Kreis und quer:Gefühlschaos mit Endzeitstimmung

Lesezeit: 2 min

Trotz Frühlingsanfang und Freedom Day kommt irgendwie keine Erleichterung auf. Warum wohl nur?

Von Lars Brunckhorst

In dem Strom der Nachrichten, der dieser Tage wie eine Flutwelle über die Redaktion hereinbricht, gingen zwei Meldungen fast unter: Irgendwo an der südlichen Grenze zum Landkreis haben Unbekannte ein Ortsschild gestohlen, wie die Polizei mitteilte, und in Grasbrunn ist übernächste Woche Frühjahrskehrung. Selige Gegend, wo so etwas noch für eine Nachricht gehalten wird. In Charkiw, Kiew und Mariupol ist mehr zusammenzufegen, dort fehlen seit drei Wochen nicht nur Ortsschilder. Es sind die Kriegsbilder aus der Ukraine, die allerdings auch hier stark auf die Stimmung drücken, obschon am Wochenende Frühlingsanfang und Freedom Day zusammenfallen. Das unwirkliche, endzeitstimmungsmäßige Saharastaublicht tat sein Übriges, dass sich weder Frühlingsgefühle noch Erleichterung breitmachen.

Wie sollen sie auch, wenn im Osten Europas tausendfach gestorben wird und in deutschen Krankenhäusern Corona weiterhin jeden Tag ein paar hundert Menschenleben fordert? Das verordnete Ende der Pandemie verursacht angesichts neuer Rekordzahlen an Infektionen - aktuell sind 10 000 Menschen im Landkreis erkrankt - und immer infektiöserer Virusvarianten ein flaues Gefühl. Einkaufen bald ohne Maske? Essengehen ohne 2-G-Nachweis? Großveranstaltungen ohne Zuschauerbegrenzung? Im Büro mit mehreren Kollegen statt allein im Homeoffice? Nach zwei Jahren Ausnahmezustand fühlt sich die Rückkehr zum vorherigen, normalen Leben unwirklich an.

Zumal es das gewohnte Leben so nie mehr geben wird. 357 Menschen sind allein im Landkreis München an oder mit einer Corona-Infektion gestorben, wie viele durch andere Krankheiten, weil sie wegen überlasteter Krankenhäuser oder aus Angst vor Ansteckung nicht oder zu spät medizinisch behandelt wurden, ist nicht erfasst. Zurück bleiben Hunderte von Angehörigen, denen durch Corona Menschen genommen wurden. Hinzu kommen jene, die an Spätfolgen leiden. Allein von den 82 000 Menschen aus dem Landkreis, die sich bisher infizierten - immerhin mehr als ein Fünftel der Bevölkerung - dürften das Hunderte sein.

Aber auch alle anderen, die - bisher - unbeschadet durch die Pandemie kamen, werden nicht ans vorherige Leben anknüpfen, als wäre nichts gewesen. Geht man wieder samstags ins Stadion? Umarmt man seine Freunde? Trägt man weiter Maske, selbst wenn man demnächst bald im Supermarkt blöd angeschaut wird? Und über allem schwebt die Frage: Was ist im kommenden Herbst und Winter? Droht dann die sechste oder siebte Welle mit einer vielleicht noch ansteckenderen Variante, gegen die die Impfungen ihre Wirkung weiter einbüßen, und gar ein erneuter Lockdown?

Man fühlt sich seltsam hilf- und schutzlos. Das trifft sowohl auf das Virus als auch auf den Krieg in der Ukraine zu. Und man realisiert allmählich, dass dieses trügerische Gefühl der Sicherheit, in dem wir uns jahrzehntelang sonnten, so voraussichtlich nie zurückkehren wird.

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