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Kurzkritik:Kapitalismus mit Kulleraugen

Falckenberg-Schauspielschülerinnen und -schüler stellen sich vor

Von Yvonne Poppek

Irgendwann steht dieses riesige Kaninchen auf dem Laufsteg, silberfarbener Einteiler, großer, blauer Plüschkopf mit lustigen Wackelohren und Kulleraugen. Prompt setzt die Interpretation ein. Ist es Symbol oder Metapher? Nein, ein Symbol - und zwar für den Kapitalismus. Ist jetzt der Kapitalismus im Theater? Nein, es ist ja nur ein Symbol! Aha. Ein schöne Klugscheißer-Debatte ist das, die sich so in etwa auf der Bühne entzündet. Eine herrliche Parodie auf Bildungsbürger, die nachplappern, was sie vielleicht einmal gelernt haben. Dramatiker Wolfram Lotz hat das in seinem Stück "Der große Marsch" auf die Theatergänger gemünzt. Und Anne Habermehl hat dies nun bei ihrer Inszenierung mit den Falckenberg-Schauspielschülern des dritten Jahrgangs wunderbar weitergetrieben.

Es ist ein sehr lustiger Abend, der da im Werkraum zu sehen ist. Eingestreut sind zudem der ein oder andere politische oder sozialkritische Bezug, nur um Spaß soll es nicht gehen. Und auch nicht ums reine Schaulaufen des dritten Jahrgangs, obwohl natürlich jeder im Ensemble einmal sein Sternstündchen hat, sich mit einem Monolog präsentieren darf vor dem so lange ausgebliebenen Publikum. Habermehl hat dafür beherzt in die Vorlage eingegriffen, hat umgestellt, gestrichen, dazu gefügt. Bühnenanweisungen lässt sie gerne sprechen, um dann etwas ganz anderes passieren zu lassen. Die Episoden aus Lotz' Satire aufs politische Theater versucht sie nicht mit einer Klammer zusammenzuhalten. Das ist mutig, und es funktioniert prächtig.

Das liegt viel an der Spiellust der Darsteller. Souverän kokettieren sie mit dem Publikum, etwa Rasmus Friedrich in seiner Hitler-Parodie. Oder Marie Dziomber, die die stolz-schüchterne Autoren-Mutti gibt. Ein Fünkchen Liebe wissen Jorid Lukaczik und Nathalie Schörken auch aus drei Metern Entfernung zum Glühen zu bringen. Letztlich ist der komplette Jahrgang gut unterwegs. Wenn sie den Spaß in diesem kargen Corona-Jahr noch mal zeigen könnten, wäre dies schön.

© SZ vom 10.06.2021
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