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Erste Hilfe:"Die 112 wählen, das kann jeder"

Feuerwehrmuseum in Waldkraiburg, 2016

112 ist nicht nur in Deutschland die Notrufnummer.

(Foto: Johannes Simon)

Der 11. Februar ist der europaweite Tag der Notrufnummer. Gabriel Bücherl vom Roten Kreuz in Oberhaching erklärt, auf was es im Ernstfall ankommt.

Interview von Magdalena Scheck, Oberhaching

Notfälle sind Ausnahme- und Stresssituationen. Umso mehr kommt es darauf an, ruhig zu bleiben - und nach erster Hilfe den Notruf zu wählen: 112. An diesem Donnerstag, dem 11. 2., erinnern Rettungsdienste daher wieder an die europaweite, kostenfreie Notrufnummer. Gabriel Bücherl, 41, vom Bayerischen Roten Kreuz in Oberhaching-Deisenhofen erklärt, auf was es im Ernstfall ankommt.

SZ: Viele Menschen fühlen sich unsicher und scheuen sich deshalb, erste Hilfe zu leisten. Was raten Sie ihnen?

Gabriel Bücherl: Klar sind Ersthelfer und -helferinnen keine Experten. Ich kann verstehen, dass sich jemand unsicher fühlt, wenn er das nicht oft macht. Es muss aber niemand unsicher sein, denn viele Maßnahmen sind ganz einfach. Man braucht auch keine Angst zu haben, belangt zu werden, wenn man etwas falsch macht. Man sollte auf jeden Fall einen Notruf absetzen und das tun, was man sich zutraut. Oder auch Leute animieren, die drum herum stehen. Vielleicht gibt es ja noch jemanden, der helfen und einen unterstützen kann.

Was wird mit dem europaweiten "Tag des Notrufs" bezweckt?

Ziel ist, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass die 112 die einheitliche Notrufnummer für Feuerwehr und Rettungsdienst ist - und zwar europaweit. Man denkt zwar, das müsste allen klar sein, aber nicht mal im Inland weiß das jeder. Im Urlaub sehen die Leute dann zusätzlich oft nationale Notrufnummern. Die Berufsfeuerwehr München wird am Donnerstag zu Notrufen, die in der Leitstelle eingehen, twittern, um die Leistungen der Feuerwehr und des Rettungsdienstes transparent zu machen.

Gabriel Büchler, 41, vom Roten Kreuz in Deisenhofen gibt mit seinen Kollegen im Lockdown zumindest Online-Kurse, um Kenntnisse in erster Hilfe aufzufrischen. Praktische Übung können sie nicht ersetzen.

(Foto: Sascha Kletzsch/oh)

Wie wichtig ist es, im Notfall schnell zu reagieren?

Das ist entscheidend. Der Rettungsdienst ist insbesondere in Deutschland sehr leistungsfähig, gut ausgebildet und ausgestattet. Das hilft aber erst mal nichts, solange er nicht vor Ort ist. Das Problem ist, dass es eine Zeit braucht, bis die Situation erfasst, das Team alarmiert ist, im Auto sitzt und losfährt. Je früher jemand anruft, desto schneller kann sich ein Team auf den Weg machen. Deswegen ist der Notruf ganz entscheidend, damit die Rettungskette in Gang kommt. Das ist auch im Interesse der Ersthelfer und Ersthelferinnen, damit sie nicht ewig alleine erste Hilfe leisten.

Wie viele können überhaupt erste Hilfe?

Ich habe jetzt keine aktuellen Zahlen im Kopf, aber es sind auf jeden Fall zu wenige. Es ist doch meist so: Wann beschäftige ich mich mit erster Hilfe? Nur wenn ich es brauche. Viele machen den Kurs für den Führerschein, weil sie Übungsleiter oder betriebliche Ersthelfer werden oder in einer Kita arbeiten. Das macht man einmal und dann jahrelang nicht mehr. Gott sei Dank ist man selten in einer Situation, in der man erste Hilfe leisten muss, aber dann ist der Stress groß. Dabei erwartet niemand von einem Ersthelfer perfekte Versorgung. Es geht in erster Linie darum, einzuschätzen, ob es schlimm ist, und den Rettungsdienst zu rufen. Je nach Situation gibt es viele mögliche Maßnahmen. Bei einem Herz-Kreislaufstillstand wäre es natürlich super, mit der Wiederbelebung zu beginnen. Auch das Stillen einer starken Blutung oder das Kühlen eines Insektenstichs gehören zur Ersthilfe. Traut man sich das zu oder nicht? Das Rote Kreuz und andere Organisationen bieten immer wieder Kurse zur Auffrischung. Unabhängig davon: Die 112 wählen, das kann jeder.

Wegen des Lockdowns bieten Sie aktuell nur Online-Kurse an. Reichen die aus?

Das ist nur ein Ersatz für die Trainings, die wir sonst im Rahmen des Projektes "Leben retten in Oberhaching" anbieten. Dort erklären wir die wichtigsten Basics für die Wiederbelebung und üben diese dann eine Stunde lang. Die Gemeinde Oberhaching hat viele Defibrillatoren aufgestellt, die Geräte helfen aber erst, wenn Menschen da sind, die den Defi einsetzen können. Seit Oktober haben wir die Kurse auf online umgestellt. Leider fällt der Übungseffekt weg, aber es ist besser als nichts. Dieser Trainingsabend kann aber natürlich nicht einen kompletten Erste-Hilfe-Kurs ersetzen. Der nächste Kurs findet am 23. April statt und ist gedacht für alle, die sich für das Thema Wiederbelebung und Defibrillation interessieren. Vielleicht auch für alle, die keine Zeit haben, den großen Kurs zu besuchen. Sie können sich einfach bequem vom Sofa aus informieren.

© SZ vom 11.02.2021
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