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Solidarität mit jungem Flüchtling:Ali soll bleiben

Haar, Schwimmbad am Jagdfeldring, afghanischer Flüchtling wird Bademeister

Im Herbst endet die Ausbildung von Ali Ahrar im Haarer Schwimmbad. Bis dahin ist er sicher vor einer Abschiebung.

(Foto: Angelika Bardehle)

In Haar setzen sich Freunde und Helfer dafür ein, dass ein 21-Jähriger und seine Familie aus Afghanistan nicht abgeschoben werden. Der junge Mann macht eine Ausbildung zum Bademeister und ist bestens integriert.

Von Bernhard Lohr, Haar

Alles deutete darauf hin, dass es Ali Ahrar geschafft hat. Der 21-jährige Mann aus Afghanistan galt vielen als Paradebeispiel dafür, wie Flüchtlinge mit persönlichem Einsatz einen festen Platz in der hiesigen Gesellschaft finden. Er lernte in kurzer Zeit Deutsch, legte einen Abschluss an der Mittelschule in Haar ab und begann zur großen Freude der Bürgermeisterin in der Gemeinde eine Lehre zum Bäderfachangestellten. Die Kommune hatte lange Zeit vergeblich die Stelle zu besetzten versucht. Doch nun stellen die Behörden das in Frage. Ali Ahrar sieht sich und auch seine Familie von Abschiebung bedroht.

Für viele kommt das gerade bei dem 21-Jährigen völlig unerwartet. Freunde haben am Samstag eine offene Facebook-Gruppe ins Leben gerufen unter dem Namen "Wir wollen, dass Ali hierbleibt!!!", die bis Dienstagabend mehr als 500 Mitglieder zählte. Parallel erhielt eine über "Open Petition" ins Netz gestellte Online-Petition Zulauf. 370 Unterstützer fanden sich da innerhalb kurzer Zeit.

Tolga Öztürk lebt seit seiner Geburt in Haar und kennt Ali Ahrar. Der sei bestens integriert und habe jetzt "einfach Angst", abgeschoben zu werden. Das sei völlig "unverständlich". Und da könne er nicht einfach zusehen. Allerdings steht trotz der Ablehnung des Asylantrags offenbar keine Ad-hoc-Aktion im Raum. Bis zum Ende seiner Ausbildung im Herbst 2017 steht die Duldung des jungen Mannes nicht in Frage. Die gesamte fünfköpfige Familie habe Chancen auf eine Aufenthaltserlaubnis, sagt Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Die Behörden versetzten "mit großer Absicht" gerade Flüchtlingen aus Afghanistan "in Angst und Schrecken". Das habe System. Pro Asyl verweist auf Abschiebeziele der Bundesregierung, die an einem Abkommen mit Afghanistan arbeite. Aber es werde kaum abgeschoben. Dünnwald spricht von vier oder fünf Fällen in diesem Jahr in Bayern.

Dass gerade bei Ali Ahrar der Aufschrei groß ist, hat mit seiner Geschichte zu tun. Sie begann mit den Schrecken in Kabul und endete mit der Perspektive, ein Leben in Sicherheit in Deutschland führen zu können. Wie viele Flüchtlinge konnte der junge Afghane zunächst nicht schwimmen. Beinahe wäre er im Starnberger See ertrunken. Nun will er als gelernter Bademeister andere vor dem Ertrinken bewahren. Und die gesamte Familie scheint sich dem Leben hier geöffnet zu haben. Mittlerweile macht Ali Ahrars jüngerer Bruder mit ihm eine Lehre am Beckenrand.

Mutter und Vater haben nach Schilderungen von Flüchtlingshelfern Jobs gefunden. Der Jüngste, gerade zehn Jahre alt, sei ein "blitzgescheiter" und "begabter" Junge, sagt Traudl Vater, Haarer Gemeinderätin und in der Flüchtlingshilfe aktiv. An der Jagdfeld-Grundschule sei die Betroffenheit groß gewesen, als es geheißen habe, die Familie müsse das Land wohl verlassen.

Schulabschluss und Lehre könnten dem jungen Mann helfen

Mittlerweile lassen sich Eltern und Ali Ahrar anwaltlich vertreten. Sie haben Einspruch gegen die Ablehnung ihres Asylbescheids eingelegt. Das Rathaus hat sich als Arbeitgeber von Ali Ahrar positioniert und erklärt, dass dieser bis Herbst 2017 noch eine Lehre mache und deshalb nicht abkömmlich sei. Auch wurde ihm, wie es aus dem Rathaus heißt, eine spätere Festanstellung zugesagt. Bei solchen Voraussetzungen, sagt Stephan Dünnwald, habe die Familie beste Argumente. Die Eltern seien "derzeit gar nicht gefährdet", sagt er. Bei dem jungen Mann zählten die Dauer des Aufenthalts, Schulausbildungen und überhaupt die Integrationsleistung. Mit Ausbildung und Arbeitsstelle im Rücken erfülle er nach dem jüngst in Kraft getretenen neuen Integrationsgesetz die besten Voraussetzungen, um eine Aufenthaltserlaubnis erteilt zu bekommen.

Dabei deutete lange nichts darauf hin, dass gerade die Familie Ahrar einmal um ihren Status würde bangen müssen. Der Fluchtgrund schien offenkundig, die Bedrohung der Familie nicht minder. Der Vater hatte sich den Schilderungen zufolge einer Zusammenarbeit mit den Taliban verweigert, woraufhin der älteste der vier Söhne enthauptet worden sei. Die Familie habe sich daraufhin versteckt und schließlich die Flucht ergriffen. Die Behörden hätten diesen Bericht als nicht schlüssig genug und lückenhaft bemängelt, ist zu hören.

Würde Ali Ahrar abgeschoben, verlöre Haar im übrigen nicht nur einen Bademeister. Der Helferkreis Asyl müsste sich einen neuen Übersetzer suchen. Der 21-Jährige hilft in der Notunterkunft in der Traglufthalle mit. Er spricht sechs Sprachen - und Deutsch fast ganz ohne Akzent, wie Kerstin Onwuama vom Helferkreis sagt.

© SZ vom 10.08.2016
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