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Coronavirus im Landkreis München:Bald am Anschlag

Die massiv steigende Zahl von Corona-Erkrankungen, besonders an Schulen, fordert Gesundheitsamt und Rathäuser. Deren Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun, Quarantäne und Kontakte zu überprüfen

Von Iris Hilberth und Bernhard Lohr, Unterhaching/Haar

Das Zuhause nicht verlassen, in der Familie Abstand halten, Türklinken desinfizieren und möglichst eine räumliche Trennung vornehmen. Mit dem Anruf von der Gemeinde oder einer E-Mail mit dem Betreff "Corona" kommen die Vorgaben. Man ist nun Kontaktperson 1 und muss in eine 14-tägige Quarantäne. Im Landkreis sind davon derzeit 1600 Personen betroffen. Und durch die Corona-Fälle an immer mehr Schulen und Kindertagesstätten kommen täglich Hunderte dazu. Seit dieser Woche sind neben dem Gesundheitsamt auch wieder die Kommunen befasst, Betroffene zu ermitteln, zu benachrichtigen, Tests vorzunehmen und die Quarantäne zu überwachen. Umfangreiche Aufgaben, welche die Rathäuser an die Belastungsgrenze bringen.

Grünwald hat bereits seine Testkapazitäten erhöht, dort sind derzeit drei Kitas, eine Grundschule und das Gymnasium betroffen. Auch Unterhaching plant den Umzug und damit die Erweiterung der Teststation vom Ortspark an die Biberger Straße. Dort soll eine beauftragte Firma das Testen übernehmen, da die Hausärzte das nicht mehr alleine schultern könnten, wie Rathaussprecher Simon Hötzl berichtet. So kommt es auch, dass die geplante Reihentestung für das seit Donnerstag betroffene Lise-Meitner-Gymnasium erst am Montag stattfinden kann. "Wir müssen heute noch die zweite Testung der Villa Farbenfroh abarbeiten", so Hötzl am Freitag. Die Kita ist derzeit geschlossen, 124 Kinder und das Personal mussten in Quarantäne, am Gymnasium sind vier Klassen betroffen, die Unterricht bei einer infizierten Lehrkraft hatten. Sie alle zu kontaktieren und Fragen zu beantworten, kostet Zeit und Nerven.

Der Andrang nimmt zu: die neue zentrale Teststation des Landkreises in Haar.

(Foto: Claus Schunk)

Relativ klar sind die Abläufe, wenn in Schule oder Kindergärten ein Fall gemeldet wird. Da werde natürlich "nicht viel verhandelt", sagt Gerhard Schmid, der Leiter des Gesundheitsamts. "Die richten sich nach uns." Komplizierter wird es bei der Frage, wie viele Schulklassen oder welche Kindergartengruppen in Quarantäne geschickt werden. Schmid setzt in der aktuellen Phase steigender Infektionszahlen auf Nummer sicher. "Lieber mal eine zusätzliche Gruppe schließen", sagt er. "Dass Kinder ganz stark darunter leiden, das wissen wir." Viele Eltern treffe die Situation jetzt härter als beim Lockdown im Frühjahr, sagt Schmid, weil Urlaubstage aufgebraucht seien. Doch die Ausbreitung des Coronavirus müsse gestoppt werden.

Doch nicht jeder sieht die Maßnahmen ein, wenn das eigene Kind etwa nur sporadisch Kontakt mit Infizierten hatte. Hötzl kennt das aus Unterhaching. Ute Dechent aus dem Haarer Rathaus, das Ausbrüche in der FOS und am Gymnasium bewältigen muss, bestätigt das: "In der Regel dauert ein Gespräch eine Viertelstunde." Diese Erfahrung gibt es auch in Unterhaching. Die meisten Beschwerden gebe es über die Wartezeit auf den Test sowie über unterschiedliche Angaben zur Dauer der Quarantäne. Während München nach einem zweiten negativen Test innerhalb von fünf bis sieben Tage die Quarantäne aufhebt, besteht das Landratsamt in jedem Fall auf die kompletten zwei Wochen.

30

neue Fälle

gibt es seit Donnerstag, davon allein elf in Haar und vier in Ottobrunn. Infektionen meldet das Gesundheitsamt auch aus Baierbrunn, Grasbrunn, Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Unterhaching, Brunnthal, Grünwald, Hohenbrunn, Ismaning, Neubiberg, Oberschleißheim, Pullach und Unterschleißheim. Betroffen sind alle Altersgruppen, außer Altenheimbewohnern.

"Wir verstehen, dass das für Eltern problematisch ist", sagt Unterhachings Rathaussprecher Hötzl. Für die derzeit fünf Mitarbeiter, die den Telefondienst übernommen haben, bedeute das mitunter "harte Gespräche". In Haar sind zwölf Angestellte mit der Aufgabe beschäftigt. "Man braucht dafür Fingerspitzengefühl", sagt Geschäftsleiter Helmut Schmidt.

Insbesondere mit Eltern von Gymnasiasten seien die Gespräche schwierig, bestätigt Mitarbeiterin Silvia Estermann. Diese befürchteten, dass ihre Kinder zu viel in der Schule versäumten. Am Freitag kam zudem ein neuer Fall herein: eine Geburtstagsfeier mit 20 Jugendlichen. Um alle Kontaktpersonen ausfindig zu machen, werde sie auch am Wochenende arbeiten. Zumal es mit einem Anruf nicht getan ist. Die Kommunen sind angehalten, jede Kontaktperson täglich nach ihrem Befinden zu fragen - um die Einhaltung der Quarantäne zu überprüfen und im Krankheitsfall weitere Kontakte zu ermitteln. In Einzelfällen, in denen die Rathäuser und das Gesundheitsamt Quarantäne-Fälle nicht telefonisch erreicht haben, sind schon Mitarbeiter zu Kontrolle geschickt worden, um an der Haustür zu klingeln.

Unterdessen hat sich die Zahl der Infizierten im Landkreis massiv erhöht. Von Donnerstag auf Freitag hat das Gesundheitsamt 30 weitere Personen registriert, die sich mit dem Virus angesteckt, damit sind aktuell 166 Personen im Landkreis infiziert. Allein elf neue Infektionen gibt es in Haar. Laut Landratsamt haben die neuen Ansteckungen aber keinen gemeinsamen Ursprung. Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt damit auf 21,5, liegt also weiter unter dem Warnwert von 35.

© SZ vom 26.09.2020

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