bedeckt München 17°
vgwortpixel

Baierbrunn:Die dritte Dimension der Alpen

Für den Isartalverein hat das Baierbrunner Unternehmen "3D Realitymaps" die Flusslandschaft digital aufbereitet. Doch Gründer Florian Siegert arbeitet eigentlich an einem viel größeren Projekt.

Um sich bei Spaziergängen an der Isar zu orientieren, muss man heutzutage keine großen Karten mehr auseinanderfalten: Das gesamte Isartal gibt es nun als App fürs Handy. "Isargeschichten" heißt die Anwendung, die man seit vergangenem Sommer kostenlos auf IOS- und Android-Smartphones laden kann. Nur einen Fingerdruck aufs Display, und schon öffnet sich ein 3D-animiertes Luftbild, das den Flussverlauf von München bis zum Isarursprung in den Alpen zeigt.

Entlang des Flusses finden die Nutzer mehr als 50 markierte Punkte und erfahren anhand von Videos, Bildern und kleinen Texten Wissenswertes zur Isar, ihren Sehenswürdigkeiten und ihrer Geschichte. Auch alteingesessene Isartaler können dabei noch etwas lernen: etwa dass die Großhesseloher Brücke einmal die zweithöchste Brücke der Welt war oder dass der Weltrekord im Bierverkauf seit dem Jahr 1900 von der Waldwirtschaft gehalten wird - an einem einzigen Pfingstsonntag sollen dort 135 Hektoliter ausgeschenkt worden sein.

Florian Siegerts Firma liefert Interessierten unter anderem Wissenswertes über das Isartal aufs Smartphone.

(Foto: Claus Schunk)

Verantwortlich für die App ist die Firma "3D Realitymaps". Dass das Unternehmen die Anwendung für den Isartalverein entwickelt hat, liegt nahe: nicht nur, weil die Firma in der Isarstraße im Baierbrunner Ortsteil Buchenhain ansässig ist, nur ein paar Schritte vom Hochufer entfernt. Dass die Baierbrunner den Auftrag erhielten, lag vor allem an ihrer Expertise: Die Entwickler sind Spezialisten für fotorealistische dreidimensionale Landkarten.

Gründer und Geschäftsführer Florian Siegert zeigt gerne, was die Isar-App kann. Sie soll die Nutzer vor allem einladen, das Isartal selbst zu erkunden, erklärt er. Orientierung bieten nicht nur zwölf Touren, die sie wählen können. Über ein Fadenkreuzsymbol kann man seine Position per GPS verorten und auf eigene Faust losgehen.

In den Bergen zeichnen sich einzelne Felsspalten ab

Das funktioniert auch offline, wenn man die gesamte Karte mit zirka 490 Megabyte vor dem Ausflug zu Hause herunterlädt. Die fotorealistische Karte zeigt die Berge und Orte am Fluss in plastischer Detailgenauigkeit, die beeindruckt: So erkennt man beispielsweise in Bad Tölz einzelne Häuser und sogar Bäume, in den Bergen der Alpen zeichnen sich die einzelnen Felsspalten ab.

Die hochauflösenden 3D-Karten sind die Spezialität der Baierbrunner Entwickler - und ihr Alleinstellungsmerkmal, wie Siegert erklärt. Neben der Isar-App hat das Unternehmen bereits drei andere Smartphone-Anwendungen auf den Markt gebracht: einen "3D Outdoor Guide" für die Alpen, für den man mehr als 30 Gebietskarten kaufen kann, außerdem die erste App, die den Mount Everest in 3D zeigt und einen dreidimensionalen interaktiven Pistenplan des größten italienischen Skigebiets Dolomiti Superski.

Mit der Anwendung kann man unter anderem per Touchscreen Skipässe kaufen oder eine persönliche Statistik seiner Routen, zurückgelegten Pisten- und Höhenmeter anlegen und online mit anderen Skifahrern konkurrieren. Kein anderer Entwickler biete 3D-Karten in dieser Qualität, sagt Siegert.

Um das zu beweisen, zeigt er im Konferenzraum auf einem großen Monitor eine Präsentation, die die von seiner Firma entwickelten Landschaftsdarstellungen mit Google Earth vergleicht. "Scherenschnittartig" wirkten die Satellitenbilder, mit denen das Programm der Suchmaschine die Welt wiedergibt, findet Siegert. Die Bilder von Google Maps hätten eine Messpunktdichte von maximal zehn Metern, erklärt er. "Wir haben alle 50 Zentimeter einen Messpunkt."

Das Verfahren, mit dem die Karten in Baierbrunn entstehen, gleicht zunächst der Art, wie topografische Landkarten erstellt werden: Von einem Flugzeug aus werden Luftbilder aufgenommen, die sich überlappen. Doch während bei herkömmlichen Karten zwei Bilder eines Punktes aus verschiedenen Winkeln ausreichen, um dessen Höhe zu ermitteln, nutzten die Computer der Baierbrunner Firma bis zu vier Bilder pro Punkt. Aus den so ermittelten "Höhennadeln" werde ein exaktes dreidimensionales Oberflächenmodell errechnet, das dann erneut über das Luftbild gelegt werde, erklärt Florian Siegert. "So entstehen fotorealistische Landschaften und Städte."

Der 56-Jährige ist eigentlich Professor für Biologie und kommt aus dem Umwelt-Monitoring, wie er erklärt. Siegert, der noch einen Lehrauftrag an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hat, brauchte für seine Forschungen über Entwaldung und andere Auswirkungen des Klimawandels hochauflösende Daten. So hat er mit seinem Team eine Software entwickelt, die von einem Rechenzentrum in München aus über eine Gigabit-Leitung 3D-Daten schnell und flüssig über das Internet visualisiert. Etwas sechs Jahre haben sie an der Software gearbeitet, die nun das Herzstück der Firma ist.

Als Siegert sah, wie gut man die Landschaften darstellen kann, lag die Idee für "Realitymaps" nahe: "Ich habe mich gefragt: Warum machst du nichts für den Tourismus?" Seitdem entwickelt sein Team interaktive 3D-Karten, die, so ist Siegert überzeugt, einen "Quantensprung in der Outdoor-Navigation" markieren. Topografische Karten müssten schließlich erst übersetzt werden, und selbst wenn man das könne, vermittelten sie kein Gefühl für die Eigenheiten der Landschaft.

Wanderer sollen auch im Nebel ein Gefühl für das Gelände haben

Auf einer fotorealistischen 3D-Karte aber könne ein Bergsteiger sofort sehen, welchen Charakter das Gelände hat, in dem er sich befindet - "auch bei dichtem Nebel". Dreidimensionale Luftbilder seien einfach "viel emotionaler" als herkömmliche Karten, sagt Siegert, der auch interaktive Komplettlösungen für Tourismusverbände anbietet.

Vor etwa fünf Jahren ist Siegert mit dem Unternehmen von München in seinen Wohnort Baierbrunn gezogen. Die Firma hat inzwischen zwölf Angestellte: Geografen, Informatiker, Geoinformatiker. Hinzu kommen vier freie Mitarbeiter, die als "Geodatenerfasser" damit beschäftigt sind, Daten einzupflegen. Ist das geschehen, rechnen im Keller der Firma 150 Computer an einer Karte.

Und das dauert. Das Erstellen der Isarkarte etwa hat gut drei Wochen in Anspruch genommen. Das Gebiet, das die Baierbrunner schon dreidimensional kartografiert haben, reicht vom Salzburger Land bis fast nach Chamonix. "Unser Ziel ist es, die gesamten Alpen in 3D darzustellen", sagt Siegert. Die Kühler der Rechner in Baierbrunn werden also noch lange brummen.

© SZ vom 10.03.2015/wkr

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite