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Haar:Kunst als Befreiung

Für Thomas Hobelsberger, der sich als Künstler "Cosmic Tom" nennt, hat das Malen auch immer einen meditativen Aspekt, es wird gleichsam zur Farbthearpie.

(Foto: Claus Schunk)

Der Seelen-Art-Wettbewerb des Bezirks würdigt kreative Köpfe mit Psychiatrieerfahrung. Bei der Preisverleihung im Kleinen Theater werden Stars der Outsider-Art gefeiert.

Vor der Preisverleihung wird einer der Protagonisten, die später auf der Bühne für ihr kreatives Schaffen gewürdigt werden, schnell noch zum Fototermin mit dem Schirmherren gebeten. "Grüß Gott, Herr Polt", sagt Thomas Hobelsberger, der sich als Künstler "Cosmic Tom" nennt. "Habedere" antwortet Gerhard Polt. Man kennt sich, Berührungsängste gibt's keine.

Gleich gesellen sich noch Peter Vaitl, früher Oberarzt der Psychiatrischen Klinik Haar und Initiator von "Seelen-Art" hinzu, sowie Bezirkstagspräsident Josef Mederer, der wie Polt als Schirmherr des sozialen Projekts fungiert. "Jetza. Passt", kommentiert Polt das gemeinsame Fotoshooting und wenige Minuten später beginnt der eigentliche Teil der Veranstaltung.

Dem Betrachter bietet sich eine immense Vielfalt

Die Atmosphäre ist gut an diesem großen Tag für die Künstler, insgesamt 46 von ihnen werden in dem reizvollen Jugendstiltheater mit dem oberbayerischen Kunstförderpreis "Seelen-Art" ausgezeichnet. Es ist eine Auszeichnung für Menschen mit Psychiatrieerfahrung, die sich kreativ mit der seelischen Gesundheit auseinandersetzen - über Malerei, Bildhauerei oder grafische Arbeiten.

Es ist die dritte Auflage dieser Veranstaltung und diesmal oblag es der Jury, in der unter anderem Dorothe Mammel von der Galerie des Bezirks Oberbayern, Joachim Hein, Vorsitzender des Münchner Bündnisses gegen Depression, die Schlierseer Kunstkuratorin und Frau des Kabarettisten Tini Polt oder die Autorin und Kulturjournalistin Angelica Bäumer saßen, gleich 530 Werke von 211 Künstlern zu bewerten.

Schirmherr im Kleinen Theater: Gerhard Polt.

(Foto: Claus Schunk)

Viele dieser Arbeiten waren im Kleinen Theater ausgestellt, im Saal, im Foyer oder in den Räumen des ersten Stocks. Eine immense Vielfalt, die sich dem Betrachter da bot, in punkto Stil, Sujet, Technik und Qualität. "Eine wunderbare Ausstellung", schwärmte Theaterchef Matthias Riedel, seines Zeichens Bereichsleiter Kultur am Sozialpsychiatrischen Zentrum des Bezirks Oberbayern (SPZ) in seiner Rede. Ob naiv, abstrakt, naturalistisch, von der Kunst der australischen Aborigines inspiriert oder leuchtend-symbolistisch - allen Arbeiten ist gleichsam eigen, dass die Protagonisten tief in ihre Seelen hinabgetaucht sind, dass hier der kreative Akt auch zum Ventil, zur Befreiung wird, dass archaische Bilder aus Abgründen aufsteigen und sich in Werken manifestieren, die frei von akademischem Zwängen sind.

Günter Neupel, der bereits zum dritten Mal ausgezeichnet und in der Gruppe der ersten Preisträger quasi als Primus inter pares gewürdigt wurde, hat es in seinem Beitrag im Ausstellungskatalog so ausgedrückt: "Seelen-Art ist die Kunst der Außenseiter, von Menschen also, welche am Rand der Gesellschaft leben . . . es sind Menschen mit besonderer Sensitivität und Sensibilität. Man nennt sie verrückt. Und sie sind wirklich "verrückt", im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie passen nicht in die vorgefertigten Schablonen dieser Gesellschaft."

Neupel, der so was wie ein hiesiger, aber scheuer Star der Outsider-Art ist und auch dichtet, war der Veranstaltung fern geblieben. Seine sanftfarbigen, Zartheit entfaltenden Aquarellstift-Zeichnungen wie "Licht war der Sommersee" konnten die Besucher aber im Theatersaal bestaunen.

Viele andere Seelen-Art-Künstler aus ganz Oberbayern waren an diesem Abend dafür gekommen - um ihre Auszeichnungen zu empfangen, um ihre Werke persönlich zu präsentieren, um Erfahrungen auszutauschen, um eine Aufmerksamkeit zu erfahren, die ihnen sonst eher selten zuteil wird. Auch das kulturelle Begleitprogramm konnte sich an diesem Abend im gut gefüllten Kleinen Theater Haar definitiv sehen (und hören) lassen: Das Duo Titus Waldenfels (Gitarre, Banjo, Violine und andere Instrumente) und Michael Reiserer (Schlagzeug, Akkordeon) zeigte lässig-jazzige Versiertheit und eine beeindruckende virtuose Vielfalt.

Axel Bittner gehört wie Thomas Hoblerberger zur Gruppe der ersten Preisträger. Sein Verhältnis zu Farben: "Man lässt einfach mit Pinselstrichen die Seele ins Positive entrücken."

(Foto: Claus Schunk)

Auch Polt, der am 7. Mai seinen 74. Geburtstag feiert, kam nicht umhin, seine Präsenz auf der Bühne wirken zu lassen. Im Fokus des Kabarettisten waren freilich freche Kinder respektive ihre Mütter. Er bemerkte, dass die "Schraazn" heute alle Helm trügen, Krankheiten hätten, die so ähnlich wie ADAC hießen oder sehr intolerant seien, vor allem gegen Lactose. Auch ein paar klassische Polt-Sentenzen fielen, wie seine pädagogische Handlungsanweisung im Umgang mit den Hundskrüpperln - "links und rechts reinhauen, schon mal prophylaktisch" -, sowie die von ihm auch gern zitierte "hermeneutische Fundamentalontologie als Analytik des Denkens und des Wesens vom Sein".

Auch Annamirl Spies, ehemals "Couplet AG", beschäftigte sich in ihrem Kabarett-Auftritt mit ihrem Dasein als erziehende Großmutter, Phänomenen wie der "Gebärperformance" und bestätigte zum Abschluss ungeniert ihren Ruf als "Rampensau" mit einer gewagten "Tanz-und Sing-Performance". Zur Melodie von "Ein Bett im Kornfeld" erklang da der Text "Wenn's Fett nach vorn fällt". Nach vorne gebeten wurden dann freilich die Preisträger: Ausgezeichnet wurden diverse Gruppen, die jeweils den ersten, zweiten und dritten Preis erhielten. Die Namen der gewürdigten Künstler findet man auf www.seelenart.de und sie werden durch die Publikation eines Kataloges sowie Sachpreise gefördert.

Exponate der ersten Preisträgergruppe - insgesamt 16 Künstler, zu denen auch "Cosmic Tom" gehörte - werden zusätzlich in der Galerie des Bezirk der Öffentlichkeit präsentiert. Außer Neupel wurden hier noch Hans-Peter Brandmeier und Heribert Haselstein explizit gewürdigt. "Es ist eine schöne und wichtige Veranstaltung", erklärte Josef Mederer. "Hier wird Inklusion gelebt." Gerhard Polt schloss seinen kabarettistischen Kurzauftritt mit den eher nachdenklich stimmenden Sätzen ab: "Edle Menschen hat's ja nur in Märchen gegeben. Aber wer liest heute noch Märchen?" Vielleicht kommen die Außenseiter, die quasi ver-rückten Menschen, der Welt der Märchen manchmal noch näher.

Die Ausstellung der Preisträger des oberbayerischen Kunstförderpreises "Seelen-Art" findet vom 29. Juni bis 29. Juli in der Galerie des Bezirks Oberbayern, München, Prinzregentenstraße 14, statt.