Landtagswahl: AfD-Kandidat Ulrich Riediger Verteidigungs-Politiker

"Monument der Demokratie" nennt Ulrich Riediger die Linde, die 1808 zur Einsetzung der Bayerischen Verfassung gepflanzt wurde.

(Foto: Claus Schunk)

Ulrich Riediger will sich als Direktkandidat der AfD im Stimmkreis München-Land Süd nicht mit Nazis in einen Topf werfen lassen. Der 64-jährige Grünwalder gibt sich geschichtsbewusst. Doch lieber als über Hitler redet er über die "sozialistische Kanzlerin" Angela Merkel.

Von Patrik Stäbler, Grünwald

Ulrich Riediger hat letztens noch etwas Wahlwerbung betrieben, für sich und seine Partei. "Ich habe im Freundeskreis SMS verschickt", erzählt der AfD-Direktkandidat bei der Landtagswahl im Stimmkreis München-Land Süd, während er am Rathaus seines Heimatorts Grünwald vorbeimarschiert. "Wissen Sie, was mir ein Bekannter geantwortet hat?", fragt der 64-Jährige. "Er hat geschrieben: Ruf mich nie wieder an, du Arschloch-Nazi."

Schon ist Riediger wieder bei jenem Thema angelangt, über das er heute des Öfteren gesprochen hat: "Die gesellschaftliche Ächtung der AfD", so hat er das vorhin genannt. "Wir werden behandelt wie Staatsfeinde." Auch im Privaten bleibe sein politisches Engagement nicht folgenlos: Als selbständiger PR-Mann in der Immobilienbranche hätten sich Auftraggeber von ihm abgewandt; mehrere Bekannte kündigten ihm die Freundschaft. Doch bevor Riediger sein Klagen fortsetzen kann über das "Nazi-Bild", das ihm zufolge vor allem die Medien von seiner Partei zeichnen, ist er an dem Ort angekommen, dessentwegen er den Gesprächspartner hierher geführt hat: der Gedenkstein für Thomas Max, einem Grünwalder Widerstandskämpfer während der NS-Zeit, den im April 1945 ein glühender Nazi ermordete.

"Zur Mahnung gegen Gewalt und Fanatismus", liest Riediger die Inschrift vor. "Das ist mir wichtig - gerade in einer Zeit, in der alle gegeneinander aufgestachelt werden." Ob seine Partei, die AfD, nicht auch ihr Scherflein zum Aufstacheln beitrage? Bei dieser Frage guckt Riediger so erstaunt, als habe man sich nach der Farbe seiner Unterhose erkundigt. "Nein!", ruft er dann etwas lauter als in seinem sonst so ruhigen Ton. "Das stimmt nicht. Wir sind Kritiker, aber unsere Kritik ist begründet." Die AfD sei eine "bürgerlich-demokratische Partei", das hat Riediger bei der Diskussionsrunde der Direktkandidaten in Taufkirchen betont. Auch dort fühlte er sich ungerecht behandelt. Dass man ihn am Rand platziert und die Süddeutsche Zeitung hinterher von "dem ganz rechts sitzenden AfD-Mann Riediger" geschrieben habe, das sei doch wohl "tendenziös". Als er am selben Abend wegen eines Interviews angesprochen und gebeten wird, einen Ort für das Treffen zu nennen, der für ihn persönlich oder politisch bedeutsam sei, antwortet Riediger: "Vielleicht Chemnitz?" - und lacht.

Riediger war lange Jahre FDP-Wähler, dann in der CSU

Offenbar war das ein Scherz; am Telefon schlägt er den Grünwalder Marktplatz als Treffpunkt vor. Denn hier, sagt er, fänden sich nicht nur der Max'sche Gedenkstein, sondern mehrere "Monumente der Demokratie". Riediger meint damit zum einen die Linde, die 1808 zur Einsetzung der Bayerischen Verfassung gepflanzt wurde, zum anderen jenen Baum, der anlässlich der Wiedervereinigung folgte. Er bringt ihn zu seiner persönlichen Geschichte: Der Vater kam als Vertriebener aus Königsberg nach München, die Mutter stammt aus Halle an der Saale. "Meine Familie hat unter beiden Terrorregimen gelitten, dem Nationalsozialismus und der SED-Diktatur. Das war auch der Grund, warum ich in die Politik bin." Dabei war Riediger lange Jahre FDP-Wähler, später engagierte er sich eine Zeitlang in der CSU. So richtig in Fahrt kam sein politischer Einsatz aber mit der AfD, der er kurz nach Gründung beitrat - als Mitglied Nummer 624, sagt er stolz.

Bei der Bundestagswahl 2013 war Riediger Direktkandidat der AfD, die 4,7 Prozent der Stimmen holte. Vier Jahre später kam die Partei auf 12,6 Prozent; und bei der Landtagswahl hoffe er nun auf ein "Ergebnis im zweistelligen Bereich, in Richtung 20 Prozent", sagt Riediger. Seine eigenen Aussichten auf ein Mandat nennt er "ganz gut, wenn Wähler mit ihrer Erststimme AfD statt CSU wählen". Tatsächlich sind die Chancen, dass der Grünwalder bald im Landtag Platz nimmt, angesichts prominenter Konkurrenz im Stimmkreis und Listenplatz 27 verschwindend gering. Ihm gehe es nicht um ihn selbst, betont der AfD-Mann, sondern um seine Partei.

Der Landkreis ist nicht sein Thema

Was einen direkt zu einem weiteren Denkmal am Marktplatz bringt: dem Kriegerdenkmal. Was Riediger sagen würde, wenn jemand dieses als "Denkmal der Schande" bezeichnete? "Ich weiß natürlich, worauf Sie hinauswollen", sagt er statt einer Antwort und setzt dann zu einer langen Verteidigungsrede für Björn Höcke an - einem "ausgesprochenen Patrioten", dessen Reden nur in Westdeutschland auf Unverständnis stießen, was auf die unterschiedliche Sozialisation in Ost und West zurückzuführen sei. Und Alexander Gaulands Bemerkung, wonach Hitler und die Nazis nur ein "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte seien? "Das war unklug", findet Riediger - einerseits. Andererseits spricht auch er danach von einer "Hitler-Psychose" der Deutschen. Dabei sei Hitler doch "ein Anachronismus. Der gehört nicht mehr in unsere Zeit".

Am Ende eines langen Gesprächs am Marktplatz hat Riediger wenig über den Landkreis geredet, aber das sei auch nicht das Thema von ihm oder seiner AfD, sagt er. "Wir sind keine Regionalpartei und haben da wenig Erfahrung. Wir sind im Großen angetreten." Und so geht's bei Riediger eher um Grenzen, die man dichtmachen müsse, um den Islam, der hier nichts zu suchen habe, um die "Rechtsbrüche" der aktuellen Regierung - und vor allem um Angela Merkel. Ihren Namen nennt der AfD-Mann gefühlt alle fünf Minuten: Mal zetert er über die "sozialistische Kanzlerin", mal bezichtigt er die CSU als "Merkels Lakaien", und mal warnt er allen Ernstes vor der "Ex-SED-Frau", die Deutschland zu einer "DDR 2.0" machen wolle.

Bei der Verabschiedung hat Riediger ein Anliegen: "Bitte", sagt er, "machen Sie in dem Artikel keinen Nazi aus mir."

Die SZ stellt in loser Folge die Direktkandidaten der sieben größten Parteien im Landkreis vor. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.sueddeutsche.de/muenchen/landkreismuenchen.