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Kommunalwahl in Oberschleißheim:Spontaner Überraschungssieger

Markus Böck, 43, hat in Oberschleißheim Christian Kuchlbauer aus dem Rathaus verdrängt.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Weil er sich über die Zaghaftigkeit der Oberschleißheimer CSU ärgerte, brachte sich Markus Böck selbst als Bürgermeisterkandidat ins Gespräch - und bezwang den Amtsinhaber.

Es wunderten sich viele, als die Oberschleißheimer CSU bei ihrer Nominierungsversammlung im Oktober beschloss, zur Kommunalwahl 2020 keinen Bürgermeisterkandidaten aufzustellen. Markus Böck war auch massiv erstaunt. Dabei ging es ihn streng genommen gar nicht so viel an: Er war kein CSU-Mitglied, er war kein Oberschleißheimer Bürger. "Für mich war das nicht zu glauben", erinnert er sich heute, "und ich hab ein bisserl sehr laut drüber geschimpft."

Das führte dann in seinem nahen Umfeld zu dem spontanen Gedankengang, dass Böck selbst doch auch einen passablen Kandidaten abgeben würde. Einer hatte engeren Kontakt zum Oberschleißheimer CSU-Vorstand und hinterlegte dort mal Böcks Handynummer. Am Montag nun ist Markus Böck, 43, in seinem Haus in Hackermoos, Gemeinde Hebertshausen, Landkreis Dachau, als neugewählter Bürgermeister von Oberschleißheim aufgewacht. "Ich kann's immer noch nicht richtig glauben", sagte er am Tag nach der Stichwahl, in der er sich mit 54,1 Prozent der Stimmen gegen Amtsinhaber Christian Kuchlbauer (FW) durchgesetzt hat.

Ein Hackermooser! In Oberschleißheim! Noch am Abend des ersten Wahlganges, als sich Böck reichlich überraschend als Herausforderer von Kuchlbauer für die Stichwahl qualifiziert hatte, zog der amtierende Bürgermeister sofort dieses "Argument" als Joker im Showdown: Jetzt stehe ein Schleißheimer gegen einen Hackermooser. Selbst wenn man eine geografische Diskriminierung als Mittel der politischen Auseinandersetzung gelten lassen wollte - im Fall Böck/Hackermoos geriet das vollends zur Farce.

Wenn Böck sein Elternhaus in Hackermoos verlässt, in dem er mit Partnerin Elke Hagl lebt, steht er auf Oberschleißheimer Straßengrund. In Oberschleißheim ging er in den Kindergarten und zur Schule, im Oberschleißheimer Gemeindeteil Badersfeld ist er aktiver Feuerwehrmann und war Mitglied der Laienspielgruppe. In Oberschleißheim ist er jedenfalls so verwurzelt, dass er im Vorfeld der Wahl "eine Stimmungslage" gegen den amtierenden Bürgermeister zu spüren glaubte - und es drum überhaupt nicht verstand, warum die CSU diese Chance verstreichen lassen wollte.

Schleißheimer Namensvettern

Man wird gut darauf achten müssen, wer demnächst Zweiter Vorsitzender im SV Riedmoos wird. 2013 war dies Christoph Böck, der das Amt dann aufgab, als er zum Bürgermeister von Unterschleißheim gewählt wurde. 2020 ist dies aktuell Markus Böck - der das Amt demnächst aufgeben muss, weil er zum Bürgermeister von Oberschleißheim gewählt ist. Böck und Böck gemeinsam Bürgermeister von Ober- und Unterschleißheim - um die Zufälligkeit noch auf die Spitze zu treiben, sind sie, so weit das in den Ahnenreihen überschaubar ist, nicht mal miteinander verwandt. Vor ihrer Funktionärstätigkeit in der "Kaderschmiede" SV Riedmoos haben sie dort auch ein paar Jahre gemeinsam gekickt, wobei Christoph Böck zehn Jahre älter ist. Es sei für Kollegen "immer ein Vorteil, wenn man sich schon gut kennt", sagt der Unterschleißheimer. Er gehe "von einer guten Zusammenarbeit aus", erwartet der Oberschleißheimer. kbh

Böck einigte sich mit dem Ortsvorstand auf eine Kandidatur, ließ sich von Gemeinderäten briefen, trat in die CSU ein. Er brachte weitere Kandidaten für die Gemeinderatsliste mit, darunter Stefan Hagl und Christian Ampenberger, die beide auch gewählt wurden. Hagl, Feuerwehrkommandant in Badersfeld, ist pikanterweise der Ex-Mann von Böcks Lebenspartnerin, was aber laut diesem "nie irgendwelche Verwerfungen" zwischen den Jugendfreunden hervorgerufen hat. Aus erster Ehe hat Böck zwei Töchter.

Am Montag war erst einmal Ausruhen angesagt. Bis drei Uhr nachts hatte Böck Gratulationsnachrichten auf allen Kanälen beantwortet. Jetzt muss der Polizeibeamte den Übergang organisieren. Böck ist Mitglied der Führungsgruppe in der Polizeiinspektion 14, die in München unter anderem für das südliche Bahnhofsviertel und das Oktoberfest jenseits der Theresienwiese zuständig ist.

Auch von Kuchlbauer erwartet er nach eigener Aussage "eine gscheite Übergabe", im Wahlkampf sei man "immer respektvoll" miteinander umgegangen. Im Gemeinderat wolle er "versuchen, mit allen zusammenzuarbeiten", kündigte Böck an. Akribisch hatte er nach seiner Nominierung nahezu jede Rats- und Ausschusssitzung besucht, dazu öffentliche Ratsprotokolle bis zurück zu 2015 durchgeackert. Mit SPD und FDP flutscht es eh schon, die beiden Parteien hatten ihn in der Stichwahl unterstützt, eine "super Zusammenarbeit" sieht er da. Auch mit den Grünen habe es "gute Gespräche" gegeben, sagt er, auch wenn sich die am Ende nicht zu einer Unterstützung durchringen konnten. Und auf die Freien Wähler wolle er genauso zugehen, es sei "notwendig, endlich wieder Frieden reinzubringen".

CSU, SPD und FDP haben zusammen eine strategische Mehrheit im Gemeinderat, um zumindest die Personalia bei der Konstituierung des neuen Gremiums zu diktieren. In den Inhalten hatte es zuletzt zwischen den vier annähernd gleichstarken Fraktionen von CSU und FW mit je sechs sowie SPD und Grünen mit je fünf Sitzen häufig wechselnde Übereinstimmungen und damit Mehrheiten gegeben. Das dürfte wohl so bleiben.

Mitte des Monats möchte Böck den Polizeidienst abgewickelt haben und sich ans neue Amt annähern. Bei wem er sich schon vorab vorstellen werde und wo er die formale Vereidigung abwarte, müsse er noch protokollarisch klären. Aufgeben wird er auch sein Ehrenamt als Zweiter Vorsitzender beim SV Riedmoos, unbedingt bleiben will er als Einsatzkraft bei der Feuerwehr Badersfeld.

© SZ vom 31.03.2020

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