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Kirchheim:Leben wie die Bajuwaren

Der Förderverein hat etwa 100 Mitglieder, rund 20 davon arbeiten aktiv mit.

(Foto: Claus Schunk)

Sie schmieden, weben Stoffe oder gießen Bronze: In Kirchheim betreiben Ehrenamtliche auf einem Bajuwarenhof experimentelle Archäologie.

Von Nadja Tausche, Kirchheim

Wer sich einmal als Bewohner Bayerns im 6. und 7. Jahrhundert fühlen möchte, kann auf dem Bajuwarenhof Kirchheim tief in die Epoche des frühen Mittelalters eintauchen. Auf dem Gelände stehen Häuser und Kräuterbeete, es gibt einen Brunnen und eine Schmiede. "Wir können uns nur annähernd vorstellen, wie solche Häuser ausgesehen haben könnten", sagt Claudia Fischer. Sie ist seit 2012 beim Bajuwarenhof dabei und Vorsitzende des Fördervereins Bajuwarenhof Kirchheim, dessen Ehrenamtliche das archäologische Langzeitprojekt betreiben.

Der Bajuwarenhof finanziert sich durch Spenden. Er soll einerseits Besuchern zeigen, wie eine mittelständische Familie in der Zeit der Bajuwaren gelebt hat. Andererseits wolle man hier auch auf experimentell archäologischer Basis Dinge ausprobieren, sagt Fischer, also Fragestellungen in der Praxis ausprobieren: Welche Möglichkeiten des Bauens gab es damals und welche war am sinnvollsten? Verschiedene Optionen hat man zum Beispiel am Boden des Langhauses ausprobiert.

Das Langhaus ist das Wohn- und Haupthaus des Anwesens, innen gibt es eine Feuerstelle und eine Sitzgarnitur aus Holz. An der Wand hängen getrocknete Kräuter und ein Regal, das mit Schnüren an den Holzbalken der Decke befestigt ist. Das Dach ist mit Schilf gedeckt, in langen runden Bündeln hält er den Regen ab. Der Boden besteht aus festem, hartem Lehm. Tritt man durch die Tür, steht man aber erst einmal auf großen Steinen, die fest im Boden verankert sind.

Und in der hinteren Ecke hat man noch einen anderen Bodenbelag ausprobiert: lockeren Erdboden. Als am sinnvollsten habe sich der Lehmboden erwiesen, sagt Fischer. Die lockere Erde mische zu viel Staub auf, und die Steine seien unbequem: "Die Bajuwaren hatten ganz dünne Ledersohlen an."

Die Lederschuhe der Bajuwaren tragen die Vereinsmitglieder bei bestimmten Anlässen auch selbst. Beim Hoffest zum Beispiel, dann kleiden sich die Ehrenamtlichen in traditionelle Gewänder und führen darin für das Mittelalter typische Arbeiten aus: Sie schmieden, weben Stoffe oder gießen Bronze vor den Augen der Besucher. Die Kleider haben sie zuvor selbst hergestellt und eingefärbt. Wollen sie ein gelbes Gewand, werfen sie es in eine Wasserschale über dem Feuer, in dem Zwiebelschalen schwimmen.

Die Vereinsmitglieder backen auf dem Hof auch Brot, brennen Keramik und bauen Kräuter an, Seifenkraut zum Beispiel, aus dessen Wurzeln sie auch schon selbst Seife hergestellt haben. Der Bajuwarenhof bietet auch Führungen an, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Bei einer der Führungen sollen Kinder lernen, wie ein Archäologe arbeitet - dazu führen sie selbst Ausgrabungen durch und bergen Waffen und Schmuck aus Kunststoffnachbildungen. Außerhalb dieser Veranstaltungen hat der Bajuwarenhof jeden Sonntag geöffnet.

Der Förderverein hat etwa 100 Mitglieder, rund 20 davon arbeiten aktiv mit. Die Ehrenamtlichen kommen mehrmals pro Monat an den Bajuwarenhof. "Wir versuchen, je nachdem wie es mit dem Privatleben funktioniert, so oft wie möglich hier zu sein", sagt Fischer. Dabei nehmen die Mitglieder oft ihre Kinder mit, sie spielen dann dort oder helfen, Unkraut zu jäten oder Laub zu rächen.

"Unsere Kinder wachsen hier mit auf", sagt Fischer. Auch sie und ihr Mann Eric, der ebenfalls am Hof arbeitet, nehmen ihre siebenjährige Tochter Veronika mit. Für Fischer ist der Bajuwarenhof keine reine Pflichtaufgabe: "Es ist nicht nur ein Hobby, mit der Zeit wird das auch ein bisschen zur Lebenseinstellung", sagt sie.

Der Bajuwarenhof hat zwischen Mai und September an jedem Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Führungen können unter www.bajuwarenhof.de gebucht werden.

© SZ vom 12.04.2017/amm
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