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SZ-Serie: Kaum zu glauben, Folge 2:Schweigen auf dem Weg, Applaus im Dom

Tausende junge Christen aus dem ganzen Erzbistum waren in Freising dabei.

(Foto: Marco Einfeldt)

Tausende beteiligen sich an der Jugendkorbinianswallfahrt nach Freising. Viele gehen weite Strecken zu Fuß, wie die Gruppe um Helena aus Taufkirchen. Ihr Fazit nach der Messe: "Das war ein cooler Gottesdienst."

Die Füße stecken in Wanderschuhen, die Rucksäcke sind über die Sitze verteilt, die Gespräche drehen sich um Studium, Schule, Freunde und Computerspiele. In der S-Bahn von München nach Freising hat es sich am Samstagmittag eine Gruppe von Jugendlichen und junge Erwachsenen gemütlich gemacht.

Sie sind nicht etwa unterwegs für einen Ausflug des Sportvereins, nein, ihr Ziel ist der Freisinger Dom. Wie Tausende anderer junger Christen aus dem ganzen Erzbistum wollen sie auf der Jugendkorbinianswallfahrt nach Freising pilgern. Dafür haben sie sich die Fußwallfahrt mit Beginn in Pulling ausgesucht. Eine kurze Strecke verglichen mit der Dom-zu-Dom-Wallfahrt, bei der die Pilger schon um sechs Uhr in der Früh in München losziehen müssen.

Angekommen in Pulling. Auf dem Bahnsteig hält eine Gruppe ein Schild in die Luft: "Herzlich willkommen zum Jugendkorbinian 2019". Michaela Geh streift sich eine gelbe Warnweste über und begrüßt gut gelaunt die Ankommenden. Die Jugendseelsorgerin der Katholischen Jugendstelle Ottobrunn hat die Fußwallfahrt mit organisiert und führt die Gruppe nun ein paar Meter weiter auf einen großen Parkplatz neben der S-Bahn-Überquerung.

Kinder und Jugendliche beim Bemalen von nachhaltigen Kaffeebechern.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Wallfahrer sind aus ganz unterschiedlichen Ecken des Erzbistums nach Pulling gekommen, vom Münchner Westend bis nach Bad Endorf. Auch drei Gäste aus dem französischen Evry, dem Geburtsort des heiligen Korbinian, sind dabei.

Helena Schuster aus Taufkirchen läuft in der Mitte des Trosses mit. Sie nimmt zum ersten Mal an der Wallfahrt teil, die gelbe Warnweste als Erkennungszeichen des Leitungsteams leuchtet auch auf ihrer Jacke. Recht spontan hat sich die Studentin vor anderthalb Wochen dazu bereit erklärt, dort mitzuhelfen.

Die selbstgebastelten Demoschilder am Stand des BDKJ zeigen, was junge Leute bewegt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Zu einem persönlich gefestigten Glauben habe sie durch die Communauté de Taizé gefunden, erzählt Helena, während sie immer mal wieder einen prüfenden Blick nach hinten wirft, ob alle den Anschluss behalten. "Im Alltag hat nie jemand im Bekanntenkreis über Themen wie Glaube und Hoffnung geredet, das wäre auch einfach komisch gewesen." Das sei in Taizé anders, wo jeder offen in tiefgründige Gespräche hineingehe und sich mit diesen Themen ernsthaft beschäftige.

Auch die Wallfahrer sind in Gespräche versunken. Nach einem Zwischenstopp in der Kirche St. Ulrich in Pulling sollen sie sich darüber austauschen, was sie bewegt, was sie wachrüttelt und nachdenklich macht, getreu dem diesjährigen Motto der Wallfahrt "Wachgeküsst".

Katharina-Maria Huber aus Freising und Helena Schuster aus Taufkirchen haben bei der Fußwallfahrt geholfen.

(Foto: privat)

Magdalena Stacheder aus Bad Endorf weiß vor allem die Begegnung mit anderen an der Wallfahrt zu schätzen, der kirchliche Teil ist ihr nicht ganz so wichtig. Ob eine Wallfahrt wie diese dazu bewegen kann, mehr über den eigenen Glauben nachzudenken, findet die 24-Jährige schwierig einzuschätzen. "Eine gewisse Grundhaltung muss schon da sein, um die Impulse annehmen zu können, die man hier bekommt", betont Magdalena. So wichtig ihr die Gespräche mit anderen auch sind, waren es doch sieben Tage Schweigexerzitien, die sie nachhaltig beeindruckt haben: "Dort denkt man wirklich viel über sich und das Leben nach."

Den Wert des Schweigens erfahren an der nächsten Station auch die anderen Pilger. Für einen Teil des Weges wird nun geschwiegen, einträchtig laufen die Jugendlichen nebeneinander her. Nur das gleichmäßige "Dongdong" einer nicht richtig am Rucksack befestigten Glasflasche ist zu hören, ansonsten ist es vollkommen still.

Michaela Geh deutet durch eine Lücke zwischen zwei Bäumen. In der Ferne sind schon die weißen Türme des Doms zu erkennen, jetzt ist es nicht mehr weit. "Haltet einmal diesen Ausdruck des Schweigens fest", sagt die Jugendseelsorgerin am Ende des Streckenabschnitts. "Vielleicht war es euch etwas fremd, vielleicht hat es aber auch etwas in euch verändert."

Michaela Geh ist Jugendseelsorgerin der Katholischen Jugendstelle im Dekanat Ottobrunn. Sie hat mit Hubert Linder und drei jungen Helferinnen die Fußwallfahrt von Pulling geleitet.

(Foto: privat)

Auf dem letztem Wegstück der Wallfahrt tauschen sich die Pilger über Freude aus. Hubert Linder, Jugendseelsorger aus Feldmoching, hält unter einem verwitterten Denkmal inne. Freude sei eine wichtige Kraftquelle im Leben, die zu innerem Frieden führe, betont der Diakon. "Der Friede in deinem Herzen macht das Leben der anderen schön", zitiert er eine Spruchkarte aus Taizé. Nach einem abschließenden gemeinsamen Vaterunser machen sich die Pilger zusammen auf dem Weg zum Domberg.

Vor dem Dom wird Tee ausgeschenkt, eine Wohltat für frierende Wallfahrer. In einer Viertelstunde beginnt der Gottesdienst mit Kardinal Reinhard Marx, viel Zeit bleibt nicht mehr. In der Kirche ist jeder Platz besetzt, die meisten haben es sich schon auf dem Boden halbwegs gemütlich gemacht. Hinter dem Altar stehen Fahnenträger der verschiedenen katholischen Jugendverbände. Die Wallfahrer aus Pulling zerstreuen sich, Helena aus Taufkirchen findet noch einen Platz auf dem Boden des Mittelschiffs.

Das lebhafte Stimmengewirr ebbt erst ab, als Kardinal Marx mit den Messdienern, Priestern und den Reliquien des heiligen Korbinian einzieht. Der 66-Jährige bringt geduldig immer wieder im Laufe des Gottesdienstes Ruhe in die Menschenmenge des Doms.

Die Lesung von Moses und dem Dornenbusch und das Evangelium von Petrus, der plötzlich zu zweifeln beginnt, als Jesus ihn einlädt, über das Wasser zu laufen, tauchen auch in der Predigt des Kardinals auf. "Ich wünsche euch, dass ihr den Glauben nie verliert, dass er da ist", sagt der Erzbischof, bevor er sich wieder setzt. Donnernder Applaus antwortet ihm, vermutlich keine alltägliche Situation nach einer Predigt.

Die Fahnen schwingen im Takt zur Melodie von "Africa"

Beim Verteilen der Eucharistie spielt die Band die Melodie "Africa" von Toto, die Fahnen der Jugendverbände schwingen im Takt. Nach dem Gottesdienst folgt der gemeinsame Zug zum Festplatz in der Luitpoldanlage. "Das war ein cooler Gottesdienst", befindet Helena und nimmt noch einen Schluck Tee aus ihrer Thermoskanne. Auf dem Festivalgelände ist viel zu sehen, vom Zelt der Katholischen jungen Gemeinde (KjG), das sich mit dem Thema sexuelle Vielfalt auseinandersetzt, bis hin zum Basteln von Demoschildern.

Die fertigen Schilder zeigen, welche Themen die Jugendlichen auch in diesem Kontext bewegen. Umweltschutz taucht immer wieder auf, aber auch Punkte, die häufig an der Kirche kritisiert werden wie der Umgang mit Homosexualität und die Forderung nach einer Abschaffung des Zölibats. Draußen sitzen Festivalbesucher dicht gedrängt um das Lagerfeuer der Pfadfinder. Begleitet von einer Gitarre singen sie den Klassiker "Country Roads".