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TSV Unterhaching:Vergebliche Klimmzüge

Corona-Zeit beim TSV Unterhaching: Turn-Abteilungsleiter Oskar Paulicks in der leeren Trainingshalle.

(Foto: Claus Schunk)

Trotz aller Hygienekonzepte dürfen von den Turnern nur wenige Auswahlathleten trainieren.

Von Iris Hilberth, Unterhaching

Das Forschungsergebnis kam aus England und für die Turner war das eine gute Nachricht inmitten der Pandemie: Magnesiumcarbonat killt Coronaviren. Die De Montfort University in Leicester hatte herausgefunden, dass diese chemische Verbindung auf Oberflächen antiviral wirkt, egal ob man das Chalk in flüssiger Form mit hohem Alkoholgehalt oder in Pulverform verwendet.

Wer schon mal in einer Kletter-oder Kunstturnhalle war, weiß, dass die Luft dort seit jeher magnesia-geschwängert ist. Die Sportler verwenden das weiße Zeug für die Hände massenhaft, um den richtigen Halt an Reckstange oder Barrenholm zu bekommen. Nur im Moment hat sich der Staub gelegt, hier wird erst mal nichts mehr aufgewirbelt. Das ist die schlechte Nachricht für die Turner und auch alle anderen Sportler. Die Hallen bleiben so gut wie überall zu und damit leer. Daran wird sich nach einer Entscheidung des bayerischen Kabinetts am Donnerstagabend so schnell auch nichts ändern.

Nur eine kleine Auswahl an Kaderathleten darf trainieren. Oskar Paulicks, Abteilungsleiter des TSV Unterhaching, kann die Regelung nicht nachvollziehen. Etwa 120 Turner und Turnerinnen im Leistungs- und Wettkampfsport hat der Verein. Von denen sind acht im Landes- oder Bundeskader. Alle anderen müssen derzeit mit dem Training aussetzen. "Zu Hause gehen ja höchstens ein paar Kraftübungen oder Dehnung", sagt Paulicks.

Bis vor ein paar Tagen betraf das auch einzelne Turner der Zweitliga-Mannschaft. Denn eng verknüpft mit der Frage, wer darf und wer nicht, ist die Einordnung in Profis und Amateure. Nun kann man als Turner in der Zweiten Bundesliga nicht von seinem Sport leben, dennoch scheut Paulicks allein vom Trainingsaufwand nicht den Vergleich mit Zweit- oder Drittligafußballern. Schließlich hat er doch erreicht, dass sich jene paar Turner aus der Riege, die als Team Exquisa Oberbayern in der zweiten Liga antritt, auf die anstehenden Wettkämpfe vorbereiten dürfen. Man müsse die Definition von Profisport hinterfragen, findet Paulicks. Mehr Sportler werden vorerst kaum in den Genuss von Hallentraining kommen, denn seit Donnerstagabend kann man auch nicht mehr auf Tennis- oder Squashspieler verweisen, die bis dahin auch noch Indoorsport treiben durften. Nachdem der Verwaltungsgerichtshof die Schließung von Fitnessstudios gerügt hatte, hat die Staatsregierung zur Wahrung des Gleichheitsprinzips gleich mal sämtliche Hallendisziplinen gestrichen. Demnach erübrigt sich auch die Diskussion, was nun Individualsport ist und wann eine Gruppe beginnt.

Ausnahmen bestehen nur für Profis und den Schulsport. Wenn dieser stattfinde, könne man auch den Vereinssport erlauben, meint Paulicks und verweist auf das Konzept der Turnabteilung: kleinere Gruppen, Ausdehnung des Trainingsbetriebs bis in den späten Abend, um weniger Gruppen gleichzeitig in der Halle zu haben, keine Zuschauer, auch nicht die Eltern, und jede Stunde zehn Minuten Querlüften. "Wir haben das ganz streng eingehalten und sogar Leute nach Hause geschickt, wenn auch nur einer zu viel war", sagt er. "Es funktionier!" Schließlich habe sich keiner im Verein angesteckt.

Dass es auch für Kaderathleten, die trainieren dürfen, eine schwierige Zeit ist, zeigt der Fall einer Unterhachinger Turnerin. Das Mädchen war als Kontaktperson 1 in 14-tägiger Quarantäne, weil in der Schulkasse ein positiver Fall aufgetreten war. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als die Athletin zur Qualifikation für die Deutschen Jugendmeisterschaften antreten wollte. Obwohl beide Tests negativ waren, ging das nicht. Die Sportlerin durfte an den Titelkämpfen nach der Quarantäne dann zwar ohne Qualifikation teilnehmen - ohne Training war das laut Paulicks aber wenig erfolgreich. Der Abteilungsleiter findet das mit Blick auf den Profifußball, wo nach schon einem negativen Test wieder gespielt werden kann, ungerecht. Immerhin gab es am Donnerstag noch eine gute Nachricht: Die Sportminister der Länder haben auf ihrer Jahrestagung den Bund gebeten, Sportvereinen und Selbstständigen im Sport einen unbürokratischen Zugang zu den außerordentlichen Wirtschaftshilfen zu ermöglichen.

© SZ vom 14.11.2020/hilb

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