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Grüne: Rücktritt von Hanna Sammüller:Machtzentrum am Küchentisch

Grünes Studenten-Leben: Die bisherige Münchner Grünen-Chefin und die Vorsitzende der Grünen Jugend wohnen gemeinsam in einer WG in Sendling - jetzt könnte die eine der anderen nachfolgen.

Silke Lode

Es ist ziemlich genau ein halbes Jahr her, dass einige junge Grünen-Frauen am Sendlinger Tor einen Schreibtisch aufgebaut und im Business-Anzug Passanten angesprochen haben. Sie erklärten ihnen, dass es selbstverständlich sein sollte, dass mehr Frauen in Top-Positionen gelangen, und trugen anlässlich des Weltfrauentags einen Slogan auf die Straße, der wie ihr gemeinsames Lebensmotto daherkam: "Ich will keine Rose, ich will eine Führungsposition".

Hanna Sammüller und Katharina Schulze, 2010

Hanna Sammüller (links) und Katharina Schulze sind in der gleichen Partei, teilen ähnliche Erfahrungen und wohnen gemeinsam in einer WG in Sendling.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Eine dieser Frauen war die 26-jährige Hanna Sammüller, die bis Montagabend gemeinsam mit Nikolaus Hoenning an der Spitze der Münchner Grünen stand. Sammüller spricht gerne von der Leuchtturmfunktion, die Frauen in Führungspositionen haben.

Sie selbst war gerade auf dem besten Weg, eine solche Strahlkraft zu entwickeln. Die Grünen im Rathaus haben ihren rasanten Aufstieg mal neugierig, mal kritisch beobachtet, doch erst im Moment ihres Rückzugs an diesem Dienstag scheinen die Alteingessenen begriffen zu haben, dass sie gerade eines ihrer wichtigsten Nachwuchstalente verloren haben.

Mit 15 Jahren machte Sammüller die ersten Schritte in die Politik, im Jugendbeirat ihrer Heimatstadt Landsberg am Lech. Mit 17 kam sie zu den Grünen, und als sie zum Jurastudium nach München zog, wurde sie Beisitzerin der Grünen Jugend. Nach zwei Jahren in Paris und Prag passte die Grüne Jugend nicht mehr richtig, wie Sammüller sagt - damals war sie Anfang 20.

Sie wechselte in den Vorstand des Stadtverbands, und als dort 2009 Neuwahlen anstanden, war es für sie nur logisch, als Grünen-Chefin zu kandidieren. "Alles andere wäre Stagnation gewesen." Natürlich hatte sie Zweifel, ob es ihr gelingen würde, eine so inhomogene und streitlustige Partei wie die Grünen zusammenzuhalten.

Doktorarbeit oder Parteivorsitz?

Vor allem, weil sie nebenher an einer Doktorarbeit schrieb und sich um die Abgeordneten - einen im Bundestag, vier im Landtag, elf Stadträte und einen im Europaparlament - kümmern musste, die alle einen guten Draht zur Basis wollen. Aber Sammüller hatte dafür längst die nötige Selbstsicherheit gefunden und gelernt, dass "man auch mal was sagen darf, wenn man's nicht ganz genau weiß".

Jetzt hat sie trotzdem die Notbremse gezogen und den Parteivorsitz niedergelegt. Weil sie nicht warten wollte, bis entweder ihre Doktorarbeit scheitern oder die Parteispitze de facto nur noch an Hoenning hängen würde, der als junger Vater selbst nur begrenzt Zeit für die Grünen hat.

Generationswechsel dringend nötig

Als Parteichefin hat Sammüller nicht nur gelernt, ihre Meinung zu sagen, sondern auch, ihre eigene Auffassung hintanzustellen, um die Partei nicht zu zerreißen. Es gibt deshalb Momente, in denen sie ihre Mitbewohnerin beneidet: Katharina Schulze, die 25-jährige Chefin der Grünen Jugend. "Die Katha darf mehr fordern. Das verzeiht man der Grünen Jugend nicht nur, das erwartet man."

Zum Beispiel beim Thema Olympia. Es war die Jugend, die bei den Grünen zuerst gegen die Münchner Bewerbung für die Winterspiele 2018 war und 2007 gefordert hatte, die Bewerbung im Kommunalwahlprogramm abzulehnen. Über den Antrag wurde nie abgestimmt, "damals wurden wir belächelt", sagt Schulze.

Doch inzwischen ist auch der Landesverband gegen Olympia in Bayern, und Sammüller hatte gehofft, dass auch die Basis in München der olympiabegeisterten Stadtratsfraktion die Unterstützung entzieht. Es kam zu einer Kampfabstimmung, die Olympiagegner verloren und Sammüller muss seither versuchen, die Spaltung der Partei zu begrenzen.

Deshalb war sie froh, dass jetzt ein anderes großes Thema aufgekommen ist: die Atompolitik. "Da gibt es keine Spaltung, keine unterschiedlichen Ansichten", sagt Sammüller. Sie weiß, wie wichtig das für die Partei nach dem ungelösten Streit über Olympia ist. Auch für die Jungen hat das grüne Kernthema schlechthin nicht an Bedeutung verloren, im Gegenteil.

"Das ist unsere Zukunft! Die Fakten liegen auf dem Tisch: 100 Prozent erneuerbare Energien sind machbar. Warum gibt es dann immer solche bescheuerten Kompromisse?", empört sich Katharina Schulze. Gemeinsam arbeiten die Grünen an Plakaten und Parolen für die Menschenkette am 9.Oktober, ganz wie früher, bei einer "atompolitischen Bastelstunde".

Diese harmonischen Momente zwischen Alt-Grünen und dem Nachwuchs können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Jungen immer lauter einen Generationenwechsel fordern. Sammüller gehört zu den Vorkämpfern, auch wenn sie schon vor ihrem Rückzug jedem, der es hören wollte, sagte, dass sie sich damit nicht selbst in ein Mandat hieven will. Bei ihr steht die Doktorarbeit an erster Stelle, dann der Berufseinstieg als Juristin. "Ich würde als Politikerin immer die Option haben wollen, in einen Beruf zurückzukehren", sagt sie.

Frauen organisieren im Hintergrund

Weil die Satzung der Grünen vorschreibt, dass zur Doppelspitze der Partei mindestens eine Frau gehören muss, richten sich die Blicke nun automatisch auf Katharina Schulze, die am gemeinsamen WG-Küchentisch in Sendling schon an so manchem Antrag mit Sammüller gefeilt und Parteiinterna diskutiert hat. Kennengelernt haben die beiden sich über die Partei - bei einer Sitzung, wo sonst.

Schulze und Sammüller verbindet nicht nur ihre politische Grundeinstellungen, sondern auch die Erfahrung als junge Frau am Anfang der Karriereleiter. Beide haben sie erlebt, wie unterschiedlich Männer und Frauen auftreten und wahrgenommen werden - an der Uni genauso wie in der Politik.

"Ich dachte immer, ich bin total emanzipiert und kann alles erreichen, was Männer auch können", sagt Schulze. "Aber ich habe schnell und schmerzhaft gespürt, dass das nicht mal bei der Grünen Jugend möglich ist." Sie erzählt von Frauen, die im Hintergrund organisieren und sich für gute Stimmung verantwortlich fühlen, und von Männern, die wie selbstverständlich für "wirklich Wichtiges" und die Kontakte nach außen zuständig sind. Seither ist ihr Frauen- und Geschlechterpolitik wichtig geworden, für die Grüne Jugend organisiert sie ein Mentorenprogramm speziell für Frauen.

Sie war Helferin in Barack Obamas Präsidentschaftswahlkampf und schärfte dort sowohl ihre Begeisterung für Politik als auch ihren Willen, etwas zu bewegen. Sie hat sie sich auf das Thema Olympia-Opposition gestürzt und denkt jetzt darüber nach, für das vakante Spitzenamt zu kandidieren. Aus der Reihe der Grünen Hoffnungsträger ist sie kaum noch wegzudenken, allerdings will sie zuerst ihr Studium abschließen.

Auch sie muss überlegen, ob sich Parteispitze und Abschlussarbeit vereinbaren lassen. Und einen lang gehegten Traum müsste Schulze dafür wohl auch aufgeben: Den von einer Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking.

© SZ vom 22.09.2010/feko/tob

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