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Kunst zum Selbermachen:Das Buch zur Krise

Anna McCarty Künstlerbuch

Anna McCarthy hat selber auch Künstlerbücher gestaltet, wie "Detroit: European Secret Salon, 2017".

(Foto: Anna McCarthy)

Die Färberei und das Köşk laden zur Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage ein

Infolge der aktuellen Verbannung des Kunst-Geschehens ins Internet - und somit in einen sensorisch weitgehend luftleeren Raum - erleben alternative DIY-Kunstformen gerade eine Renaissance. Mit dem Online-Workshop "Karantäne Künstlerbuch" ruft Ö - Das Kunstlabor der Färberei, dem Kulturzentrum des Kreisjugendrings München-Stadt, zu einer Neuentdeckung des Künstlerbuches auf. Vom Geiste des Dadaismus beflügelt, fingen Künstler schon Anfang der 1920er-Jahre an, aus Fotografien, Skizzen, Notizen und Zeitungsschnipseln ihre Künstlerbücher zusammenzustellen. Die Möglichkeiten? Unbegrenzt. Mit "Jazz", einer Sammlung aus Scherenschnitten, fing Henri Matisse 1947 den Geist ebenjener Ära ein. Ed Ruscha zeichnete 1963 in "Twentysix Gasoline Stations" anhand von Tankstellen-Fotografien seinen Lebensweg nach.

Dass das Ö gerade im Künstlerbuch das Medium dieser Krise sieht, verwundert nicht. Nicht nur weil die Niederschwelligkeit dieser Kunstform selbst Unerfahrene zu Kunstschaffenden erhebt. Sondern auch weil die Künstlerbücher als Sammlung alltäglicher Versatzstücke seit jeher eine spannende Verbindung von subjektiver Weltsicht und Chronik des Zeitgeistes waren. So soll auch mit den Karantäne Künstlerbüchern "die Zeit der Quarantäne dokumentiert und gleichzeitig reflektiert werden", wie die Färberei betont.

Die Idee zu diesem Projekt stammt von der Künstlerin, Musikerin und Theaterma-cherin Anna McCarthy. Gemeinsam mit der Künstlerin Paulina Nolte, mit der sie auch die Performance- und Multimedia-werkstatt der Färberei betreut, erklärt sie in kurzen Videos Schritt für Schritt den Weg zum eigenen Künstlerbuch. Erklärt, was das eigentlich ist - ein kreatives multisensorisches Impressions-Tagebuch nämlich. Und wie man sein eigenes Buch bindet - mit alten Zeitungsseiten und Leim. In der dritten Folge verhelfen McCarthy und Nolte gleich einer weiteren, fast in Vergessenheit geratenen Kunstform zu neuem Ruhm: der "Mail-Art", zu Deutsch "Post-Kunst". Begründer dieser sich im Umherschicken per Post konstituierenden Kunst ist Ray Johnson. Mit seiner 1962 gegründeten "New York Correspondance School" initiierte er einen künstlerischen Briefwechsel im Umfeld von Neo Dada, Pop Art und Fluxus. Diese Kunstform gerade jetzt wiederauferstehen zu lassen, scheint nur sinnig. Erlaubt sie doch einen materiellen künstlerischen Gedankenaustausch ohne Begegnung. Wer noch keinen Partner hat, kann seine Post-Kunst auch ans Köşk, das Projekt der Färberei im Westend, schicken. Und von dort eine Antwort mit Material erhalten, das wiederum für das eigene Künstlerbuch genutzt werden kann.

Auch eine Brücke in die Zukunft sollen die Karantäne Künstlerbücher sein: Nach Corona sollen sie in der Färberei und im Köşk ausgestellt werden. Die Ideen darin sollen ferner als Ansatz für neue Projekte genutzt werden, wie etwa Theaterstücke. Denn die Magie der Kunst wohnt, allen kontaktlosen Möglichkeiten zum Trotz, immer auch im gemeinsamen, öffentlichen Erleben.

Neue Videos erscheinen i. d. R. freitags und sind unter diefaerberei.de, koesk-muenchen.de, facebook.com/koeskmuenchen und instagram.com/faerberei_koesk abrufbar. Mail-Art an: Köşk z. Hd. Änna Banäna, Schrenkstraße 8, 80339 München

© SZ vom 30.04.2020

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