Coronavirus im Landkreis München:Studieren geht über Probieren

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Coronavirus im Landkreis München: Es gibt große Geräte und kleine - laute und leise: Die technische Vielfalt bei Luftreinigsgeräten ist immens. Stadt- und Gemeinderäte versuchen, sich in Details einzuarbeiten. Und über allem die Frage: Bringt es was?

Es gibt große Geräte und kleine - laute und leise: Die technische Vielfalt bei Luftreinigsgeräten ist immens. Stadt- und Gemeinderäte versuchen, sich in Details einzuarbeiten. Und über allem die Frage: Bringt es was?

(Foto: Claus Schunk)

Unterschleißheims Stadträte fühlen sich bei Luftfiltern für Schulen von der Staatsregierung allein gelassen und fragen einen Fachmann um Rat. Danach entscheiden sie sich gegen weitere Millionen-Anschaffungen

Von Bernhard Lohr, Unterschleißheim

Man könnte meinen, die Technische Universität München hat in Unterschleißheim einen neuen Fachbereich für Aerosolkunde aufgemacht. Im Hörsaal sitzen 30 Studenten, von denen die meisten offensichtlich dem Seniorenstudiengang angehören. Sie blicken konzentriert nach vorne und versuchen zu verstehen, was Dozent Thomas Bauer vorträgt. Was ist von Hepa-Filtern zu halten? Was von der neuen UVC-Technik? Und was macht die Plasma-Forschung, von der neuerdings alle raunen?

Es geht um viel. Schon nach der Vorlesung kommt es zum Showdown. Keine Prüfung steht an, aber eine Abstimmung, bei der Millionen von Euro auf dem Spiel stehen sowie die Gesundheit von Hunderten Kindern.

Die da am Donnerstagabend in einem Crashkurs sitzen, sind die Stadträte in Unterschleißheim. Sie sind Laien im Aerosolfach und stehen vor der Frage, wie sie im Angesicht einer sich abzeichnenden vierten Welle der Corona-Pandemie Kinder und Jugendliche in Kitas und Schulen schützen sollen. Die Inzidenzen erreichen bayernweit Höchststände. Der Winter beginnt erst und schon stellen sich alle darauf ein, dass Kinder wieder Masken am Sitzplatz in der Klasse tragen sollen.

Die Stadt Unterschleißheim hat schon etliche Luftfiltergeräte für schlecht zu lüftende Räume angeschafft, die in einem ersten Förderstrang bezuschusst wurden. Die Frage ist nun, ob und mit welcher Technik in 410 weiteren Räumen in 20 Schul- und Kita-Gebäuden mehr Sicherheit zu bekommen ist. Zwischen 3,4 und 9,3 Millionen Euro würde das je nach Technik laut Berechnungen eines Ingenieurbüros kosten. Die Stadträte beschließen schließlich mehrheitlich mit Stimmen von CSU, Freien, AfD, aber auch teils von SPD und Grünen, nichts zu tun.

Es ist ein überraschender Schlusspunkt einer langen Debatte in der Stadt, die einen Höhepunkt mit dem Vortrag von Ingenieur Bauer erlebt, bei der es richtig ins Detail geht. Wirklich schlauer sind alle trotz aufmerksamem Zuhören am Ende nicht. Bürgermeister Christoph Böck (SPD), der neben Bauer vorne am Pult sitzt und die einer Vorlesung ähnelnde Sitzung leitet, sagt, niemand wisse Bescheid. "Wenn es einfach wäre, dann hätte die Staatsregierung selbst die Antwort gegeben." Hat sie aber nicht. Dafür haben, wie Böck beklagt, die Kommunen den "Schwarzen Peter". So zerbrechen sich bayernweit fast überall Stadt- und Gemeinderäte den Kopf. Martin Reichart (Freie Bürgerschaft) sagt: "Viele Kommunen führen diese Diskussion einfach aufgrund fehlender Wirtschaftskraft nicht."

Unterschleißheim leistet sich dagegen zunächst mal die Expertise von Fachbüros und intensive Debatten. Bauer spricht über fest zu installierende Raumluftanlagen, die zentral gesteuert, für Gebäudeteile angepasst oder einzelne Räume denkbar sind. Es geht darum, wie effektiv Filtergeräte sind und wie laut und wie leise sie vielleicht bald sein werden. Bürgermeister Böck beklagt, dass der Staat die Kommunen über den Tisch ziehe, indem er Zuschüsse deckelt. Am Ende müsse man bis zu 85 Prozent der Kosten tragen.

Die Antworten sind wahlweise vage oder ernüchternd. Bürgermeister Böck argumentiert noch, dass in Schulen mehr als in Kitas die Ansteckung über die Raumluft erfolge, und rät dazu, für zwei Millionen Euro zunächst Schulen auszurüsten. Mehr Eindruck macht dann einer der Teilzeit-Studenten, der nach eineinhalb Stunden Debatte den Finger hebt. Thomas Nieroda (CSU), Stadtrat und stellvertretender Direktor am Carl-Orff-Gymnasium, sagt mit dem Nimbus des wissenden Praktikers: Tausende Tests hätten gezeigt, das sich die Schüler gar nicht in der Schule ansteckten. "Wir stellen Infektionen dann fest, wenn sich zwei Freunde zuhause treffen." Das Geld sollte für anderes ausgegeben werden. Das soll jetzt passieren.

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