bedeckt München
vgwortpixel

Regensburg:Wo die ersten Bayern begraben sind

Grabung im Dörnberg-Areal in Regensburg: Zwischen den Gräbern Tausender Römer stießen die Archäologen auch auf Gräber aus dem frühen Mittelalter.

(Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege)
  • In Regensburg haben Archäologen das größte Gräberfeld in Süddeutschland gefunden.
  • Auf dem Areal, auf dem Tausende Römer bestattet wurden, ruhen auch die ersten Bayern.
  • Diese Funde könnte Licht in die Übergangszeit zwischen Spätantike und frühes Mittelalter bringen - und die Frage klären, woher die Bajuwaren kamen.

Bei Bauarbeiten auf dem Areal Dörnberg in Regensburg sind Archäologen auf das größte bekannte Gräberfeld in Süddeutschland gestoßen. Seit 2015 wurden dort mehr als 1500 Gräber freigelegt, die vor allem aus der Römerzeit stammen. Es handelt sich um eines der bedeutendsten römischen Gräberfelder nördlich der Alpen.

Darüber hinaus wurden Gräber aus dem frühen Mittelalter (5. bis 7. Jahrhundert) entdeckt. Die Anfänge der bayerischen Geschichte, über die wenig bekannt ist, rücken damit in ein neues Licht. Bislang steht fest, dass der Friedhof vom Jahr 179 bis zum Jahr 670 genutzt wurde, also bis in die nachrömische Zeit hinein.

Zur Freude der heutigen Wissenschaftler wurden hier nicht nur Römer, sondern auch Bajuwaren bestattet. Aus archäologischer Sicht ist das ein großes Geschenk. Schließlich öffnet sich damit ein Sichtfenster auf die noch wenig erforschte Übergangszeit von der Spätantike bis ins frühe Mittelalter. Man weiß nur, dass plötzlich, wie aus heiterem Himmel, die Bajuwaren auftauchten. Deren Herkunft ist aber noch nicht hundertprozentig geklärt.

Zwischen dem Abzug der Römer aus Südbayern (anno 488) und der ersten Erwähnung der Bajuwaren (551) liegt eine Art Grauschleier, der noch vieles verdeckt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bajuwaren bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts nirgendwo erwähnt werden. Erst dann notiert der Schreiber Jordanes beiläufig, dass die Bayern Nachbarn der Schwaben seien. 14 Jahre später berichtet auch der Dichter Venantius Fortunatus von der Existenz dieser rätselhaften Bajuwaren.

Die jetzt entdeckten Grabausstattungen könnten eine Antwort auf eine der drängendsten Fragen der bayerischen Geschichte liefern: Wie setzte sich die Bevölkerung während des 5. und 6. Jahrhunderts zusammen? Sicher ist nur, dass der Stamm der Bajuwaren in Regensburg sein politisches Zentrum hatte. Der Regensburger Kulturreferent Klemens Unger prophezeit, mit den frischen Grabungsschätzen werde man die bayerische Geschichte neu schreiben müssen.

"Endlich können wir nun die Kontinuität der Regensburger Geschichte und damit auch der bayerischen Geschichte bis ins frühe Mittelalter neu aufrollen." Lange Zeit wurde in der Wissenschaft die Theorie vertreten, die Bajuwaren seien als einheitlicher Stamm aus dem Osten in das nach dem Abzug der Römer weitgehend entvölkerte Land südlich der Donau eingewandert. Mittlerweile steht aber fest, dass die Region zwischen Donau und Alpenraum nach den Römern keineswegs verlassen war.

Multikulti schon im 5. Jahrhundert

Hier lebten weiterhin Menschen, die sogar internationale Handelsbeziehungen pflegten. Vieles deutet darauf hin, dass sich in Südbayern schon zur Römerzeit ein ethnisches Gemisch herausgebildet hatte. "Hier verkehrte im 5. Jahrhundert eine Art Multikulti", sagt Brigitte Haas-Gebhard von der Archäologischen Staatssammlung in München.

Schon beim Eisenbahnbau in den Jahren 1872 bis 1874 wurde in der Nähe des aktuellen Regensburger Fundorts ein großes Gräberfeld freigelegt. Die dort entdeckten Grabmonumente, Inschriften und Grabbeigaben bildeten den Grundstock für die Römerabteilung des heutigen Historischen Museums. Allerdings wurden damals bis zu 5000 Gräber undokumentiert zerstört.

Bei der aktuellen Grabung, die seit 2015 läuft, wurden bis jetzt 1200 Gräber dokumentiert. Die Anzahl der bekannten Gräber auf dem Areal ist damit auf 7000 gestiegen. Der Fund von drei Steinsarkophagen deutet nach Auskunft des Landesamts für Denkmalpflege darauf hin, dass hier höhere Gesellschaftsschichten ihre letzte Ruhe fanden. In der Nähe der jetzigen Grabungsfläche wurde einst auch der "Grabstein der Sarmannina" gefunden, eines der ältesten Zeugnisse für das Christentum in Bayern.

Bis die Funde ausgewertet und die anthropologischen Untersuchungen abgeschlossen sind, wird noch viel Zeit vergehen. Die Wissenschaftler hoffen nicht nur, die Wissenslücke zwischen Römerzeit und Frühmittelalter endlich schließen zu können, sie erwarten auch aufschlussreiche Erkenntnisse zu den Themen Zuwanderung, Sterblichkeit und Gesundheitszustand der damaligen Bevölkerung.

In dieser Woche hat der Grundeigentümer, die Firma Bucher Properties München, die Grabungsfunde an die Stadt Regensburg übergeben. Nach geltendem Recht stehen sie dem Grundeigentümer und Auftraggeber der Ausgrabung zu. Damit wird dieses Geschichtszeugnis auch für die Allgemeinheit zugänglich.

Auf dem Areal Dörnberg, auf dem sich also in grauer Vorzeit der Hauptfriedhof des römischen Regensburgs (castra regina) erstreckte, soll demnächst auf 23 Hektar Fläche ein neues Wohnquartier mit gut 900 Wohnungen, Hotels, Büros, Kinderkrippe und drei Spielplätzen entstehen.

© SZ vom 25.11.2016/vewo
Zur SZ-Startseite