwalt Andreas Grasmüller, trieb den Bau voran. Die Einrichtung startete 1986 als erste Tierschutzakademie in Europa mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern. Bis 1995 zogen alle Fachreferate von der Bundesgeschäftsstelle in Bonn nach Neubiberg. Heute arbeiten in dem Gebäude, das 2000 und 2011 erweitert wurde, rund 40 wissenschaftliche Mitarbeiter.

Sie sind Agrarwissenschaftler, Biologen, Tiermediziner und auch Juristen. Sie erarbeiten Positionen zu speziellen Tierschutzthemen, beraten Tierheime und Mitgliedsvereine des Deutschen Tierschutzbundes in allen Fragen rund um den Tierschutz. Sie unterstützen auch den Tierschutzbund in dessen politischer Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Sieben Fachreferate gibt es an der Akademie, vom Artenschutz über Alternativmethoden zu Tierversuchen bis zur Rechtsabteilung. Kurzum: Ohne die Akademie wäre im Tierschutz das eine oder andere sicher anders verlaufen. So war sie daran beteiligt, dass der Schutz der Tiere mittlerweile im Grundgesetz verankert ist.

Eine Ausstellung in der Akademie zeigt, wie gegen Tierschutz-Gesetze verstoßen wird, wie etwa bei einer Tasche aus Krokodilleder.

(Foto: Claus Schunk)

Erklärtes Ziel des Tierschutzbundes war es immer, Alternativen zu Tierversuchen zu liefern. "Wir haben im Labor immer versucht aufzuzeigen, wo es bei der Förderung und Entwicklung von Alternativen Lücken gab", sagt Akademie-Leiterin Brigitte Rusche. Es wurde Pionierarbeit geleistet. So erfolgte etwa in Neubiberg die erste Validierung von Alternativmethoden. Aktuell forscht die Akademie im hauseigenen Labor an Alternativen zu Tierversuchen. Derzeit wird dort in Zusammenarbeit mit der Firma Cellasys an einem Ersatz für Draize-Augenreizungstests geforscht, bei denen an Kaninchen das Gefährdungspotenzial von Chemikalien für das Auge überprüft wird.

Im Zellkulturlabor in der Akademie testen die Wissenschaftler die Schädlichkeit von Chemikalien an lebenden Bindegewebszellen. Die Zellen werden dabei auf Mikrochips aufgebracht. Mit Hilfe von Sensoren können klare Aussagen über die zellschädigende Wirkung von Substanzen getroffen werden. Wie Cellasys-Geschäftsführer Joachim Wiest erläutert, ist man "momentan dran, dass die Behörden die Methode anerkennen". Ein Verfahren, das einen langen Atem verlangt. Denn laut Wiest wollen die Behörden sicher gehen, dass nichts zugelassen wird, was nicht die gleiche Qualität hat wie ein Tierversuch.

Zu den Jubiläumsfeiern kamen auch (von links) Roman Kolar, Brigitte Rusche und Thomas Schröder vom Tierschutzbund.

(Foto: Claus Schunk)

Neben wissenschaftlichem Hintergrund und Forschung bietet die Akademie auch Ausbildung. Tierfreunde, die etwa in Tierschutzvereinen aktiv sind, können sich hier in Seminaren weiterbilden. So hat die Akademie in Neubiberg einiges im Tierschutz erreicht. Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder betonte bei der Jubiläumsfeier das Credo des Verbands "Tierschutz mit Herz und Verstand". Außerdem liefere die Akademie eine "Riesen-Portion Wissenschaft", sagte er. "Das unterscheidet uns sicher von anderen Tierschutzorganisationen."

Schröders Vorgänger, Ehrenpräsident Wolfgang Apel, würdigte Akademie-Leiterin Rusche in seinem Grußwort: "Du hast das gut gemacht. Das ist ein Baustein für den Tierschutz, der sich gelohnt hat."Auch Neubibergs Bürgermeister Günter Heyland dankte für die "engagierte und hervorragende Arbeit für den Tierschutz". Denn, wie er sagte: "Tierschutz ist auch Menschenschutz."

Der "Tibu"-Preis wird erstmals vergeben

Aber nicht nur die Akademie wurde geehrt, sondern auch andere verdiente Tierschützer. Im Rahmen der Jubiläumsfeier in Neubiberg verlieh der Tierschutzbund erstmals einen Preis mit dem Namen "Tibu". Mit ihm sollen Menschen und Institutionen gewürdigt werden, die mit ihrem Wirken den Wertewandel in der Gesellschaft zu mehr Tierschutz voranbringen. Die vier Preisträger in diesem Jahr sind SZ-Redakteurin Silvia Liebrich, ZDF-Redakteur Christian Rohde, Achim Spiller, Inhaber der Professur für "Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte" der Universität Göttingen, sowie das Kulturfestival Tollwood in München. Der Preis soll künftig jährlich vergeben werden.

Auch wenn die Akademie im Tierschutz viel vorangebracht hat, geht ihr die Arbeit nicht aus. Ein Thema, mit dem sich die Akademie immer wieder beschäftigt, ist das "Animal Hoarding": ein Krankheitsbild, bei dem Menschen Tiere in großer Anzahl halten, sie aber nicht mehr angemessen versorgen und das nicht erkennen. "Wir müssen da hinkommen, eine Prophylaxe zu schaffen", sagt Rusche.