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Kurzkritik:Magie im Hinterhof

Im Parcours des Tams geht es um die Liebe zum Theater

Als eines der kleinsten Theater Münchens trafen die Coronabeschränkungen das Tams besonders hart. Wie soll das schon gehen, Theater mit Abstand, wenn ohnehin nur vier Reihen für insgesamt 70 Zuschauer da sind? Theaterleiter Lorenz Seib und Anette Spola aber jammerte nicht lang, sondern dachten sich einen kleinen Theaterparcours aus, den man jetzt im Tams gehen kann. "Der Fluch der Souffleuse" nennt sich das, alle paar Minuten darf je ein Besucher in den Parcours.

Das Ganze dauert zwar nur knapp 30 Minuten, aber den Künstlern ist ein liebenswerter, fast märchenhafter Theaterrundgang gelungen, der den Charme des Hinterhoftheaters in Schwabing noch betont. Man startet an der Straße, bekommt ein sprechendes Kästchen in die Hand gedrückt, aus dem eine Simme Anweisungen gibt, wohin es als nächstes geht. Es geht in kleine Kämmerchen voller Radios und Plattenspieler in den Innenhof, wo man ein paar Schauspielern beim Fenster-Schwatz zuschauen kann, es geht hinein in den Zuschauerraum, wo noch traurige drei Stühle übrig sind. Von der Bühne spricht eine Optimistin, man selbst, scheint es, ist in der Szene der Pessimist, denn hinter einem kommt eine Stimme hervor, die von der Qual des Lebens spricht und davon, dass es besser wäre, nicht geboren zu sein.

In Textauszügen von Karl Valentin, Wolfram Lotz, Felicia Zeller und anderen Autoren denken die Künstler über die Notwendigkeit des Theaters nach. Was, wenn es einen Theaterzwang gäbe? Heißt es an einer Stelle. So wie Schulpflicht, nur für Theater. Was, wenn es in jeder Stadt genug Theaterplätze für alle gäbe? Die entstehenden Leerstellen gilt es bei dem Parcours auszuhalten - wie eine angekündigte, aber abgesagte Vorstellung. Auch eine Souffleuse taucht wider Erwarten nie auf, auch das Pferd nicht, das einen abholen soll. Was, wenn es gar kein Theater gäbe? Nahe dran war die Gesellschaft ja in den vergangenen Monaten. Im verspielten Tanz um diese Fragen aber ist die Antwort des Tams sowieso klar: Schlimm wäre das, wenn es kein Theater gäbe.

© SZ vom 22.06.2020

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