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Bahn-Vorhaben:Kaninchen vor dem Tunnel

Vor einem "Dauerlärmpegel" warnen Kritiker angesichts der Ausbaupläne für den Abschnitt Trudering-Haar.

(Foto: Claus Schunk)

Mit der Eröffnung des Brenner-Basistunnels wird der Güterverkehr in Haar in einigen Jahren massiv zunehmen. Die FDP beklagt mangelndes Problembewusstsein am Ort und will mit einem virtuellen Forum wachrütteln.

Von Bernhard Lohr, Haar

Wer in höchster Gefahr in Schockstarre verfällt, der ist verloren, wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. In solch einer Situation sieht der Haarer FDP-Chef Peter Siemsen die Gemeinde und viele Bürger angesichts der Pläne für einen Ausbau der Bahnstrecke vor ihrer Nase. Wenn in einigen Jahren der Brenner-Basistunnel eröffnet wird, sollen deutlich mehr Güterzüge auf die Trasse München-Rosenheim geschickt werden. Es droht mehr Bahnlärm, und womöglich fällt dem Ganzen ein dichterer S-Bahn-Takt zum Opfer, wenn Güterzüge Vorrang haben. Die FDP ruft zum Schulterschluss mit anderen Kommunen auf und zum Handeln.

Es ist nicht so, dass in Haar bisher nichts geschehen ist. Der Gemeinderat hat im Februar 2019 wie andere Gemeinden im benachbarten Landkreis Ebersberg und der dortige Kreistag eine Resolution verabschiedet, in der gefordert wird, den Ausbau zwischen Trudering und Grafing so zu behandeln, als handle es sich um einen Neubau, damit Rechtsanspruch auf Lärmschutzwände geltend gemacht werden kann. Doch sonst ist das Thema in Haar noch nicht ganz angekommen. Anders als in Zorneding, wo bereits seit 2017 eine mit Gemeinderäten und Vertretern aus dem Rathaus besetzte Arbeitsgruppe aktiv ist.

Peter Pernsteiner (FDP) steht dieser Gruppe vor und bezeichnet es als geradezu "lächerlich", was die Bahn bisher den Anrainern zugestanden habe. Modernere Waggons mit neuen Bremssystemen sollen den Lärm mindern, kündigt die Bahn selbst an. Pernsteiner weiß zudem von Schienenstegdämpfern, die zwei oder drei Dezibel brächten. Aber sonst ist ihm zufolge für Zorneding nach aktuellem Stand nichts zu erwarten. Pernsteiner wird an diesem Montag, 28. September, 19.30 Uhr, in einem virtuellen Forum der Haarer Parteifreunde Chancen ausloten, wie die Kommunen gemeinsam ihre Interessen besser einbringen können. Mit in der Runde sind der Münchner Kreisrat Manfred Riederle (FDP) sowie aus den Bezirksausschüssen im ebenfalls betroffenen Trudering und Berg am Laim Stephanie Bachhuber und Albrecht Dorsel-Kulpe. Pernsteiner warnt, die Züge würden künftig schneller fahren, in dichterer Abfolge und das bei Zügen mit 700 statt 550 Metern Länge. Von doppelt so viel Güterverkehr war schon mal die Rede.

Dass es bisher noch nicht so recht gelungen ist, in Haar eine gemeinsame Protesthaltung über Gemeindegrenzen hinweg zu entwickeln, hat auch damit zu tun, dass in Haar kein neues Gleis verlegt und vieles an den Bahnplänen noch unklar ist. Zudem verweist die Bahn immer wieder auf politische Entscheidungsträger in Berlin, die letztlich den Rahmen vorgäben. So war das zu erleben, als im Juli in Grafing das erste Dialogforum zum Abschnitt Trudering-Grafing stattfand, an dem auch Haars Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) und sein Stellvertreter Ulrich Leiner (Grüne) teilnahmen. Im Bereich Haar mit zwei S-Bahn- und zwei Fernverkehrsgleisen ist anders als weiter östlich ab Grafing kein Neubau etwa mit zusätzlichen Gleisen vorgesehen. Stattdessen soll die Zugabfolge zum Bahntunnel am Brenner, der 2028 eröffnet werden soll, mit Hilfe einer sogenannten Blockverdichtung erhöht werden. Statt mit analoger, konventioneller Signaltechnik werden die Züge dann digital gesteuert, was es erlaubt, die Abstände zwischen den Zügen zu verkürzen. Aktuell läuft laut Bahn die Grundlagenermittlung. Der Einstieg in die Vorplanung ist 2021 vorgesehen. Bei dem Treffen in Grafing sagte der DB-Projektleiter für den Abschnitt, Dieter Müller, die Bahn plane in dem Rahmen, den das Verkehrsministerium und der Bundestag im Bundesverkehrswegeplan vorgebe. Erst wenn Berlin entschieden habe, würden über Genehmigungsverfahren Fakten geschaffen.

Der Verweis auf andere birgt nach Überzeugung der FDP die Gefahr, untätig zu bleiben. Man dürfe die Bahn nicht aus der Pflicht entlassen und müsse politischen Druck aufbauen, sagt Pernsteiner. Er denkt dabei auch an die Landesebene. So habe man in Baden-Württemberg Mittel zur Verfügung gestellt, um in Zuge des Ausbaus der Rheintalstrecke Lärmschutz zu schaffen. Pernsteiner fordert, frühzeitig Lärmschutzbauten zu errichten, um nicht nachbessern zu müssen, wenn längst Züge in hoher Zahl Richtung Brenner verkehren. Schon jetzt sind ihm zufolge mehr Güterzüge auf den Gleisen. Er habe sehr dichte Zugabfolgen gezählt. Zwei, drei Güterzüge im Abstand von zweieinhalb Minuten - das gebe es bereits. Die Gefahr sei, dass dies auch nachts zum Standard werde. Ein belastender "Dauerlärmpegel" sei zu befürchten. Und es besteht laut dem Haarer FDP-Chef Peter Siemsen die Gefahr, dass die Blockverdichtung auf bestehenden Gleisen auf Kosten des S-Bahn-Verkehrs geht. DB-Projektleiter Dieter Müller bestätigte in Grafing, dass in den Untersuchungen der DB alle vier Gleise, also inklusive der S-Bahngleise, betrachtet würden, um zu klären, ob letztere gebraucht würden. Eine "Eingangsprämisse" sei, die S-Bahn nicht zu beeinträchtigen. Garantiert wird das von der Bahn bisher nicht.

Die Einwahl ins virtuelle FDP-Forum am Montag, 28. September, ist von 19.30 Uhr an möglich. Die Zugangs- und Einwahldaten sind auf der Webseite der FDP Haar veröffentlicht unter: https://www.fdphaar.de/event/offenes-forum-fuer-kommunalpolitik-7/

© SZ vom 28.09.2020/hilb
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