Coronavirus:Stillleben

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Weil bei Allianz und Sky ein Großteil der Belegschaft im Home-Office arbeitet, ist das sonst so geschäftige Unterföhringer Gewerbegebiet derzeit beinahe verwaist. Ein Rundgang durch leere Büros, Kantinen und Tiefgaragen

Von Sabine Wejsada, Unterföhring

Wenn in der Früh die Züge der S 8 am Unterföhringer Bahnhof halten, dann spucken sie eine Vielzahl von Pendlern aus, die nur ein Ziel haben: das Gewerbegebiet östlich der Bahnstrecke. Tausende Männer und Frauen laufen in ihre Büros, die Situation auf den Bürgersteigen an der Medienallee hat fast etwas von einer Völkerwanderung, so viele Menschen sind da morgens in die eine und nach Feierabend in die andere Richtung unterwegs. Ähnlich groß ist die Zahl derer, die mit dem Fahrrad zu ihrem Arbeitsplatz kommen, mit Bussen oder dem eigenen Auto. Besonders an den Einfahrten zum Gewerbegebiet im Osten der Gemeinde staut sich der Verkehr. Normalerweise. Und das ist lange her.

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die meisten Büros in den Versicherungsunternehmen und Medienkonzernen, die in Unterföhring zu Hause sind, verwaist. Wo üblicherweise mehr als 22 000 Beschäftigte arbeiten, doppelt so viele wie in der Gemeinde leben, herrscht in Zeiten des zweiten Lockdowns gähnende Leere. Es gibt eine stattliche Zahl an freien Parkplätzen, nur ein paar Autos stehen am Straßenrand oder auf den Stellflächen vor den Firmen. Wo sich sonst die Mitarbeiter der vielen Unternehmen auf dem Weg ins Büro oder Sendezentrum beinahe auf die Zehen treten, sind derzeit fast mehr Spaziergänger anzutreffen, die auf dem Weg zum Feringasee das schöne Wetter genießen - oder sich zwischen zwei Meetings im Home-Office diesseits der Bahnlinie die Füßen vertreten wollen. Verkehrte Welt.

Wie überall in Deutschland haben die Konzerne und Betriebe in Unterföhring ihre Belegschaft in Heimarbeit geschickt, wo immer es möglich ist. Beim Versicherungskonzern Allianz, der in der Stadtrandkommune ihren weltweit größten Standort mit circa 9100 Beschäftigten unterhält, kommen nur gut zwölf Prozent des Personals ins Büro. Darunter Gebäudetechniker, Drucker, Sicherheitsleute, Chefs und auch Köche. Sie bereiten für die anwesenden Kollegen Speisen zum Mitnehmen zu; die vier Restaurants auf dem Allianz-Campus sind coronabedingt geschlossen. Der Rest der Belegschaft erledigt seine Aufgaben daheim in den eigenen vier Wänden.

Ingo Schulz, Leiter der Abteilung Interne Dienste, ist einer von jenen, die regelmäßig da sind - "auch wenn ich die Vorzüge des Home-Office zu schätzen gelernt habe", wie er bei einem Rundgang durch das Haus 1 an diesem Nachmittag einräumt. Es geht durch leere Flure, vorbei an Büros, in denen nur ganz vereinzelt jemand an einem Schreibtisch sitzt, an versperrten Konferenzräumen, leeren Kantinen und mit rot-weißen Bändern versehenen Kaffeebars ohne Barista. In der Tiefgarage lassen sich die geparkten Autos an einer Hand abzählen, auf den Gängen im Gebäude und auf den Wegen draußen auf dem Campus verlieren sich nur ein paar Menschen mit FFP2-Masken im Gesicht.

Eine Gruppe von Leuten im Haus 1 hat augenblicklich trotz Corona alle Hände voll zu tun: Handwerker. Nach den Worten von Schulz wird das Haus 1 seit geraumer Zeit umgebaut, Einzelbüros werden aufgelöst, um Räume für das mobile Arbeiten zu schaffen, wie es sie in dem im Frühjahr 2016 bezogenen Neubau, dem Haus 4 auf der gegenüberliegenden Seite der Dieselstraße, von Anfang an gibt. Der Allianz-Campus in Unterföhring umfasst knapp 390 000 Quadratmeter. Seit 1992 hat das Unternehmen die ersten Gebäude in Unterföhring eröffnet; zwischen 1998 und 2004 kamen zwei weitere dazu, 2012 wurden noch einmal Räumlichkeiten bezogen, und im Jahr 2014 hat die Allianz das spektakuläre Bauwerk der Swiss Re gekauft. Der aktuelle Umbau soll laut Schulz bis Mai oder Juni abgeschlossen sein. Und dann könnten, wenn alles gut geht, die Mitarbeiter ihre neugestalteten Räume in Besitz nehmen. Vorausgesetzt, das Infektionsgeschehen lässt es zu.

Was freilich nicht nur Christina Bersick, die Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der Allianz, hofft. Seit Beginn der Pandemie sind sie und der Krisenstab schwer beschäftigt. Das Team habe bereits die ersten Corona-Fälle bei Webasto in Stockdorf aufmerksam verfolgt, einige Tage vor dem ersten Lockdown im März habe man den Beschäftigten dringend nahegelegt, ins Home-Office zu gehen, erzählt Bersick, und sie regelmäßig mit Informationen versorgt. Im Sommer dann, als die Infektionszahlen etwas sanken, gab es eine Rückkehrstrategie für Teile der Belegschaft mit klaren Regeln zu Abstand und Hygienevorgaben.

Jetzt im zweiten Lockdown wird in den allermeisten Fällen wieder daheim gearbeitet. Wer dennoch ins Büro kommt, muss sich auf einer Tafel anmelden mit einem Magneten, auf dem der Name steht, und diesen auf einem Plan dort platzieren, wo in der Etage der Schreibtisch steht. Das alles funktioniere gut, sagen Bersick und Schulz übereinstimmend. Bis zu 900 Angestellte machten von dem Angebot, am Standort zu arbeiten, regelmäßig Gebrauch.

Hungern muss niemand, der da ist: Die Köche der Allianz bereiten täglich circa 800 Essen zum Mitnehmen zu. Über ein ausgeklügeltes System mit bunten Münzen werden die Abholzeiten der Speisen gestaffelt, damit nicht alle auf einmal in die Kantinen kommen und sich keine Schlangen bilden. Um auch all jene, die daheim selbst am Herd stehen und auf die nach den Worten von Ingo Schulz bei den Beschäftigten äußerst beliebten Speisen verzichten müssen, haben die Köche ein fast hundert Seiten zählendes Kochbuch mit dem Titel "Die Lieblingsgerichte der Allianz-Gastronomie" zusammengestellt. Zu bekommen ist es gegen eine Spende an die Kinderstiftung des Konzerns.

Wie sehr die Corona-Pandemie den gewohnten Arbeitsalltag verändert hat, ist auch bei Sky spürbar. Bis auf die systemrelevanten Beschäftigten etwa im Sendebetrieb und in der Technik sind circa 80 Prozent der gut 2000 Mitarbeiter am Standort Unterföhring im Home-Office. Die Arbeitsplätze in den Studios sind seit dem Beginn der Krise im Frühling 2020 mit Plexiglasscheiben abgetrennt, die "Critical Workers" können viermal in der Woche einen Test machen, alle anderen, die in die Zentrale kommen, können sich zweimal einem Test unterziehen, nachdem bei ihnen vor dem Eintritt ins Gebäude Fieber gemessen worden ist. Wer nicht von zuhause arbeiten kann, muss nicht in die S-Bahn oder den Bus steigen, um zum Job zu kommen. Sky spendiert Fahrten mit dem Taxi. "Bei allem, was wir tun, steht immer die Sicherheit aller an oberster Stelle. All jenen, die daheim arbeiten, versucht das Unternehmen, es mit verschiedenen Maßnahmen von virtueller Kinderbetreuung bis hin zu Wohlfühlangeboten so angenehm wie möglich zu machen, wie Personalchefin Danja Frech im Online-Gespräch sagt. "Flexibles Arbeiten gab es bei Sky schon vor Corona, und wir werden auch nach Corona ein hybrides Arbeitsmodell bei uns fest verankern." Wer es zu Hause nicht mehr aushält, weil ihm die Decke auf den Kopf fällt, der kann sich in der aktuellen Situation zum Beispiel auch einen Platz in der Zentrale buchen - und reinkommen, um ein wenig die Normalität eines Büroalltags zu spüren - eine FFP2-Maske gibt es am Eingang. Ähnlich wie die Allianz hat Sky die durch Corona erzwungene personalreduzierte Zeit für eine Umgestaltung der Zentrale am Standort in Unterföhring genutzt. Der Eingangsbereich sei schöner und einladender geworden, so Frech.

Die Pandemie hat nach ihrer Aussage gezeigt, wie wichtig es ist, die Mitarbeiter angesichts der ungewohnten Arbeitsbedingungen mitzunehmen und zu begleiten. Gerne auch mal auf humorvolle Weise, immerhin sei man ja in der Unterhaltungsbranche tätig. "Wir versuchen, auf die Bedürfnisse unserer Kolleginnen und Kollegen einzugehen, sie zu unterstützen, wo immer es möglich ist", versichern Frech und ihre Kollegin Julia Buchmaier von der Unternehmenskommunikation. Neben allen Sicherheitsmaßnahmen, regelmäßiger Kommunikation oder Online-Mitarbeiterversammlungen habe man den Beschäftigten zum Beispiel an Weihnachten und Silvester, bislang halbe Arbeitstage, die Stunden geschenkt. Es gab für jeden eine große Box mit Überraschungen vom Caterer zum Fest - und ein augenzwinkerndes Video mit der Geschäftsleitung aus der Personalabteilung. Und das nächste amüsante Event steht schon an: Geplant ist ein "Bad Hair Day", bei dem die Mitarbeiter Fotos von ihren außergewöhnlichen Frisuren hochladen können. Unter den schönsten im Lockdown gewachsenen oder in Eigenregie bearbeiteten Exemplaren werden Friseur-Gutscheine verlost.

Die Salons dürfen ja am 1. März wieder aufsperren. Wann die Belegschaften wieder an ihre Arbeitsplätze in den Unterföhringer Unternehmen zurückkehren können, ist offen.

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