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Kurzkritik:Einfach weggewischt

"Sind wir noch zu retten?": Ein Stück über die digital verstörte Gesellschaft

Der größte Popstar des neuen Jahrzehnts, Billie Eilish, hat diese Woche verkündet, keine Kommentare mehr im Internet zu lesen. Sie sagte: "Das Internet ruiniert mein Leben". Dass diese Meldung über viele Kanäle gespielt wurde, belegt, wie ungewöhnlich es ist, dass eine 18-Jährige sich freiwillig vom Internet abwendet, zumindest aus der Kommentarspalte. Zu eng verwoben ist das Selbstbild mit dem Netz, zu abhängig sind vor allem die 15- bis 40-Jährigen vom digitalen Zuspruch. Diese Beobachtung lag wohl dem Stück "Sind wir noch zu retten? - Keine Fragen, nur Antworten!" zu Grunde, das eine Gruppe Schauspieler mit der Regisseurin Klaudia Schmidt für Das Vinzenz, früher die Blaue Maus, erdacht und inszeniert hat.

In dem winzigen Kellergeschoss des Theaters präsentiert das Ensemble ein Potpourri digitaler Absonderlichkeiten, die ziemlich jeder kennen dürfte. Es geht zum Beispiel um die Erleichterung, über Whatsapp schnell eine Verabredung absagen zu können. Darum, dass es entspannter ist, auf der Couch Tinder zu durchsuchen, statt in der Bar echte Menschen ansprechen zu müssen. In einer Szene herzen die Schauspieler Tastaturen, als wären es kleine Kätzchen. Wer mal sein Smartphone kaputt gemacht oder gar verloren hat, weiß, dass die dargestellte Zuneigung eher noch untertrieben ist.

Die Schauspieler stellen eine ganze Reihe an Figuren in so etwas wie ehrlichen Kontaktanzeigen vor: Alle sind unzufrieden mit sich, übergewichtig, antriebslos, oft mit Vorliebe für sinnlose Handyspiele. Liebeshungrig sowieso. Sie zeichnen das Bild einer komplett verunsicherten Gesellschaft, die große Sehnsucht nach Nähe hat, sich gleichzeitig aber vor ihr fürchtet. Alle digitalen Zerstreuungen gelten da als Puffer, als Schutz vor der realen Begegnung.

Diesen guten und vermutlich sehr richtigen Gedanken führt das Ensemble allerdings nicht konsequent genug weiter und bleibt bei einer Bestandsaufnahme, einer netten Anekdotensammlung, mehr nicht. Zudem mischt die Regie andere zeitgeistige Probleme in den Text, die die These verwaschen, etwa einen Streit über klimaschonendes Leben in Zeiten der Yoga-Retreats in Thailand. Das Thema Digitalisierung und Einsamkeit gibt Stoff für sehr viele Theaterabende her, wenn man sich traut, mal weiter zu denken, was das wirklich mit der Gesellschaft macht. Ein Popsong über die Sehnsucht, das Internet einfach auszuschalten, ist an dem Abend aber der einzige zaghafte Versuch, so etwas wie eine radikale Vision zu formulieren. Billie Eilish ist da schon weiter.

© SZ vom 21.02.2020
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