Konzert Virtuos vom Teufel beschissen

Schauspieler Ilja Richter liefert eine starke One-Man-Show, eine rasante Abfolge aus blitzsauberen Wechseln zwischen den Textpassagen.

(Foto: Claus Schunk)

Ilja Richter und BR-Solisten inszenieren überzeugend Strawinskys Musiktheaterstück "Die Geschichte vom Soldaten"

Von Franziska Gerlach, Haar

Auf der Bühne im Haarer Bürgersaal, das darf man wohl behaupten, hat Ilja Richter an diesem Abend ordentlich zu tun. Er spielt nicht nur eine Prinzessin, einen Soldaten und den Teufel höchstpersönlich. Der Schauspieler ist gewissermaßen auch dafür zuständig, dass die Kulissen wechseln und dass der Vorhang fällt zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des von einem russischen Volksmärchen inspirierten Bühnenstücks. Nur den musikalischen Part in Igor Strawinskys "Die Geschichte vom Soldaten" - der Geschichte eines unglückseligen Tauschgeschäfts - , den haben freilich die entsprechenden Profis übernommen: Solisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks.

Keine Schauspieler in Kostümen, kein Bühnenbild - dafür ein Erzähler, nämlich Richter, der nach Art einer Jahrmarktbühne Szene für Szene die Handlung schildert, und was passiert, wenn man sich mit dem Teufel einlässt. Ein Zauberbuch für seine Geige, das klingt verlockend, erweist sich letztlich aber als denkbar schlechter Tausch für den titelgebenden Soldaten. Um das zu vermitteln, braucht es nicht viel: Der konsequent praktizierte Minimalismus im Stück ist allerdings weniger als Kunstgriff zu verstehen, mit dem sich moderne Inszenierungen gern um Coolness bemühen. Nein, dieser Minimalismus resultiert aus einem echten Mangel. Als Strawinsky vor gut einhundert Jahren "Die Geschichte vom Soldaten" ersann, ein musikalisches Theaterstück mit märchenhaften Zügen, befand sich der russische Komponist im Exil am Genfer See. Der Erste Weltkrieg wütete, für aufwendige Produktionen fehlten die Mittel. Also beschränkte sich Strawinsky auf ein kleines Ensemble aus Klarinette, Geige, Kontrabass, Fagott, Posaune, Trompete und Schlagzeug - sieben Musiker, der Text stammt von dem 1878 in Lausanne geborenen Dichter Charles-Ferdinand Ramuz, der als der vielleicht bedeutendste Vertreter Schweizer Literatur in französischer Sprache gilt.

Ohne sich sprachlich zu verkünsteln lässt der Erzähler vor dem inneren Auge ein Flussufer, ein Dorf und schließlich sogar eine Prinzessin entstehen, die der Soldat - so wird es Ilja Richter am Ende erzählen - bei der Hand nimmt. Wie idyllisch das Dorf ist, oder wie anmutig die Prinzessin, das bleibt der Fantasie des Publikums überlassen.

Es klingt vielleicht pathetisch, aber mit dem letzen Paukenschlag endete am Sonntagabend nicht nur ein von den Solisten des BR-Symphonieorchesters virtuos vorgetragenes Konzert, sondern auch eine gewisse Ära in Haar. Strawinkys Geschichte vom Soldaten, der dem Teufel auf den Leim geht, ist nach 22 Jahren die letzte Veranstaltung, die Theresa Heil, Wolfgang Dietrich, Inge Eckstein und Marianne Heidegger als Vorsitzende des Kulturvereins Haar in den Bürgersaal der Gemeinde geholt haben - der neue Vorstand hat seine Arbeit bereits aufgenommen. Die Aufführung dürfte noch eine Weile für Gesprächsstoff im Münchner Osten sorgen: Der 66-jährige Richter bot den Haarern eine gigantische One-Man-Show, eine rasante Abfolge aus blitzsauberen Wechseln zwischen den Textpassagen, die teils in Reimform gehalten waren. Wie eine in die Jahre gekommene Operndiva dehnt der Schauspieler, der in den Siebzigern mit der Moderation der Musiksendung "Disco" im ZDF ("Licht aus! Spot an!") bekannt wurde, die Vokale, als der Teufel dem Soldaten in Gestalt eines alten, jammernden Weibes begegnet. Als Prinzessin säuselt er Liebreiz herbei, nur um im nächsten Moment für die Rolle des Soldaten einen Schweizer Zungenschlag abzurufen, der in seiner Langsamkeit so unbedarft wirkt, dass dieser einem glatt leid tut. Nicht den Hauch einer Chance hat der arme Kerl im Schlagabtausch mit dem Teufel, da bleibt ihm nur die Flucht in ein Lamento, das in seiner Tragik fast schon wieder komisch wirkt. "Teufel", ruft Richter, ballt die Faust, wippt in den Knien, "du hast mich beschissen!"

Das hat er nun also davon. Die Taschen voller Geld - das Buch weiß ja stets, was an der Börse passiert, sorgte Richter beim Publikum für Erheiterung. Doch der Soldat ist einsam, sehnt sich nach Liebe. Das Unbehagen dieser unfreiwilligen Isolation verdichtet sich in zitternden Bogenstrichen auf der Geige und der melancholischen Melodie der Klarinette. "Die Geschichte vom Soldaten" erweist sich als krude Mischung aus Märschen, Walzern und Stücken, die sich stilistisch auch beim Tango bedienen. Durchsetzt mit kunstvoll platzierten Dissonanzen und bewusst verpatzten Einsätzen, verlangt diese musikalische Wundertüte Igor Strawinskys dem auf Harmonie getrimmten Gehör doch einiges ab.

Dass am Ende auch noch der Teufel triumphieren darf - geschenkt! Im Haarer Bürgersaal siegt an diesem Abend das Ohr über das Auge. Die Kraft der Vorstellung über das Bild. Und dafür gibt es langen Applaus.