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Interview:Weisheit und Humor im Leopardenkostüm

Fototermin mit SISSI PERLINGER, Entertainerin, Schauspielerin, Hörspielsprecherin und Autorin fotografiert am 08.06.2017 für diverse Presse-, PR- und Selbstdarstellungszwecke im Theater DIE WÜHLMÄUSE  vor und während des Live-Auftritts mit dem Programm IC

Sieht Krisen als Herausforderung und die Kunst, diesen mit Ironie zu begegnen, als Voraussetzung fürs lustig sein an. Als politisch bewusste Kabarettistin will Sissi Perlinger aber auch über Hintergründe informieren.

(Foto: Steffen Jänicke)

Sissi Perlinger spricht anlässlich ihres neuen Bühnenprogramms darüber, "worum es wirklich geht" und erklärt, wie der Verlust der Angst vor dem Tod und die Spiritualität den Weg in die Freiheit eben. Am 19. September kommt sie nach Garching

Sissi Perlinger ist Sängerin, Kabarettist, Schauspielerin - die Frau, die immer mit einem exzentrischen Leopardenoutfit auf der Bühne steht, die sich das Geld für ihre Ausbildung auf den Straßen Paris ersang und sagt, dass das die beste Schule gewesen sei ("wenn man nicht gut ist, gehen die Leute weg"). Mit ihrem neuen Programm "Worum es wirklich geht" kommt die 55-Jährige am Donnerstag, 19. September, nach Garching und tritt im Bürgerhaus auf. Drei Jahre habe sie mit dem Regisseur Dieter Woll daran gefeilt und sich weiterentwickelt: Früher verwandelte sich die gebürtige Oberpfälzerin bei ihren Shows manchmal in bis zu 15 verschiedene Figuren, diesmal sind es bloß noch drei. Dafür sieht der Zuschauer sie auch diesmal Gitarre und gleichzeitig Schlagzeug spielen und erlebt sie - wie Perlinger selbst meint - philosophisch, komisch und inhaltlich so stark wie noch nie. Um mit ihr über ihr neues Programm, die Wiedergeburt, den Sinn des Lebens und die große Freiheit zu sprechen, erreicht man sie am Telefon.

Ihr neues Programm heißt "Worum es wirklich geht". Und worum geht es wirklich?

Sissi Perlinger: Ich streife ganz viele Themen - persönliche aber auch tiefenpsychologische und ich bin viel politischer. Früher dachte ich immer, dass es bereits genug Kabarettisten gibt, die Politiker durch den Kakao ziehen. Doch wir leben heute in einer Zeit, in der wir nicht mehr drum herum kommen, politisch zu sein. Zum Beispiel frage ich, worum es beim Rechtsruck und der Klimakrise wirklich geht.

Das hört sich nicht besonders lustig an.

Man braucht gerade zum lustig sein immer erst mal einen ernsten Hintergrund. Wenn alles rund und harmonisch läuft, ist das im Leben großartig, auf der Bühne wäre es gähnend langweilig. Erst wenn die Protagonisten durch große Krisen gehen, wird es spannend und wenn sie das mit Selbstironie tun, wird es lustig. Natürlich ist das, was sich grade auf diesem Planeten abspielt, alles andere als lustig, aber das ist die Herausforderung in meinem Beruf.

"Worum es wirklich geht", klingt nach den großen Fragen der Menschheit. Was ist für Sie der Sinn des Lebens?

Ein Astrologe sagte mir einmal: "Der Sinn Ihrer Reinkarnation ist Weisheit und Humor zu vereinen und einem großen Publikum näher zu bringen."

Weshalb waren Sie bei einem Astrologen?

Damals steckte ich in einer tiefen Krise, weil ich völlig überarbeitet war. Ich bin als Kabarettistin in ganz Deutschland aufgetreten, habe dann zusätzlich innerhalb von zehn Jahren in mehr als 30 Filmen mitgespielt, 13 Folgen "Sissi die Perlinger Show" für die ARD gedreht, eine Modekollektion für Karstadt entworfen, CDs produziert, Bücher geschrieben und und und... Irgendwann bekam ich einen Tinnitus und weil ich deswegen nicht mehr schlafen konnte, ein böses Burnout. Ich war wie in einem schwarzen Tunnel gefangen. Dann bin ich einmal zu diesem Astrologen und durch den Abstand, den er mir zu meinem Leidensdruck verschafft hat, wusste ich plötzlich, dass diese Krise auch für etwas gut ist, weil sie mich rausgeschleudert hat aus meinem Hamsterrad.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich bin daraufhin zu einem Therapeuten gegangen und durch die Aufarbeitung meiner frühen Kindheit konnte ich alte Muster auflösen und auch den Tinnitus wieder loswerden. Im Nachhinein würde ich sagen, diese Krise war das Beste was mir passiert konnte. Es war wie eine innere Alarmanlage, die mich aufgeweckt hat.

Welche Muster aus der Kindheit meinen Sie?

Meine Eltern trennten sich, als ich ein Jahr alt war. Dass mein Vater gegangen ist, löste bei mir das Gefühl aus, nicht zu genügen. Diesen Schmerz steckt man als kleines Kind in eine Kiste, um weiter zu funktionieren und die muss man dann ein Leben lang zuhalten - zum Beispiel, indem man sich ablenkt. In meinem Falle habe ich eben fünf Berufe gleichzeitig gemacht. Aber ich habe gelernt, das alles zu durchschauen und zu verändern. So eine Therapie ist extrem empfehlenswert - und spannender als jede Achterbahnfahrt.

I hr Astrologe sprach von Wiedergeburt. Können Sie sich an Ihre vorherigen Leben noch erinnern?

Wenn ich als Musikerin ein neues Lied komponiere, merke ich oft, dass ich so etwas schon oft gemacht habe. Aber ich könnte nicht sagen, an welchem Ort ich früher gelebt oder was ich genau für ein Leben geführt habe.

Wenn Sie an die Wiedergeburt glauben, sind Sie dann auch ein religiöser Mensch?

Mit Religion hat das bei mir nichts zu tun. Die Angst vor dem Tod war schon immer die beste Methode, Menschen zu manipulieren. Deshalb habe ich mich dafür entschieden zu glauben, dass meine Seele unsterblich ist. Heute werden wir im Turbokapitalismus dazu getrieben, uns zu überfordern, zu überfressen und zu überarbeiten und uns nicht trauen, uns selber zu fragen, worum es wirklich geht in unserem Leben, weil das als spirituelles Gedönse tabuisiert wird. Diese Angst zu verlieren, ist der wichtigste Schritt in die Freiheit.

Wie frei sind Sie selbst?

Ich würde mich heute als komplett frei bezeichnen. Das war auch schon immer meine Priorität. Ich wusste schon in jungen Jahren, dass ich nie heiraten und Kinder kriegen möchte, sondern ich habe mein Leben so gestaltet, dass ich von morgens bis abends selbstbestimmt sein kann. Dafür tue ich aber auch viel. Ich teile mein Leben sozusagen auf in "Auszeit und Applauszeit" weil ich als Künstlerin einfach Zeit brauche, um zu schreiben und zu reflektieren. Deswegen nehme mir meine "Sabbatical Monate", in denen ich mich zurückziehe und jeden Tag an mir arbeite.

Wie sieht so ein Tag in Ihrer Auszeit aus?

Morgens meditiere ich, dann tippe ich am Laptop meine neuen Ideen oder feile an den alten, dann mache ich mein Yoga, spiele Gitarre, schreibe neue Lieder, dann lese ich Zeitung, danach gehe ich zu meiner Percussion Gruppe. Abends male ich Bilder oder lese Sachbücher zu den Themen, an denen ich grade arbeite. So ein Leben ist ein Privileg und ich bedanke mich dafür, indem ich versuche, mein Publikum hochzuziehen. In meinem neuen Programm gebe ich Tipps, wie man sich rausholen kann aus den Gefühlen der Hoffnungslosigkeit, wenn man an die Klimakrise oder den Rechtspopulismus denkt.

Was sind das für Tricks?

Einer, den man jederzeit für sich alleine anwenden kann, ist 60 Sekunden lang die Mundwinkel hochzuziehen. Dabei schüttet der Körper automatisch Glückshormone aus und die neutralisieren sämtliche Stresshormone.

Aber danach ist Donald Trump immer noch im Amt und das Klima kaputt.

Ja, aber nur, wenn wir in unsere Kraft kommen, können wir uns auch wehren. Das ist das, worum es mir wirklich geht. Wenn Menschen depressiv sind, haben sie keine Energie ihr Leben umzustellen oder sich zu engagieren. Dabei könnten wir alle als Verbraucher sehr viel verändern. Kaufen ist das neue wählen. Es würde einen Riesenunterschied machen, wenn wir alle morgen aufhören würden, pro Woche ein Kilo Billigfleisch zu essen oder wenn wir am 20. September beim globalen Klimastreik alle demonstrieren gehen würden.

Wann waren sie das letzte Mal auf einer Demo?

Das ist zugegeben schon ein Jahr her, aber ich sehe meine politische Arbeit vor allem darin, dass ich als Kabarettistin Leute über Hintergründe informiere. Außerdem schreibe ich grade einen Song für die Umwelt-Bewegung und hoffe, dass er demnächst bei sämtlichen Demos gespielt wird. Das Lied ist eine Hymne für ein bewussteres grünes Leben, bei der alle mitsingen und tanzen können.

Wie umweltbewusst sind Sie selbst?

Ich bin seit 20 Jahren Vegetarierin, ich boykottiere Nestle und Konsorten, gehe, wo immer ich kann zu Fuß und kaufe keinerlei Fast Fashion, sondern trage nur mein Leoparden-Outfit.

Wie schwer hat man es als älter werdende Frau in der Branche eigentlich?

Ich fühle mich nicht wie eine ältere Frau und werde auch nie so behandelt. Natürlich gibt es TV-Sendungen, die nur ganz jung besetzen, aber ich kann nicht klagen. Meine Theater sind voll und meine Shows sind in den letzten 33 Jahren immer reifer und besser geworden. Das ist doch das, worum es wirklich geht.

Perlinger tritt am Donnerstag, 19. September, im Bürgerhaus Garching auf. Beginn ist um 20 Uhr. Karten ab 23 Euro können unter Telefon 089/32089138 im Kulturreferat, Rathausplatz 3, bestellt werden oder über www.garching.reservix.de. Am 26. Oktober gastiert Perlinger in Ottobrunn und am 22. November in Haar. Im dortigen Kleinen Theater zeigt sie allerdings ihr Programm "Ich bleib dann mal jung".