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Kurzkritik:Entkernt

"Es waren ihrer sechs" als Residenztheater-Video-Premiere

Von Yvonne Poppek

"Meine Aufgabe ist nicht Forschung, sondern Dichtung", schrieb Alfred Neumann. 1944 war sein Roman "Es waren ihrer sechs" erschienen, entstanden im kalifornischen Exil. Als "Material" diente ihm ein Bericht aus dem Time Magazine über die Geschwister Scholl und Christoph Probst. Geschichtsfälschung wurde ihm bald vorgeworfen. Neumann hingegen verteidigte das Buch als Fiktion, das die "ewige Idee" vom jugendlichen Widerstand gegen totalitäre Herrschaftssysteme behandle.

Wie bringt man so einen Roman auf die Bühne? Oder, doppelt schwer, über eine Inszenierung am Theater ins Netz? Der polnische Regisseur Michał Borczuch hat dafür am Residenztheater eine passende Lösung gefunden: Distanz und Entkernung. Und er hat sich klar entschieden, sich auf das andere Medium einzulassen, sich von der geplanten Uraufführung im Marstall zu verabschieden. Gedreht wurde "Es waren ihrer sechs" nun überwiegend im Probenraum (Video und Schnitt Wojciech Sobolewski). Nur gelegentlich gibt es Außenszenen, kurze Ausflüge zum Odeonsplatz oder in den Hofgarten. Gespielt wird in einem Provisorium, hier ein paar Stühle, dort ein Türrahmen, da eine Autotür.

Hier schlüpfen die Schauspieler in ihre Figuren, probieren eine Haltung aus, revidieren sie, diskutieren. Als Grundgerüst dient das Schicksal der Familie Möller (bei Neumann nicht Scholz): Sophia ist grundsätzlich gegen das Regime. Hans hingegen ist zunächst glühender Hitlerjunge, bevor er im Krieg eine Kehrtwende einschlägt. Der Vater kommt traumatisiert aus dem KZ. Borczuch arbeitet klug mit Versatzstücken: Es braucht nur wenige Hinweise, um die Widerstandskämpfer zu umreißen. Und nur wenig ist notwendig - ein Aus-der-Rolle-fallen, ein Requisit -, um das Bekenntnis zum Theater aufrecht zu halten und doch die Mittel des Films zu nutzen. Gemeinsam mit den improvisationsstarken Schauspielern Valentino Dalle Mura, Christian Erdt, Pauline Fusban, Vincent Glander, Niklas Mitteregger und Luana Velis durchpflügt er also die "ewige Idee", forscht mit ihnen - und dichtet.

© SZ vom 20.02.2021
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