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Unterföhring:In eigener Sache

Gemeinde Unterföhring Kultur

Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief und ihr Stellvertreter Florian Nagel haben die Reihe initiiert.

(Foto: Robert Haas)

Das Kulturamt organisiert eine groß angelegte Veranstaltungsreihe zum Thema "Was ist Rassismus?" Anlass ist die Diskussion um den jährlich an Bühnenkünstler vergebenen Preis, der bis vor kurzem "Mohr" hieß.

Von Sabine Wejsada, Unterföhring

Was ist Rassismus und in welchen Formen tritt er auf? Wo fängt Rassismus an und was verursacht ihn? Wie kann man auf rassistische Äußerungen reagieren? Und wie kann jeder Einzelne es vermeiden, ungewollt und unbewusst zu diskriminieren? Diesen Fragen stehen im Mittelpunkt einer Kultur- und Bildungsreihe der Gemeinde Unterföhring, die vom 16. März bis zum 8. April gleichzeitig mit den "Internationalen Wochen gegen Rassismus 2021" stattfindet.

In Kooperation mit Vereinen, dem Gymnasium Unterföhring und der örtlichen Volkshochschule hat das Team von Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief und ihrem Stellvertreter Florian Nagel die insgesamt zwölf Veranstaltungen entwickelt und aufgesetzt. Ein durchaus kräftezehrendes Projekt, wie Schulte-Rief und Nagel übereinstimmend sagen. Beide sind gespannt, wie die Reihe ankommt, aber überzeugt davon, dass das Thema Rassismus einen ganz breiten Raum bekommt. Das Kulturamt hat für die Lesungen, Vorträge, Theaterstücke, Filme und Darbietungen Autoren, Journalisten, Wissenschaftler, Schauspieler und Bürger aus dem Ort gewinnen können, die allesamt auf ihre Weise die vielen Erscheinungsformen von Rassismus aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten - und dabei aufzeigen, wie schnell es gehen kann, dass unbedachte Aussagen das Gegenüber verletzten können, ohne dass dies die Intention des Absenders der Worte gewesen ist. Als Moderatorin hat das Bürgerhaus die BR-Journalistin Nina Landhofer gewinnen können.

Die Referentin für politische Bildung Astrid Hummeltenberg (22. März), der Autor Mohamed Amjahid (30. März) und der Ethnologe Gregor Sterzenbach (8. April) widmen sich in ihren Vorträgen und Lesungen den Themen "Alltags-, struktureller und institutioneller Rassismus". Der Geschichtswissenschaftler Roland Funk spricht über das Thema "Deutsche Kolonialherrschaft" (24. März) und Bestsellerautor Hasnain Kazim gibt Tipps für eine gesunde Streitkultur, um dumpfem Hass und platten Parolen Einhalt zu gebieten (16. März). Der Unterföhringer Künstler Zuheir Darwish liest aus seinem Buch "Weg nach Bavaristan" (19. März). Zudem setzen sich Theater- und Filmprojekte mit Ausgrenzung, Vorurteilen und kulturellen Missverständnissen auseinander. Das Online-Schauspiel "Gold" der Regisseurin Luise Rist beschäftigt sich mit dem sogenannten "salonfähigen Rassismus" (20., 27. März) Die Filmemacherin Franziska Schönenberger präsentiert mit ihrem Film "Amma & Appa" einen dokumentarischen Culture Clash (21. März) und im Kinderfilm "Fremd ist man nur, solange man sich nicht kennt" treffen in Wolle und Gack zwei tierische Helden voller Vorurteile aufeinander (23. März).

Von seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit Rassismus berichtet Rapper und Buchautor David Mayonga alias Roger Rekless (18. März), und der interkulturelle Frauentreff Unterföhring interpretiert John Lennons Song "Imagine" in eigener Über- und pandemiekonformer Umsetzung. Der laut Florian Nagel sehr besondere Auftritt der Frauen ist während der Veranstaltungsreihe täglich als Stream abzurufen. Alle anderen Termine müssen wegen der aktuellen Corona-Lage ebenfalls virtuell über die Bühne gehen, wobei einige der Protagonisten für ihre Auftritte ganz analog ins Bürgerhaus kommen und den Abend über anwesend sind, um via Livestream oder Zoom zu sprechen und zu diskutieren. Die Teilnahme ist kostenlos und nach vorheriger Anmeldung beim Unterföhringer Bürgerhauses und bei der VHS möglich.

Begleitend stehen bis in den April hinein Workshops im Gymnasium und in der Gemeindeverwaltung mit dem Politik und Verwaltungswissenschaftler Lorenz Narku Laing auf dem Programm. Laing hat das Sozialunternehmen Vielfaltsprojekte gegründet und gilt als Experte, wenn es um Fragen zu Rassismus geht. Am Gymnasium sind Projekttage geplant, im der Verwaltung können die Beschäftigten an einer schriftlichen Umfrage teilnehmen.

Angestoßen wurde die Bildungsreihe vom Unterföhringer Gemeinderat im vergangenen Herbst, als darüber debattiert wurde, ob der Unterföhringer Kulturpreis eine rassistische Symbolik bedient. Seit mehr als einer Dekade bekommen Künstler, deren Auftritte während des Jahres beim Publikum am besten ankamen, eine kleine Büste aus Marmor überreicht. Seit dem vergangenen September trägt der Kulturpreis nach mehrheitlichem Beschluss der Lokalpolitiker nicht mehr die Bezeichnung "Unterföhringer Mohr". Die Auszeichnung heißt seitdem schlicht "Unterföhringer Kulturpreis". Bereits im Sommer 2020 war das Thema im Zuge der "Black lives matter"-Proteste in den USA in der Gemeinde angekommen. Viele stellten sich auch am Ort die Frage, ob der aus dem Gemeindewappen entlehnte "Mohr" als Würdigung von Kulturschaffenden angemessen ist. Während der Name verschwindet, hat sich der Gemeinderat dafür ausgesprochen, zunächst an der Gestaltung der kleinen Figur aus schwarzem Marmor, die einen Knaben mit krausem Haar und breiten Lippen darstellt, nichts zu ändern. Erst nach Abschluss der aktuellen Veranstaltungsreihe gegen Rassismus soll eine entsprechende Debatte geführt werden.

Dass die Entscheidung darüber, wie der Unterföhringer Kulturpreis aussehen soll, letzten Endes eine politische sein muss, darüber sind sich Barbare Schulte-Rief und Florian Nagel einig. Auch wenn es sich um eine Auszeichnung auf Grundlage des Publikumsgeschmacks handelt und in den nächsten Wochen ein öffentlich geführter Diskurs erwünscht ist, kann und muss nur der Gemeinderat die Frage beantworten, ob die Figur ohne Namen Bestand haben soll oder sein Schicksal besiegelt ist.

Schulte-Rief würde sich wünschen, dass der kleine Knabe aus Stein durch das Rassismus-Projekt und die intensive Beschäftigung mit dem Thema im besten Fall "positiv besetzt" werden kann, wie sie sagt. Sollte sich allerdings zeigen, dass das nicht geht, dann braucht es nach dem nominellen Neustart auch einen figürlichen.

Was ist Rassismus? Für ein Miteinander ohne Ausgrenzung, Hass und Gewalt. Veranstaltungsreihe des Bürgerhauses Unterföhring in Kooperation mit der VHS Nord von Dienstag, 16. März, bis Donnerstag, 8. April. Infos und Anmeldung unter www.buergerhaus-unterfoehring.de oder www.vhs-nord.de.

© SZ vom 12.03.2021/hilb
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