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Kampf gegen Leukämie:Im Namen von Julia und Friedrich

Bei zwei Typisierungsaktionen der DKMS in Grünwald und Oberschleißheim werden Stammzellenspender gesucht. Bis zu einem Treffer helfen den Patienten die Aufmerksamkeit durch die Veranstaltungen und das Mitgefühl der Menschen.

Wenn man Julia Gasser fragt, wie es ihr geht, erzählt sie davon, was alles schön ist in ihrem Leben. Dass sie während der Chemotherapie endlich mal wieder Zeit für ihre Freunde hatte, die sie jeden Tag im Krankenhaus besuchten.

Dass ihr Mann ihr Zimmer zum schönsten der ganzen Klinik machte - mit Lichterketten, Fotos und Adventskalender. Dass ihr Gesicht durch die Medikamente zwar aufgequollen sei, aber immerhin faltenfrei. "Sobald du einen Gedanken an die Angst verlierst, zieht es dich rein in ein tiefes Loch und dann hast du verloren", sagt die 33-Jährige, die an Leukämie erkrankt ist.

Julia Gasser sitzt auf der Couch in ihrer Wohnung in Grünwald - auf dem Boden liegt kein einziger Fussel, im Badezimmer steht am Waschbeckenrand Desinfektionsmittel. Gasser soll mit so wenig Keimen und Bakterien wie möglich in Kontakt kommen - ihr Immunsystem ist schwach, die Gefahr, dass sie sich irgendwo ansteckt groß. Wenn ihre beiden Söhne, zwei Jahre alte Zwillinge, aus der Kita kommen, zieht ihr Mann ihnen als erstes neue Klamotten an. Die Waschmaschine laufe quasi rund um die Uhr, sagt Gasser.

Im Sommer besteigt die 33-Jährige Berge in Südtirol - mit Kind auf dem Rücken. Im Herbst bekommt sie kaum Luft, wenn sie die zwei Stockwerke zu ihrer Wohnung geht. Außerdem hat sie Halsschmerzen. Der Halsnasenohrenarzt macht ein Blutbild und schickt sie zum Hausarzt und der überweist sie ins Krankenhaus. Sie wartet drei Stunden in der Notaufnahme, bis sie die Diagnose bekommt: akute lymphatische Leukämie - Blutkrebs. Die weißen Blutkörperchen vermehren sich unkontrolliert, aber bilden keine funktionstüchtigen Zellen. Die Ärzte sagen, nur ein Stammzellenspender könne sie retten.

Um den zu finden, organisiert Carolin Seibert, die den Grünwalder Kindergarten Leerbichlallee leitet, für den Gasser arbeitet, eine große Typisierungsaktion: Nächsten Samstag, am 26. Januar, können sich gesunde Menschen zwischen 17 und 55 Jahren im Grünwalder Bürgerhaus von 12 bis17 Uhr in der Knochenmarkspenderdatei der DKMS registrieren lassen.

Die Aufmerksamkeit rund um die Aktion ist groß: Der ehemalige Fußballnationalspieler Miroslav Klose gibt am Nachmittag Autogramme. Die Schauspieler Christian Tramitz und Michael Brandner, die zusammen in der Fernsehserie "Hubert ohne Staller" spielen, halten eine Fanstunde ab. Gäste können sich Glitzer-Tattoos auf die Haut machen lassen, bei der FC-Bayern-Tombola etwas gewinnen und dem Grünwalder Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU) zuhören. Auf Instagram rufen Schauspieler wie Sepp Schauer, den viele aus der Nachmittagsserie "Sturm der Liebe" kennen, dazu auf, nach Grünwald zu der Aktion zu kommen.

Gleichzeitig findet am anderen Ende des Landkreises noch eine Typisierungsaktion statt: Auch der 14-jährige Friedrich aus Oberschleißheim hat Blutkrebs und sucht einen Spender. Sein Handballverein, der TSV Schleißheim, und seine Schule, das Carl-Orff-Gymnasium, veranstalten die Aktion in der Jahnhalle. Zwischen 12 und 16 Uhr kann man sich dort registrieren lassen. Parallel dazu gibt es von 14 Uhr an ein Benefizkonzert in der Trinitatiskirche, in der der Junge konfirmiert wurde.

Die Organistin Margit Kovacs und die Sopranistin Katharina Heißenhuber spielen zusammen. Der Chor des Carl-Orff-Gymnasiums tritt auf. In beiden Gemeinden helfen an die hundert Menschen mit - sie erfassen Daten, weisen Parkplätze zu, schenken Kaffee und Kuchen aus. Wie ist es, für eine Krankheit, die man nie haben wollte, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen?

Julia Gasser sagt, sie sei überwältigt und dankbar. Sie freue sich über jede Nachricht, jeden Anruf, jeden, der an sie denke und sie unterstütze. Dabei ist es nicht wahrscheinlich, dass für sie ausgerechnet bei der Aktion der passende Spender gefunden wird. Das gibt auch Laura Riedlinger, eine Sprecherin der DKMS, zu: "Unser Prinzip ist, dass wir im Namen eines Patienten für alle Patienten weltweit suchen."

Stammzellenspende

Gleich zwei Typisierungsaktionen der DKMS finden diesen Samstag, 26. Januar, im Landkreis statt: In Oberschleißheim kann man sich zwischen 12 und 16 Uhr in der Jahnhalle in der Jahnstraße 11 registrieren lassen. Im Süden besteht dazu von 12 bis 17 Uhr im Grünwalder Bürgerhaus Römerschanz in der Dr.-Max-Straße 1 die Möglichkeit. Wer sich registrieren lässt, sollte sich laut DKMS-Sprecherin Laura Riedlinger sicher sein: "Wenn man nicht weiß, ob man das Ganze durchziehen kann, sollte man es lieber nicht tun." Grundsätzlich kommen gesunde Menschen zwischen 17 und 55 Jahren in Frage. Je nach dem, was dem Erkrankten mehr hilft, kann es sein, dass sie Knochenmark oder Stammzellen spenden. Letzteres komme aber weitaus häufiger - in fast 80 Prozent aller Fälle - vor. Hier müssen sich Spender fünf Tage vor der Transplantation einen hormonähnlichen Stoff spritzen. Dieser, so erklärt es Riedlinger, lässt den Körper glauben, er hätte eine Erkältung. Um diese zu bekämpfen, produziert er vermehrt Stammzellen. "Es kann sein, dass der Spender in der Zeit Gliederschmerzen und Kopfweh bekommt. Es ist aber auch möglich, dass er gar keine Beschwerden hat."

Die Transplantation selbst dauert etwa zwei bis fünf Stunden und findet an einem oder zwei Tagen statt. Wie bei einer Dialyse läuft aus dem einen Arm das Blut heraus, und nachdem eine Maschine die Stammzellen herausgefiltert hat, läuft es in den anderen Arm wieder hinein. Beschwerden hätten die Spender hinterher in der Regel keine, sagt die DKMS-Sprecherin. Bei der anderen Variante, der Knochenmarkspende, entnehmen Ärzte dem Spender unter Vollnarkose das Knochenmark aus dem Beckenkamm. In beiden Fällen wird die Transplantation innerhalb von 72 Stunden durchgeführt. Der Erkrankte muss sich zuvor einer Chemotherapie unterziehen. Diese zerstört sein Knochenmark und alle erkrankten Zellen. Anschließend werden als Ersatz das Knochenmark oder die Stammzellen des Spenders wie bei einer Bluttransfusion in die Vene übertragen. Die Blutstammzellen wandern in die Markhöhlen der Knochen, siedeln sich dort an und beginnen, wenn alles gut läuft, neue funktionstüchtige Blutzellen zu bilden. chrh

Aktionen wie diese seien für Angehörige, Freunde und die Erkrankten selbst, die sich an jeden Strohhalm klammerten, ein Weg sich weniger machtlos zu fühlen. Und so geht es auch Julia Gasser: Auf Instagram dokumentiert sie mit dem Account julias_fight ihre Krankheit. Sie zeigt sich mit Mundschutz und Infusion, postet Fotos von sich, auf denen man sieht, wie ihr Gesicht von den Medikamenten immer weiter anschwillt.

Sie schreibt, dass durch die Chemo ihre Haut trocken, das Haar brüchiger, und die Fingerspitzen empfindlicher werden. Dass sie sich ein paar Mal übergeben musste, dass sie keinen Salat und keine Nüsse mehr essen darf. Gleichzeitig jammert sie nie, sondern erzählt, wie schön das vergangene Jahr mit ihrer Familie war. Ihre Geschichte in den Sozialen Medien zu teilen, sagt sie, helfe ihr, positiv zu bleiben.

Aktionen wie diese für Friedrich aus Oberschleißheim und Julia Gasser aus Grünwald organisiert die DKMS fast jedes Wochenende irgendwo in Deutschland. Voraussetzung ist, dass sich Angehörige oder Freunde selbst melden und dass die Patienten einverstanden sind. Um die Aufmerksamkeit zu erhöhen, veröffentlicht die DKMS schließlich Namen und Fotos.

Friedrich würde sich freuen, sagt DKMS-Sprecherin Laura Riedlinger, auch wenn es ihm zur Zeit nicht so gut gehe. Der 14-Jährige erkrankte bereits 2017 an Blutkrebs. Zunächst sah es so aus, als hätte ihn eine Chemotherapie geheilt. Doch dann brach der Krebs im November erneut aus. So wie Julia Gasser ist er zur Zeit zu Hause und muss aufpassen, dass er sich nirgends ansteckt. In die Schule kann er nicht gehen.

Für Friedrich und Julia Gasser, das sagt DKMS-Sprecherin Riedlinger deutlich, sei ein Stammzellenspender die letzte Rettung. "Die Ärzte fangen erst an, nach einem zu suchen, wenn eine Chemotherapie keinen Sinn mehr macht." Eine Garantie, dass es mit einem Spender klappt, gebe es allerdings nicht. Die Wahrscheinlichkeit, irgendwo auf der Welt einen passenden Spender zu finden, bei dem die Gewebemerkmale übereinstimmen, liege zwar bei 90 Prozent, doch dass die Patienten dadurch geheilt werden, muss nicht sein.

Die Stammzellen müssen am Körper anwachsen, sich verbreiten und ein neues Blutsystem aufbauen. Wie gut das funktioniert, hänge davon ab, wie alt und wie fit der Patient ist. Weil das von Fall zu Fall verschieden ist, hat die DKMS dazu nur recht vage Zahlen: In 40 bis 80 Prozent der Fälle sei eine Stammzellentransplantation erfolgreich. Julia Gassers Hoffnung ist jedenfalls groß. Sie sagt, sie habe nie das Bild vor Augen zu sterben. "Ich glaube fest daran, dass ich diesen schweren Weg jetzt einfach gehen muss und dass dann alles gut wird."

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4280 Freiwillige lassen sich in Aschheim in die Knochenmarkspenderdatei eintragen. Dass darunter ein passender Spender für die zwölfjährige Rinah ist, ist unwahrscheinlich. Doch dank solcher Typisierungsaktionen hat das an Blutkrebs erkrankte Mädchen gute Heilungschancen.   Von Cathrin Schmiegel