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Kunstinstallationen im öffentlichen Raum:München entschuldigt sich

Gerhard Häusler wird täglich um 12 Uhr im Auftrag von Elmgreen & Dragset am Odeonsplatz "Es ist nie zu spät, sich zu entschuldigen" ausrufen.

(Foto: Robert Haas)

Auf dem Wittelsbacherplatz werden Luxussanierungen angeprangert, am Odeonsplatz ruft jeden Tag ein einsamer Mahner: "Es ist nie zu spät, sich zu entschuldigen!" Mit zwei Kunstinstallationen will München den öffentlichen Raum lebendiger gestalten - und die sind ziemlich ungewöhnlich.

München ist Party, auch in der Kunst! Oder etwa doch nicht? Schlag Zwölfe ist's an diesem etwas neblig-kühlen Märztag, da kommt ein Mann in einem grauen, altmodischen Blouson auf den Odeonsplatz. Er trägt einen gepflegten, kurz gestutzten Bart, der ebenso weiß-silbrig glänzt wie das kurze Haar, das unter der Schiebermütze hervorlugt. Bedächtig geht er, nein, schreitet er förmlich zu der Vitrine an der Ecke des Platzes, öffnet die beiden Schlösser, nimmt die metallisch-glänzende Flüstertüte heraus, setzt sie an die Lippen und ruft: "Es ist . . ." - die ersten Silben klingen ein wenig kratzig, doch dann sagt er mit fester, bierernster Stimme - " . . . nie zu spät, sich zu entschuldigen!"

Ebenso sorgsam, wie er die Flüstertüte aus der Vitrine entnommen hat, stellt er sie zurück, versperrt den gläsernen Kasten und entfernt sich erhabenen Schrittes in Richtung Hofgarten.

Zaghafter Applaus aus der Runde. Das Publikum besteht vorwiegend aus Leuten vom Kulturreferat, der Presse und Künstlern, die an dem Kunstprojekt "A Space Called Public - Hoffentlich Öffentlich" teilnehmen, allen voran das skandinavische Duo Elmgreen & Dragset, die für das halbjährige und mit 1,2 Millionen Euro vom Kulturreferat finanzierten Projekt im Öffentlichen Raum verantwortlich zeichnen. Nun hat das Projekt am Odeonsplatz Premiere.

Der "Ausrufer" - er heißt Gerhard Häusler, ist 58 Jahre alt, Erzieher, arbeitet im Referat für Bildung und Sport der Stadt - wird bis Ende September täglich und bei jedem Wetter um 12 Uhr den Satz "Es ist nie zu spät, sich zu entschuldigen" ausrufen. Ernst. Würdevoll. Kein Spaß-Event sollte es sein, sagen Elmgreen & Dragset. Auch darum habe man sich für einen älteren, seriös wirkenden Herrn entschieden.

Nur wenige Passanten nehmen die Performance wahr, und die wenigen wissen auch erstmal nicht sehr viel damit anzufangen. Wer soll sich entschuldigen? Und wofür? Wenn es nach den Künstlern geht, sind genau das die Fragen, denen sich das Publikum stellen soll. Sie sind der Meinung, der Satz berühre "in seiner privaten Dimension die Vorbeigehenden, die damit persönlich angesprochen werden. Darüber hinaus kann er auch den Zeitgeist widerspiegeln oder die kollektive Vergangenheit heraufbeschwören."

Doch ob der Satz Letzteres tun wird, das zieht beispielsweise der Vorsitzende des Altstadt-Bezirksausschusses, Wolfgang Püschel, und mit ihm der gesamte Ausschuss in Frage. Insgesamt finde er die Kunstaktion "A Space Called Public" ja gut, aber der Satz "Es ist nie zu spät, sich zu entschuldigen" komme an diesem Ort einer "Verharmlosung" des Platzes in seiner historischen Dimension für den Nationalsozialismus gleich. Und Püschel vermisst auch eine wie auch immer geartete Erläuterung. Zudem könne sich ebenso die Kirche nebenan wegen der Missbrauchsfälle angesprochen fühlen wie auch das monarchistische System der Wittelsbacher wegen der Residenz, bei deren Erbauung viele Menschen starben.

Auch wenn es schwierig ist, dem Vorwurf der Verharmlosung des Nationalsozialismus zu begegnen: Bestätigt Püschel mit seiner Kritik nicht geradezu die Konzeption von Elmgreen & Dragset? Die Vieldeutigkeit des Ziels in Zusammenhang mit der Eindeutigkeit der Aufforderung ist jedenfalls Teil ihrer Überlegungen. Ein "zu dünner Kunstbegriff" sei das, sagt Püschel. Er hätte sich da mehr gewünscht.

Ein Micro-Appartement auf dem Sockel

Viel gewünscht und erhofft hat man sich auch von einem weiteren Projekt der Kunstaktion: dem "4th Plinth Munich" am Wittelsbacherplatz. Er zitiert den leeren Sockel am Londoner Trafalgar Square, der Ende Januar präsentiert wurde. Die Kuratoren Stephen Hall und Li Li Ren hatten acht Künstler eingeladen, ihn zu bespielen. Von den eingereichten Arbeiten überzeugte Alexander Laners Entwurf "Schöner Wohnen" - wegen seiner Vielseitigkeit, wie Jurymitglied und Galerist Rüdiger Schöttle sagt.

Laners Konzept: Wohnungsnot, Luxussanierung und die Privatisierung öffentlichen Raumes auf die Spitze treiben. Der Münchner Künstler will den Sockel mit seinen vier Quadratmetern Grundfläche zu einem Micro-Appartement umbauen - mit Schlafzimmer, Wohnzimmer und Dachterrasse. Das Objekt, etwas größer als ein VW-Camping-Bus und mit chemischer Toilette ausgestattet, wird er in Makler-Rhetorik als "luxussaniertes Baudenkmal in Top-Lage mit Dachterrasse" auf dem Immobilien-Markt bewerben.

Mieten kann man das bewohnbare Kunstprojekt nach seiner Fertigstellung vom 6. Juni an für ein paar Euro und nur für wenige Tage. Der Run wird sicher groß sein. Denn wer hätte keine Lust auf der Dachterrasse des "4th Plinth Munich" auf Augenhöhe mit Kurfürst Maximilian Schampus zu trinken? München ist eben doch Party!