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Gewalt:Erstes Frauenhaus im Landkreis München eröffnet

Frauenhaus Herne

In Sicherheit: Mit dem ersten Frauenhaus im Landkreis München wird für Frauen aus der Region eine Zufluchtsstätte geschaffen.

(Foto: Maja Hitij/dpa)
  • Bereits 2010 hat der Landkreis München beschlossen, sein erstes Frauenhaus zu bauen.
  • Nach langer Suche hat er nun ein geeignetes Objekt gefunden.
  • 2014 wurden 3141 Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt. Die Dunkelziffer liegt aber weitaus höher.

Die Zahlen sind alarmierend: Jede dritte Frau über 15 Jahren wird Opfer körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) aus dem Jahr 2014.

In München und Umland wurden laut der Statistik der Polizei im gleichen Jahr insgesamt 3 141 Fälle häuslicher Gewalt verzeichnet, zehn Jahre zuvor beliefen sich die Anzeigen noch auf 1 821 im Jahr. Damit sind die Fälle von häuslicher Gewalt um 72,5 Prozent in den letzen zehn Jahren angestiegen. Zwar liegt diese Steigerung laut Polizei auch an der detaillierteren Erfassung von Gewaltdelikten, dennoch wird die Dunkelziffer weitaus höher geschätzt.

Die hiesigen Kreispolitiker hatten schon zuvor auf die besorgniserregende Tendenz im Bereich der häuslichen Gewalt reagiert: Sie stockten das Personal in der 2012 durch die damalige Landrätin Johanna Rumschöttel (SPD) geschaffene Interventionsstelle des Landkreises München (ILM) auf und griffen den bereits 2010 gefassten Beschluss auf, ein Frauenhaus einzurichten.

Nach Jahren der Vorbereitung und der lange Zeit erfolglosen Suche nach einem geeigneten Objekt ist es nun so weit: In diesen Tagen April eröffnet in einer Kommune des Landkreises München das erste Frauenhaus.

Wo genau im Landkreis es liegt, soll die Öffentlichkeit zum Schutz der Frauen nicht erfahren. In dem Haus sollen insgesamt sieben betroffene Frauen sowie deren Kinder kurzfristig eine vorübergehende Bleibe finden können. Wie lange die Frauen dort Schutz suchen, ist je nach Situation unterschiedlich, eine Übergangszeit von sechs Wochen wird aber im Regelfall angesetzt.

Die Frauen geben alles auf, um der Tyrannei zu entgehen

Nachdem die Kommunalpolitiker ursprünglich vorgehabt hatten, das Frauenhaus in einem angemieteten Gebäude einzurichten und sich diese Pläne zerschlagen hatten, entschlossen sich die Kreisgremien, einen Neubau zu errichten. Als Betreiber wurde der Sozialdienst katholischer Frauen München (SkF) gewonnen. Der Sozialdienst hilft bereits seit 1899 in Not geratenen Frauen, im vergangenen Jahr haben etwa 30 spezialisierte Abteilungen über 3500 Frauen betreut und 6500 Beratungsgespräche geführt.

In Bayern können Frauen seit über 35 Jahren Schutz in einem Frauenhaus suchen. Diesen Einrichtungen kommt große Bedeutung zu, denn sie sind die sichere Anlaufstelle für Frauen, denen in ihrem angestammten Heim oftmals sogar Gefahr für Leib und Leben droht.

Um der Tyrannei zu Hause zu entgehen, seien sie nicht selten dazu gezwungen, alles aufzugeben: nicht nur das familiäre Umfeld, sondern auch den Freundeskreis und die finanzielle Absicherung. Das sagt eine Sozialpädagogin, die in einem Frauenhaus in der Region München arbeitet. Sie möchte anonym bleiben, um größtmöglichen Schutz zu gewährleisten.

Denn die Frauen müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Zuflucht nicht öffentlich in Erfahrung gebracht werden kann. Männer haben in Frauenhäusern im Normalfall keinen Zutritt, auch Besuch ist nicht erlaubt.

Der Verein Frauenhauskoordinierung setzt sich deutschlandweit für den Abbau von Gewalt gegenüber Frauen und für die Verbesserung der Hilfen für misshandelte Frauen und deren Kinder ein. Eine im Jahr 2014 veröffentlichte Statistik des Vereins zeigt, dass hauptsächlich Frauen im Alter von 20 bis 50 Jahren Opfer von häuslicher Gewalt werden. Dabei wurden 49,7 Prozent von ihrem Ehemann und 28,4 Prozent von ihrem Freund oder Lebenspartner misshandelt.

Frauenhäuser bieten aber nicht nur Schutz, sondern die Betreuer der Einrichtungen stehen auch beratend an der Seite der Frauen. Häufig müssen neue Lebensperspektiven entwickelt werden, und es bedarf anfangs auch teils finanzieller und sozialer Unterstützung.

Hier können erste Anlaufhilfen im Frauenhaus gegeben und Kontakte zu spezialisierten Hilfsangeboten vermittelt werden. Auch müssen sich die betroffenen Frauen womöglich zu rechtlichen Schritten entschließen, zum Beispiel entscheiden, ob ihren Männern und Freunden ein Platzverweis oder Kontaktverbot durch die Polizei auferlegt wird.

Und schließlich geht es für sie darum, in ein neues Leben außerhalb des Frauenhauses finden zu können. Auch hierbei helfen die Sozialbetreuer und vermitteln den Kontakt zur Polizei. Sie hat im Gesamtgebiet München nach den Zahlen des Sicherheitsreports von 2014, des aktuellsten Berichts, der momentan vorliegt, insgesamt 1114 Platzverweise und 1 140 Kontaktverbote wegen häuslicher Gewalt verhängt.

Schutz per Gesetz

Frauenhäuser sind keine wohltätigen Einrichtungen, sondern seit 2011 gesetzlich vorgeschrieben. In der sogenannten Istanbul-Konvention haben die Bundesrepublik und weitere Staaten vereinbart, dass Frauen vor Gewalt geschützt und häusliche Gewalt verfolgt werden muss. Für die Sicherheit der Frauen muss der Staat daher ausreichend Schutzunterkünfte zur Verfügung stellen, eine Familie (Frau mit Kindern) pro 10 000 Bewohner müsse unterkommen können. In der Realität müssen betroffene Frauen jedoch teils auf einen Platz warten, ein sofortiger Schutz ist nicht immer möglich. So kommt es beispielsweise im Haus der "Frauenhilfe München" nach Angaben von Leiterin Melanie Schauer in ungünstigen Fällen auch zu wochenlangen Wartezeiten. Ein Aufenthalt in einem Frauenhaus kann sich dann unterschiedlich ausdehnen - von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten, je nach Gefahrenlage. laz