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35 Jahre Kreistagsfraktion der Grünen:Gestrickt wurde nie

Vor 35 Jahren zogen erstmals Grüne in den Kreistag ein. Die heutige Bürgermeisterin von Pullach, Susanna Tausendfreund, war damals schon dabei.

Zwei Busse stehen bereit. Einer hat die Nummer eins, in Schwarz. Den zweiten ziert eine Zwei, ganz in Rot. Da steht eine Grüne vor einer schweren Entscheidung: Wo soll sie einsteigen? "Ich glaube, ich bin damals bei den Schwarzen eingestiegen", sagt Susanna Tausendfreund und lacht. "So genau weiß ich das aber nicht mehr." Es ist ja auch schon eine Zeit lang her, genau genommen 35 Jahre.

Damals, im Jahr 1984, zogen erstmals vier Vertreter der noch sehr jungen Partei Die Grünen in den Kreistag des Landkreises München ein. Und Pullachs heutige Bürgermeisterin machte erstmals mit den Kollegen des Gremiums einen Ausflug. Mit zwei Bussen, in denen die Kreisräte der CSU und SPD noch getrennt voneinander saßen. "Das wäre heute undenkbar", sagt Tausendfreund. "Für die beiden Blöcke aber war das schon komisch, als wir plötzlich mit im Kreistag saßen."

Seitdem sind die Grünen im Landkreis zu einer Macht geworden. Von Mal zu Mal wurde auch die Kreistagsfraktion größer. Erst vier, dann sechs, dann acht, zehn - und heute sind sie elf von 70 Kreisräten. Susanna Tausendfreund war 20, als sie zum ersten Mal in das Gremium gewählt wurde. Seit 35 Jahren ist sie ununterbrochen dabei. Ein grüner Monolith.

Programmhefte aus einer anderen Zeit

Landtagswahl Bayern - Grüne

Allen Grund zum Jubeln: Fraktionschef Christoph Nadler (vorne) beim Stagediving von Spitzenkandidat Ludwig Hartmann auf der Grünen-Party am Abend der bayerischen Landtagswahl.

(Foto: Claus Schunk)

Über einen Stehtisch in ihrem Büro im Pullacher Rathaus gebeugt betrachtet die ehemalige Landtagsabgeordnete und heutige Bürgermeisterin Flyer, Zeitungsausschnitte und Programmhefte aus einer anderen Zeit. "Bei dem Flyer ist der Druck daneben gegangen", sagt sie und deutet auf ein Faltblatt mit der obligatorischen Sonnenblume darauf. "Das ist eher so Nato-Grün." Eine andere, kleine Zeitung ist mit "Bavaria Grün" überschrieben, es ist eine Sonderausgabe aus dem Jahr 1988, die sich einem ur-grünen Thema widmet: der Müllverbrennung in Unterföhring.

"Symbol einer verfehlten Müllpolitik" steht über einem Foto des Heizkraftwerks. "Die Themen, die wir auch als Fraktion bearbeiten, haben sich im Landkreis bis heute eigentlich nicht verändert", sagt Tausendfreund. "Günstiger Wohnraum, der Verkehr, die Umwelt- und Klimapolitik, Bildung." All das sei schon 1984 Gegenstand der Debatten im Kreistag gewesen.

Erster Fraktionschef des ersten Quartetts war Simon Rohde aus Oberschleißheim. Zudem gehörten noch Rolf Gajewski aus Ottobrunn, der 1990 auch für den Posten des Landrats kandidiert hatte, und Gerd Zattler aus Schäftlarn dem Gremium an. "Das war damals schon eine sensationelle Aufbruchstimmung, die wir verspürten", erinnert sich Tausendfreund. "Es war die Zeit der Friedensbewegung, der Antiatombewegung, der ganzen Umweltbewegung, die ihren Anfang genommen hat."

Susanna Tausendfreund und Gerd Zattler gehörten zu den ersten Grünen-Kreisräten.

(Foto: Claus Schunk)

"Sachpolitik von Anfang an"

Als die Grünen am 18. März 1984 erstmals in den Kreistag gewählt wurden, saßen bereits seit ziemlich genau einem Jahr Abgeordnete der Ökopartei im Deutschen Bundestag. Angeführt unter anderem von Petra Kelly und Otto Schily, der später zur SPD überlief und den Bundestagswahlkreis München-Land für die Sozialdemokraten lange Zeit im Parlament vertrat. Eine sehr bunte Fraktion, erinnert sich Susanna Tausendfreund, "in der auch schon mal gestrickt worden ist, und alte Konventionen infrage gestellt worden sind". Im Kreistag habe aber keiner der vier Grünen die Stricknadeln dabei gehabt. "Es wurde von Anfang an Sachpolitik gemacht. Wir haben uns schnell organisiert, mit anderen Grünen vernetzt, unsere Anträge eingebracht." So sei das heute noch.

So stark wie momentan waren die Grünen allerdings noch nie - strukturell und personell. Der Kreisverband hat weit mehr als 700 Mitglieder, mittlerweile ist die Partei in allen 29 Städten und Gemeinden im Landkreis präsent, in dem Sauerlacher Toni Hofreiter stellen die Landkreis-Grünen den Fraktionsvorsitzenden im Bundestag und seit vergangenem Herbst gehören die Unterhachingerin Claudia Köhler und Markus Büchler aus Oberschleißheim dem Bayerischen Landtag an. Mehr geht kaum.

Oder doch? Im kommenden Frühjahr stehen die Kommunalwahlen in Bayern an. Es wird unter anderem ein neuer Landrat gewählt und auch die 70 Kreistagsmandate werden neu vergeben. Um das repräsentative Büro am Mariahilfplatz bewirbt sich erneut der Taufkirchner Christoph Nadler, der als Fraktionssprecher das Gesicht seiner Partei im Kreistag ist. Er hat auch das Ziel ausgegeben, hinter der CSU klar zweitstärkste Kraft im Gremium zu werden. So nah waren die Grünen diesem Ziel noch nie. Die beiden neuen Landtagsabgeordneten Köhler und Büchler kamen bei ihrer Wahl jeweils auf mehr als 20 Prozent der Erst- und Zweitstimmen - ein Ergebnis, von dem die SPD momentan nur träumen kann.

"Sieht man sich die Ergebnisse an, kann man schon sagen: Wir sind auf dem Weg zur Volkspartei", sagt Susanna Tausendfreund. Dahinter stecke aber auch harte Arbeit - und auch eine Strategie. Wer in den alten Unterlagen Tausendfreunds blättert, erkennt schnell, dass die Grünen schon ein Gespür für den Zeitgeist hatten. Auch innerhalb der Kreistagsfraktion. Waren es früher Konzepte zur Müllvermeidung und für besseres Trinkwasser, sind es heute die Blühwiesen, Bienen, schnellerer und qualitativ hochwertiger öffentlicher Nahverkehr. "Und wir sind uns auch immer treu geblieben", sagt Tausendfreund.

Sie könnte im nächsten Jahr in ihre siebte Amtszeit als Kreisrätin gehen. Das wäre eine Geschichte für die Geschichtsbücher. Und natürlich will sie sich auch wieder zur Bürgermeisterin wählen lassen. Ein Amt, das sie als erste Grüne im Landkreis bekleidet. Das allerdings erst seit fünf Jahren.

Ihren Festakt zu 35 Jahre Kreistagsfraktion begehen die Grünen an diesem Freitag im Landratsamt. Das Grußwort, so ist es der Einladung zu entnehmen, wird ein CSU-Politiker halten: Landrat Christoph Göbel. Vor 35 Jahren noch undenkbar.