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Jugendstilpark in Haar:Eine neue Welt ohne Apfelwiese

Das Gelände öffnet sich und neue Bewohner ziehen her, die eventuell auch mal das Kleine Theater besuchen.

(Foto: Claus Schunk)

Die Umwandlung des früheren Klinikareals in ein Wohngebiet ist weit fortgeschritten. Auch wenn einige Bäume und Freiflächen verschwunden sind und die schwierige Vergangenheit präsent ist, entsteht hier ein bunter, lebendiger Ortsteil mit viel Grün

Von Bernhard Lohr, Haar

Laute Kinderstimmen dringen durch die Büsche. Die Sonne scheint, es ist warm, und auf dem mit Hilfe von Eltern geschaffenen Spielareal des 2010 eröffneten Gemeindekindergartens an der Casinostraße ist richtig was los. In den vergangenen Monaten dominierten andere Geräusche auf dem Gelände des neuen Wohngebiets Jugendstilpark in Haar. Mit dem Auszug der letzten Patienten wurde das ehemalige Areal des Isar-Amper-Klinikums in der Gemeinde zur größten Baustelle seit Errichtung der Hochhaussiedlung am Jagdfeld vor 50 Jahren. Erzieher und Kinder im Kindergarten und Matthias Riedel-Rüppel vom Kleinen Theater haben viele Monate mit Baulärm gelebt. Mittlerweile ist ein Großteil der Neubauten fertig. Neue Nachbarn sind eingezogen.

Sabine Brüchmann, 45, beschäftigen die Veränderungen in dem Viertel auf besondere Weise. Sie begann vor bald 30 Jahren ihre Ausbildung zur Krankenpflegerin in dem zentralen Klinikgebäude in Haar II, wie das Gelände zwischen Leibstraße und Vockestraße in Abgrenzung zu Haar I jenseits der Vockestraße lange Zeit bei Insidern hieß. 1996 machte sie in dem Bau, dessen schier endlos lange Front die Ausmaße des Neuen Schlosses in Schleißheim übertrifft, ihren Abschluss. Damals gab es in Bauteil A Krankensäle mit bis zu 40 Patienten. Im Dezember 2017 war Brüchmann am anderen Ende des Gebäudes in Bauteil E tätig, als die Klinik das Areal räumte.

Ein ehemaliges Klinikgebäude.

(Foto: Claus Schunk)

Seit dem Verkauf durch den Bezirk Oberbayern hat sich dort viel getan. Zu den denkmalgeschützten Klinikgebäuden gesellten sich moderne Wohnhäuser. Brüchmann steht gegenüber vom Kindergarten, aus dem die Kinderstimmen kommen, vor den viergeschossigen Punkthäusern, in denen die Deutsche Heim GmbH als Unternehmen des Bezirks bereits 145 Wohnungen der gehobenen Kategorie verkauft hat. Mancher hat sich dort ein neues Zuhause geschaffen. Mancher hat dort sein Geld angelegt und vermietet für 18,50 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter.

Die freie Fläche mit Bäumen ist jedenfalls verschwunden, die die Krankenpfleger früher nur "Apfelwiese" nannten. Brüchmann versetzte es, wie sie sagt, einen Stich im Herz, als alte Bäume gefällt wurden. Aber es blieben viele Bäume auch erhalten. Zwischen den Neubauten ist Platz für viel Grün und einen Spielplatz, große Bäume säumen das neu angelegte Wegenetz. "Klar, das ist ein Wandel", sagt Brüchmann beim Spaziergang durch das Areal. "Es gibt Schlimmeres", sagt sie etwas nüchtern zu den Neubauten und findet doch, dass die schwierige Aufgabe ganz gut gelöst wurde, in den Park und in das bestehende Ensemble aus früheren Klinikgebäuden Modernes zu setzen. Vor einem Haus steht ein Möbelwagen, ein paar Meter weiter der eines Installateurs. Erste Bewohner sind unterwegs, wie Erna und Anton Dischinger. Sie erzählen, dass sie jetzt im Alter ihr Haus in Heimstetten gegen eine Wohnung in einer der Neubauten eingetauscht hätten. "Wir können nicht sagen, dass es uns nicht gefällt", sagt Anton Dischinger. Das Wohnen hier im Grün mit dem alten Baumbestand sei wunderbar. Wo finde man das sonst im Umkreis von München? "Wir wollten etwas Kleineres haben, weniger Arbeit, keinen Garten."

Krankenpflegerin Sabine Brüchmann, die lange auf dem Gelände arbeitete, findet die Entwicklung gut, manche Veränderung aber auch gewöhnungsbedürftig.

(Foto: Claus Schunk)

Früher war Sabine Brüchmann dort mit ihren Patienten unterwegs. Haar I und Haar II waren durch einen Tunnel unter der Vockestraße miteinander verbunden und die Zufahrt zu dem Klinikgelände war durch eine Schranke blockiert. Die ausgedehnten psychiatrischen Behandlungszentren und Stationen waren in der Gemeinde Haar eine Welt für sich. Nun zieht schrittweise buntes Leben ein. Neben den Neubauten auf der früheren Apfelwiese ist das neue Seniorenzentrum der Gemeinde entstanden, angrenzend eine Einrichtung "Wohnen mit Service". Ein Geschäfts- und Bürogebäude wird folgen. Im Süden des Areals ist das Baufeld für eine Kindertagesstätte freigeräumt. Und es kommt natürlich Publikum ins Kleine Theater, das in Klinikzeiten Apotheke, Bettenlager und Kino war und heute von vielen als kulturelles Kleinod verehrt wird. Brüchmann selbst, die in Haar I in einer Mitarbeiterwohnung des Klinikums lebt und dort arbeitet, ist oft Gast im Theater und kann der Entwicklung hin zu einem lebendigen Ortsteil von Haar, wie sie sagt, einiges abgewinnen.

Theaterchef Mattias Riedel-Rüppel hat mit seinem Haus die Monate neben der Baustelle durchgehalten und Programm geboten, bis die Corona-Pandemie den Lockdown brachte. Als für den Bau der Tiefgarage neben seinem Theater Spundwände in den Boden gerammt wurden, wackelten bei ihm im Büro unter dem Dach die Wände. "Bei mir da oben hat alles gescheppert", erinnert er sich. Aber er mag nicht klagen. Er habe gewusst, was mit der Baustelle auf ihn zukommen würde. Genau genommen sei es weniger schlimm gewesen als erwartet, sagt er. In der Corona-Schließzeit hätten die Arbeiter sogar zügig alle Wege fertigstellen können. Mittlerweile profitiert das Theater von der Öffnung des Geländes und davon, dass Menschen in die Nähe gezogen sind, bei denen in den Briefkästen auch die Programmhefte eingeworfen werden. Er habe schon einige Gäste aus den Neubauten begrüßt, sagt Riedel-Rüppel. "Ich glaube, das wird was."

Über Jahrzehnte bestimmten Psychiatriepatienten und Klinikpersonal die Szenerie. All die bald nach 1900 errichteten denkmalgeschützten Gebäude, denen der Park zurecht den "Jugendstil"-Zusatz verdankt, stehen da wie eben verlassen. Der Umbau in Wohnungen hat dort in den teils spektakulären Raumzuschnitten noch nicht begonnen. Die Gebäude können ihre Vergangenheit nicht verleugnen. Sabine Brüchmann ist zudem gespannt, ob die Verwandlung von Klinikräumen in Apartments funktioniert. "Ich möchte mir unbedingt eine Wohnung anschauen", sagt sie, als sie vor dem Tor im Mittelblock des lang gezogenen Hauses 61 steht, in dem sie viele Jahre mit Patienten arbeitete. Über dem Eingang links steht "Männer-Abteilung", über dem Eingang rechts "Frauen-Abteilung". Die Vorstellung, dass dort, wo der Zugang in die ehemals nach Geschlechtern getrennten Klinik-Blöcke war, Familien in ihre Wohnungen gehen, befremdet Brüchmann doch. Zwei Figuren stehen am Dachsims der Gebäude, sie versinnbildlichen die "Hoffnung" und die "Geduld" - unverzichtbare Tugenden im Umgang mit psychisch Kranken. Als ein normales Wohngebiet aber wird Brüchmann den Jugendstilpark wohl nie ansehen können. Zu viele Erinnerungen hängen für sie daran.

Die ausgedehnten psychiatrischen Behandlungszentren waren in Haar lange eine Welt für sich.

(Foto: Claus Schunk)

Andererseits macht genau das Konzept einer weitläufig angelegten Klinik im Pavillonstil im Grünen, wie es der Psychiater Friedrich Vocke bei der Planung zum Wohl der Psychiatriepatienten erdachte, die Qualität eines Wohngebiets Jugendstilpark aus. Die Patienten lebten auf Stationen mit großen Gärten, die heute nach dem Abzug der Klinik zuwachsen. Vögel zwitschern. Beim Blick auf eine der Terrassen, auf denen einst die Patienten mit ihren Pflegern saßen, ist Brüchmann schnell wieder in alten Zeiten. Man habe viel Zeit draußen verbracht, erzählt sie. Es habe Hochbeete gegeben, man habe gegrillt, und man sei, mit einer Brotzeit versorgt, mit den Patienten durchs Gelände gezogen, um an einem stillen Ort auf einer Bank, etwa am Brunnen vor der Jugendstil-Kirche Maria Siebenschmerzen zu verweilen.

Neben dem Theater in einem Gebäudeblock, an dem Arbeiter gerade die Klinkerfassade anbringen, soll es bald Gastronomie mit einer Außenterrasse geben. Die Café-Besucher werden dann auf eine Wiese schauen und gleich hinter dem Kindergarten Casinostraße einen Gedenkort des Künstlers Werner Mally vor Augen haben, der an die Ermordung Hunderter Psychiatrie-Patienten während der Zeit des Nationalsozialismus auf dem Gelände erinnert. Auch dieser dunkle Teil der Klinikgeschichte wird zu dem neuen Wohngebiet gehören. In dem Haus, aus dessen Garten heute Kinderstimmen fröhlich erschallen, war von 1912 an das Kinderhaus der Psychiatrie. Während der NS-Zeit wurde es zum Hungerhaus, in dem Kinder mit bewusstem Nahrungsentzug getötet wurden. In dem Gebäude 61, das auch von der Caféterrasse aus zu sehen ist, und in dem Sabine Brüchmann arbeitete, befand sich die sogenannte Kinderfachabteilung. Dort wurden Kinder mit Injektionen ermordet.

Mittlerweile ist ein Großteil der Neubauten fertig.

(Foto: Claus Schunk)

Für Sabine Brüchmann sind auch diese Tatsachen mit dem Gelände, den Gebäuden und ihrem Arbeitgeber verbunden. Sie ist in der Projektgruppe klinische Ethik aktiv, die sich damit befasst, wie die Lehren aus den "Euthanasie"-Verbrechen in die Arbeit heute in der Psychiatrie eingebracht werden können. Es gelte stets, sich im Umgang mit den Patienten kritisch "zu hinterfragen", sagt sie. Auch die belastete Historie wird zum Wohnen im Jugendstilpark gehören. Außer dem Gedenkort hinter der Kita an der Casinostraße wird die neue, noch zu errichtende Kita im Süden des Areals die Erinnerung daran wachhalten. Sie wird an der Edith-Hecht-Straße liegen. Edith Hecht wurde als 13-Jährige 1944 in der Psychiatrie in Haar umgebracht.

© SZ vom 15.07.2020
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