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Garching:Vom Apfel zum Halm

Sieht aus wie eine Makkaroni-Nudel: essbare Trinkhalme aus Apfelpektin.

(Foto: Catherina Hess)
  • Das Start-up "Wisefood" produziert seit zwei Jahren essbare Strohhalme, die aus den Resten der Apfelsaftproduktion hergestellt werden.
  • Die Halme bestehen aus Apfeltrester, Getreide, Zitronensäure und halten bis zu 60 Minuten.
  • Aus Hygienegründen werden die Trinkröhrchen in Plastikverpackungen verschickt. Anfragen kommen aus China, Südkorea und Spanien.

Am Anfang klebte er an den Zähnen wie Lakritze und löste sich nach zwei Minuten auf. Doch bald wurden aus zwei Minuten zehn Minuten und schließlich 30 Minuten. Trotzdem beschwerten sich die Kunden noch. "Also haben wir uns eingeschlossen und weitergearbeitet, bis wir die magische Grenze von 60 Minuten erreicht haben", sagt Philipp Silbernagel, und fügt hinzu: "Länger als eine Stunde trinkt wohl niemand."

Eine Stunde, so lang hält jetzt der essbare Trinkhalm aus Apfeltrester, den das Garchinger Start-up "Wisefood" entwickelt hat. Nach geschätzten 1000 Rezepttests ist der "Superhalm" so stabil, dass Manager Maximilian Lemke sagt: "Nach 20 Minuten kann man ihn gut knabbern, nach einer Stunde ist der Weichegrad erreicht, dass man sich einen neuen Drink holen sollte." In alkoholhaltigen Getränken hält der Halm doppelt so lang.

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Der Trinkhalm zum Knabbern sieht aus wie eine Makkaroni-Nudel. Genauso hart ist er auch, wenn man nicht wartet, bis man sein Glas leer getrunken hat. Es wäre aber auch dumm, ihn vorher zu essen, sagt Lemke: "Denn sonst hat man ja keinen Trinkhalm mehr zum Trinken."

Apfeltrester, Getreide, Zitronensäure, und Stevia, das sind die Zutaten, die das Wisefood-Team seit zwei Jahren eifrig zusammenmixt. Der Gedanke dahinter: Dem Wegwerfwahnsinn bei Plastik und Lebensmitteln ein Ende bereiten - und Abfälle aufessen. Apfeltrester bleibt bei der Herstellung von Apfelsaft übrig. Studenten des Karlsruher Instituts für Technologie hatten die Idee, die Apfelfasern als Plastikersatz zu verwerten. Drei Jungunternehmer, darunter Silbernagel, griffen diese Idee auf und gründeten vor zwei Jahren das Unternehmen "Wisefood".

Mit einer billigen Handnudelmaschine stellte das junge Team zu Beginn seiner Karriere die ersten Trinkhalme her. "Mit der haben wir stundenlang gekurbelt", erinnert sich Silbernagel. Doch die Konsistenz der Trinkhalme stimmte nicht, die Stabilität im Wasserglas hielt zu kurz. Auf der Suche nach einer besseren Nudelmaschine seien sie "durch ganz Deutschland gefahren", erzählt der 28-Jährige. In Baden-Württemberg wurden sie fündig: Sie kauften eine automatische Nudelmaschine. Mittels Crowdfunding sammelten sie Geld von Investoren und meldeten sich bei der Fernsehsendung "Die Höhle der Löwen" an.

Philipp Silbernagel (links) und Max Lemke haben lange experimentiert, bis die Trinkhalme sich lange genug im Glas hielten.

(Foto: Catherina Hess)

In den Wochen vor der Ausstrahlung arbeitete das Trinkhalmteam bis spät in die Nacht. "Irgendwann waren wir so müde, dass wir auf dem Boden geschlafen haben, zwischen den ganzen Trinkhalmen", erinnert sich Silbernagel. Die Mühe lohnte sich: Ein stabiler, beinahe geschmacksneutraler Trinkhalm war das Resultat, und obgleich Wisefood bei der Sendung nicht gewann, so wurde dem Unternehmen doch öffentliche Aufmerksamkeit zuteil.

Mittlerweile haben sich die drei Gründer getrennt, Silbernagel ist an der Wisefood-Spitze geblieben. Eine Produktionsfirma in Bayern stellt die Halme am Fließband her, Wisefood versorgt sie mit Zutaten und Rezepten. Der Superhalm ist damit jedoch nicht am Ende seiner Optimierung angelangt. "Das Produkt entwickelt sich immer weiter", sagt Lemke.

Aus Hygienegründen werden die Trinkhalme in Plastikverpackungen verschickt

Das aufgeräumte Büro im Garchinger Forschungszentrum teilen sich heuer fünf Vollzeitbeschäftigte. In den Regalen stapeln sich Schachteln mit Superhalmen und Säcke mit Apfelstaub, aus einer Nische glänzen Siegestrophäen neben unappetitlichen Vorgängerversionen des Superhalms. In einer der unteren Regalreihen versteckt sich ein Kasten Bier; auf einem Tisch liegen wulstige Kringelnudeln aus, mit Merkzetteln nummeriert - ein Experiment mit verschiedenen Stevia-Sorten.

Lemke sitzt auf einem Stuhl aus recyceltem Plastik und reicht eine Dose mit dünnen Riegeln herüber, die aussehen wie Hundeleckerli. "Das sollen Eislöffel werden", sagt der 22-Jährige. Zum Kauen sind die Riegel beinahe zu hart, man müsste sie in Eiscreme tunken, damit sie weicher werden. Sie schmecken nach Bio-Dinkelkeks mit Apfelkompott. Wisefood experimentiert nicht nur mit Trinkhalmen, sondern auch mit Besteck. Silbernagels Ziel ist: "Wir wollen der größte weltweite Anbieter für essbares Einweggeschirr werden." Momentan bestreitet der studierte Elektrotechniker seinen Lebensunterhalt noch mit einem Website-Unternehmen, das er vor Wisefood gegründet hat. Doch auch das könnte sich bald ändern, denn an Kunden scheint es nicht zu mangeln: 630 000 Halme hat Wisefood nach eigenen Angaben jüngst nach Südkorea verschifft. Aus China kam eine Anfrage nach Essstäbchen und von Mallorca eine nach Rührstäbchen für Cocktails.

Bei all diesem Interesse stellt sich die Frage: Wie umweltfreundlich ist die Firma tatsächlich? Ihre Trinkhalme verschickt sie aus Hygienegründen in Plastikverpackungen, das Team diskutiert mit seinen Kunden über Alternativen. Es beteuert außerdem, langfristig Klimaneutralität erreichen zu wollen. Und Silbernagel betont: "Man braucht nicht zu jedem Getränk einen Trinkhalm." Wisefood solle vor allem zum Diskutieren und zu einem bewussten Konsum anregen. So gilt wohl auch hier: Keine Trinkhalme sind besser als essbare Trinkhalme. Die essbaren Trinkhalme aus Apfelresten scheinen aber immer noch besser zu sein als Trinkhalme aus Plastik oder Papier. Denn sie werden aus Abfällen recycelt, die ohnehin anfallen. Und anders als bei Plastik und Papier kann es wohl nicht schaden, sie zu essen.

Wer das Apfelröhrchen trotzdem nicht knabbern will, der sei getröstet: "Wir haben das mal auf die Straße geworfen, um zu schauen, was passiert", sagt Silbernagel. Tierchen hätten sich eingenistet, der Halm habe sich innerhalb weniger Wochen aufgelöst.

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