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Ministerin Giffey bei VHS-Diskussion in Haar:Wissen ist krass

Zu Gast bei der VHS: Franziska Giffey (Mitte), Gabriele Müller (links) und Franziska Hampf.

(Foto: Claus Schunk)

Zum 100-jährigen Bestehen der Volkshochschulen diskutieren Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und Münchens VHS-Chef Klaus Meisel über die Bedeutung der Erwachsenenbildung - gerade angesichts aktueller Gefahren für die Demokratie.

Wenn es noch etwas mehr Leidenschaft für die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Volkshochschulen gebraucht hat, Franziska Giffey hat sie im Gepäck: in ihrer Gestik und Mimik und vor allem mit ihrer Neuköllner Schnauze, die sie nie so ganz ablegen kann. "Mensch, meine Güte", ruft die Bundesfamilienministerin in den voll besetzten Saal der Haarer Volkshochschule. Stolz sollten alle sein auf das Erreichte. Ihr selbst sei nicht bang um die Zukunft der Erwachsenenbildung, vielmehr sei diese dringender nötig denn je. Und dann zitiert sie noch das Motto einer Jugendeinrichtung im sächsischen Pirna, die sie unlängst besucht hat: "Machen ist wie wollen, nur krasser."

Die 41-jährige Sozialdemokratin Giffey ist die Attraktion an diesem Langen Abend der VHS in Haar, der sehr unterhaltsam und humorvoll beginnt - und doch einen sehr ernsten, politischen Charakter entwickelt. In der Diskussionsrunde auf Einladung der Haarer VHS, die von Werner Reuß vom Bayerischen Rundfunk moderiert wird und an der neben Giffey Haars Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD), Franziska Hampf vom Ifo-Institut und Klaus Meisel, der Geschäftsführer Chef der Münchner Volkshochschule, teilnehmen, geht es um die Rolle der Volkshochschulen im Allgemeinen; aber auch um ihre Wirkung in die Gesellschaft hinein und den gesellschaftlichen Zusammenhang.

Als Chef der größten Volkshochschule Europas weiß Meisel um die Strahlkraft seiner Einrichtung, gleichzeitig stellt er aber eine bedrohliche Entwicklung fest: "Nichts ist mehr sicher. Auch unsere Demokratie nicht, das haben wir lernen müssen." Umso wichtiger seien die Volkshochschulen mit ihrer Funktion als "Integrationsbildungseinrichtungen", sagt Meisel, das habe sich auch im Jahr 2015 gezeigt, als Tausende Geflüchtete nach Deutschland kamen und sich die Volkshochschulen "relativ schnell und flexibel der Herausforderung gestellt" hätten. Beim Thema Zuwanderung angekommen, gibt der Vorsitzende des Bayerischen Volkshochschulverbands noch ein Bekenntnis ab: "Wir werden unsere sozialökonomische Prosperität nur halten, wenn wir ein positives Einwanderungssaldo haben."

Die Volkshochschulen wirken in die Gesellschaft hinein

Wie Integration funktionieren kann und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammengeführt werden können, erlebt Ministerin Giffey bei einer Führung durch die Haarer Volkshochschule vor der Diskussion. Dieses Haus, in dem neben der VHS auch die Musikschule untergebracht ist, sei "ein Ort, an dem Demokratie gelebt wird", stellt Giffey dabei fest. Hier werde das Motto der Feierlichkeiten gelebt: "Zusammen leben, zusammen halten." Auch Bürgermeisterin Müller betont, wie wichtig die Volkshochschulen seien und wie weit sie in die Gesellschaft hinein wirkten: etwa beim Thema Ganztagsklassen und Nachmittagsbetreuung, die in Haar federführend von der VHS organisiert würden.

Der gesellschaftliche Wandel, die Digitalisierung, die demografische Entwicklung - all dies fordere auch der Erwachsenenbildung viel ab, sagt Giffey. "Menschen werden älter und das ist ja auch etwas Gutes: Sie sind länger fitter." Diese Tatsache müsse auch als Chance begriffen werden. Die Zahl derer, die sich nach dem Renteneintritt ehrenamtlich betätigen wollten, nehme zu. "Gleichzeitig müssen wir dieser größer werdenden Gruppe auch etwas anbieten", fordert Giffey.

Immer wieder ist an diesem Abend zu hören, wie wichtig die Volkshochschulen als Orte der Begegnung seien, als Vermittler von Allgemeinbildung und spezifischem Wissen, das in einer sich stetig wandelnden Arbeitswelt benötigt werde - und als Stütze des Systems. "Die Demokratie braucht nicht nur mitarbeitende, sondern auch mitdenkende Menschen", sagt Klaus Meisel. Damit die Volkshochschulen ihrem Lehrauftrag gerecht werden, müssen sie sich aber auch auf die Unterstützung des Staates verlassen können. Und die kommt von Franziska Giffey.

VHS-Kurse, die nicht zwingend Arbeitswissen vermitteln, würden nicht mit Umsatzsteuer belastet, versichert die Ministerin. Zuletzt hatte es bei den Volkshochschulen Befürchtungen vor einer solchen Belastung gegeben.

© SZ vom 23.09.2019/belo

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