Bierstreit in Haar:Provokation mit dem Zapfhahn

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Bierstreit in Haar: Seelsorger und bald auch Wirt: Pfarrer Albert Schamberger wird am 3. Juli sein erstes Fass Bier anzapfen.

Seelsorger und bald auch Wirt: Pfarrer Albert Schamberger wird am 3. Juli sein erstes Fass Bier anzapfen.

(Foto: Claus Schunk)

Ottendichl und Salmdorf verbindet ein alter Konflikt ums Schankrecht. Nun lebt der im Spaß wieder auf.

Von Bernhard Lohr, Haar

Ein Pfarrer sollte für andere was übrig haben. Er sollte sich tunlich barmherzig zeigen, wenn Christenmenschen Durst leiden. In diesem Sinne fackelte Pfarrvikar Malachias Probst in Ottendichl nicht lange, als er sah, dass Wallfahrer im benachbarten Salmdorf nichts Gescheites zu trinken bekamen.

Er schenkte den Kirchfahrern an seinem Pfarrhof Bier aus. Weil dem Wirt zu Salmdorf dafür jedes Verständnis fehlte, erreichte der alte Bierstreit zwischen den Nachbardörfern im Jahr 1723 einen neuen Höhepunkt. Sogar Kurfürst Max Emmanuel zogen die Streithähne hinein in den Konflikt, dessen letztes Kapitel bis heute nicht geschrieben ist.

Die Verteidigungsschrift des Malachias Probst, die er 1723 an die "kurfürstliche Durchlaucht" verfasste, dokumentiert eindrücklich die Schärfe des seit 1574 währenden Konflikts, den die Salmdorfer mit einer lesenswerten Ortschronik erst vergangenes Jahr in Erinnerung brachten. Er habe "aus Mitleid . . . den Kirchfahrern das Bier gereicht", schrieb Pfarrer Probst, weil der Wirt in Salmdorf "aus vorsätzlicher Bosheit Bier und Brot nicht" gebracht habe. Und wenn, dann habe er "essigsaures Bier" serviert. Daran mag sich mancher erinnert fühlen, wenn jetzt Antonius van Lier, Vorsitzender der Bürgervereinigung Ottendichl, sagt: "Unser Bier ist das beste."

Pfarrer Schamberger geht die Sache mit Gottvertrauen an

Wer darin eine Stichelei erkennt, täuscht sich nicht. Die Ottendichler sind Willens, anno 2016 den alten Konflikt neu zu entfachen, und kündigen für Sonntag, 3. Juli, ein Ereignis an, das in Salmdorf mit Interesse verfolgt werden dürfte. Erstmals nach 176 Jahren soll ein Pfarrer von Ottendichl wieder Bier ausschenken. Pfarrer Albert Schamberger wird im Anschluss an die Sonntagsmesse im Vereinsgarten der Bürgervereinigung mit Schlegel und Zapfhahn zur Tat schreiten. Erfahrung hat Schamberger bisher nicht sammeln können. Er geht mit Gottvertrauen an die Sache ran. Ob er geübt hat? "Nein", sagt Schamberger, "habe ich noch nicht."

Egal, wie viele Schläge Schamberger brauchen wird, anzunehmen ist, dass die Salmdorfer den Akt als Provokation ansehen werden. Auch ein glatter Rechtsbruch ist einkalkuliert. Als sich im Jahr 1840 die Salmdorfer und Ottendichler wieder einmal um das Schankrecht balgten, riefen die Kontrahenten statt des Kurfürsten das Amtsgericht München an, das in einem am 18. Mai desselben Jahres gefällten Urteil Pfarrer Lipp von Ottendichl das Ausschenken des Bieres unter Strafe von 30 Gulden verbot. "Das Urteil ist nicht mehr zeitgemäß", sagt Antonius van Lier.

"Es kann nicht sein, dass dem Pfarrer als Mittelpunkt der Ottendichler Dorfgemeinschaft untersagt wird, auch mal ein Bier zu zapfen." Den Rechtsbruch werde man in Kauf nehmen. "Wir sind bereit, die 30 Gulden zu zahlen." Wie hoch die Summe umgerechnet in Euro ist, will er noch klären.

Allerdings sollten alle innehalten, die nun denken, die Bewohner der beiden Ortsteile der Gemeinde Haar hätten zu stark dem Gerstensaft zugesprochen, weil sie einen derart alten Streit wieder aufleben lassen. Natürlich haben sich die Zeiten geändert, was nicht nur daran zu erkennen ist, dass die Marienwallfahrt nach Salmdorf vor gut 200 Jahren ihr Ende fand. Salmdorfer und Ottendichler verbindet heute mehr als je zuvor. Der Pfarrer von Ottendichl war stets auch für Salmdorf zuständig. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die 1000-Jahr-Feier wurde zum Erweckungserlebnis

Auch die Bürgervereinigung Ottendichl mit ihrem Vorsitzenden van Lier und der Verein "D'Salmdorfer" teilen viele Gemeinsamkeiten. Beide entstanden im Zuge der 1000-Jahr-Feiern der Orte, die zu einer Art Erweckungserlebnissen für die Dorfgemeinschaften wurden. Ottendichl erlebte das im Jahr 1981 und Salmdorf dann 2015, als sich das Dorf ein Jahr lang feierte und unter anderem mit einer einmaligen Wallfahrt von München nach Salmdorf der vergessenen Tradition der Bittgänge gedachte. Pfarrer Schamberger erinnert sich gerne an das Ereignis vor einem Jahr, an dem sich freilich auch Ottendichler beteiligten.

Die Salmdorfer und die Ottendichler ziehen tatsächlich längst an einem Strang, was schon die Konstellation zeigt, dass der Vorsitzende des Vereins "D'Salmdorfer", Martin Metzger, im Nachbarort auch stellvertretender Vorsitzender bei der Bürgervereinigung ist. Die beiden Gemeindeteile von Haar wollen sich nicht wieder streiten, vielmehr dem alten Konflikt als Teil der gemeinsamen Historie augenzwinkernd ein Kapitel hinzufügen.

Antonius van Lier ist sich sicher, dass der Frühschoppen mit dem zapfenden Pfarrer bei Weißwürsten, Brezen und Blasmusik eine Reaktion auslösen wird. Er prophezeit eine Gegenveranstaltung in Salmdorf - und zwar einen Akt der Versöhnung, bei einigen Halben Bier.

Im Jahr 1723 ging es noch bierernst zu. Als damals der Salmdorfer Wirt dem Pfarrvikar Probst begegnete, schenkte er dem Seelsorger verbal eine ein. Der Pfarrer beklagte sich, der Wirt habe es gewagt, ihn "auf offener Gasse mit schimpflichen Worten anzutasten".

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