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Jubiläum bei Arbeiterwohlfahrt:Gemeinsame Werte für Generationen

Kindergärten, Sozialkaufhäuser, Wohnungslosenhilfe: In den vergangenen 16 Jahren ist aus der Arbeiterwohlfahrt im Landkreis ein regelrechter mittelständischer Betrieb geworden.

100 Jahre Arbeiterwohlfahrt (Awo), das ist ein Grund zu feiern, wie am Sonntag in Putzbrunn. Auch wenn der Verband im Landkreis erst seit 1946 vertreten ist. Das haben Recherchen ergeben. Damals wurde der Kreisverband gegründet mit Unterföhring und sieben anderen Gemeinden. Mittlerweile hat der Kreisverband mehr als 550 Mitarbeiter und betreut mehr als 70 Einrichtungen im Landkreis. Dennoch sieht der Präsidiumsvorsitzende des Kreisverbands noch viel zu tun in Zukunft.

Seit 100 Jahren setzt sich die Arbeiterwohlfahrt für mehr Solidarität, Toleranz und Gerechtigkeit ein. Hier wurde in Garching gefeiert

(Foto: oh)

Max Wagmann spricht von Wachstum des Verbands und einer Intensivierung der Seniorenarbeit. Und er hat einen Wunsch für die Zukunft: eine Gesellschaft, welche die Grundwerte der Awo beherzigt: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz. "Dann geht's auch der Awo gut", sagt Wagmann.

Der 70-Jährige leitet den Kreisverband seit 2003. Sein Einstieg war alles andere als einfach, wie er berichtet. "Wir hatten erhebliche Schwierigkeiten. Die Awo hatte nicht den Ruf, der ihrem Status entsprochen hätte, und sie war in der Öffentlichkeit kaum bekannt." Bei seiner Übernahme hatte der Kreisverband gerade mal 20 Mitarbeiter in zwei Einrichtungen, im Kindergarten "Biene Maja" in Oberschleißheim und in der Erziehungsberatungsstelle in Planegg. Er habe sich bemüht, "das Image aufzupolieren" und so aufzutreten, "wie man es von einem Wohlfahrtsverband erwartet".

Max Wagmann leitet den Kreisverband der Awo seit 2003, in der Arbeiterwohlfahrt ist der Bauingenieur seit 1977 aktiv. Auf sein Betreiben hin arbeitet die Awo heute professionell.

(Foto: Robert Haas)

Nachdem er in Höhenkirchen-Siegertsbrunn, seinem Wohnort seit dem Jahr 2000, einen Ortsverband gegründet und auf Wunsch des damaligen Bürgermeisters Rudi Mailer einen Waldkindergarten aufgebaut hatte, machte er sich ans Werk, den Kreisverband "auf Vordermann zu bringen". So formuliert es eine seiner Mitstreiterinnen im Vorstand, Cornelia Pfaffinger aus Unterschleißheim. "Wir waren unheimlich motiviert. Wir wollten, dass was vorwärtsgeht und sich was bewegt." Und sie schiebt gleich ein Lob hinterher. "Der Max Wagmann, das ist ein Macher. Ohne ihn wäre das nicht gegangen."

Fruchtbares Gespräch mit Landrat Janik

Wagmann nutzte den Kontakt zu Mailer und besuchte alle Bürgermeister und auch den damaligen Landrat Heiner Janik (CSU). Janik habe ihn mit den Worten begrüßt: "Endlich kommt mal einer von der Awo." Es muss wohl ein fruchtbares Gespräch gewesen sein, denn 2007 bekam die Awo die Wohnungsnotfallhilfe im Landkreis übertragen, "eines unserer Vorzeigeobjekte", sagt Wagmann und lobt die Zusammenarbeit mit den Kommunen. Dennoch, so erinnert sich der Bauingenieur, seien einige am Anfang sehr zögerlich gewesen. Aber als die Awo 2005 eine Kinderkrippe in Hohenbrunn übertragen bekam, muss das wie ein Dammbruch gewesen sein. "Von da an ging es steil bergauf."

100 Jahre Awo

Vor 100 Jahren gründete Marie Juchacz die Arbeiterwohlfahrt (Awo) mit dem Ziel, sich für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen. Die zehn Ortsverbände im Landkreis feiern das jeweils auf ihre Art. Das zentrale Fest jedoch findet am Sonntag, 13. Oktober, im Bürgerhaus Putzbrunn, Hohenbrunner Straße 3, statt. Geplant ist in der Zeit von 11 bis 15 Uhr ein bunter Jahrmarkt mit Unterhaltungsangeboten auch für Kinder, einer Tombola und Informationen über die Awo. Als Gäste haben sich der Awo-Landesvorsitzende Thomas Beyer angesagt und der Kabarettist Christian Springer wird die sozialpolitische Lage aus seiner Sicht beurteilen. pa

Der damalige Kreisvorsitzende war von Anfang an bemüht, mehr Professionalität in den Verein zu bringen. Das war um so wichtiger, je weiter der Verband wuchs. Bei mehr als 550 Mitarbeitern und fast 1000 Ehrenamtlichen könne man von einem mittelständischen Betrieb sprechen, so Wagmann. Seit 2016 hat der Verband in Annette Walz und Michael Germayer zwei hauptberufliche Geschäftsführer, der Vorstand mit Wagmann ist eine Art Aufsichtsrat.

Tatsächlich hat die Awo inzwischen viel mehr als Kindergartenbetreuung und Obdachlosenhilfe zu bieten. Sie engagiert sich in der Mittags- und Ganztagsbetreuung in den Schulen inklusive Jugendsozialarbeit, sie leistet die Ausbildung von Schulbegleitern, berät Asylbewerber und junge Flüchtlinge, Eltern, Kinder und Jugendliche und sie hat die Sozialkaufhäuser mit dem eingängigen Namen "Klawotte" im Landkreis aufgebaut, in denen gebrauchte Kleider zu erschwinglichen Preisen neue Kunden finden. Außerdem gibt es seit 2013 die Wohnbaugenossenschaft der Awo, deren erstes Objekt mit Wohnungen zu günstigen Mietpreisen in Neubiberg verwirklicht wurde. Laut Wagmann liegen derzeit drei weitere Projekte auf dem Tisch, andere sind in Planung. Doch auch hier kommt der Präsidiumsvorsitzende auf Probleme zu sprechen: Nicht überall werde die Awo positiv gesehen. "Ich weiß nicht, ob es an meiner schiefen Nase liegt oder daran, dass die Awo aus der SPD kommt." Aber auch nicht jeder SPD-Bürgermeister sei dem Verband wohlgesonnen.

Drei zentrale Zukunftsfragen

An Aufgaben mangelt es der Awo selbst in einem so finanzstarken Landkreis nicht. "Unser sozialer Auftrag ist, allen eine lebenswerte Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen, auch den Personen, die dazu nicht die Mittel haben", sagt Geschäftsführer Germayer. Er nennt drei zentrale Zukunftsfragen: zum einen passgenaue Angebote für die Gemeinden in der Obdachlosenhilfe, dann Angebote für die Familien in der Kinderbetreuung, auch in den Ferien, wobei sich dort als Partner inzwischen auch Firmen engagieren, und schließlich das Ziel, Seniorenbegegnungsstätten einzurichten, in denen über Generationen hinweg Menschen zusammenkommen. Außerdem will die Awo einen Betreuungsverein aufbauen, um Senioren zu ermöglichen, möglichst lange zu Hause zu bleiben.

Dabei kämpft der Verband mit den selben Problemen wie alle anderen: Es wird immer schwieriger, Fachkräfte zu finden. Geschäftsführerin Walz bezeichnet es als gesellschaftliche Aufgabe, die Berufe aufzuwerten. Und es gibt immer weniger Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Max Wagmann ist schon seit Längerem auf der Suche nach einem Nachfolger.

© SZ vom 11.10.2019/belo

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