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Kulturpädagogik:Tanz auf Distanz

Aus jedem Schüler einen Star zu machen – das gelingt Tanzpädagoge Alan Brooks auch mit Abstand.

(Foto: Catherina Hess)

Alan Brooks ist im Auftrag des Bayerischen Kultusministeriums an Schulen unterwegs - trotz Corona am liebsten dort, wo es schwierig ist

Von Barbara Hordych

Schon im Juni trafen bei Alan Brooks Anrufe und E-Mails von Rektoren aus ganz Bayern ein: Ob sie die Termine für die Projektwochen im neuen Schuljahr ausmachen könnten? "Ich dachte mir: toll! Aber ihr habt doch andere Probleme, oder?" Offensichtlich nicht. Stattdessen bekam er zu hören: "Wir haben dich schon immer dringend gebraucht, aber niemals so sehr wie gerade jetzt!"

Um diesen Satz zu verstehen, muss man die Arbeit des in London ausgebildeten Tänzers, der seit elf Jahren als Tanzpädagoge für das Bayerische Kultusministerium unterwegs ist, kennen. Seine Projektwochen finden zwar an Schulen statt, haben aber mit dem Regelunterricht nichts zu tun. "Noten in der Englischarbeit oder im Mathetest interessieren mich nicht", sagt Brooks. Seine Tanzprojekte setzen auf "nonverbale Kommunikation", sie geben Jugendlichen die Möglichkeit, sich im geschützten Raum auszudrücken, auf körperlicher, nicht auf intellektueller Ebene. "Ladies" und "Gentlemen" nennt er seine Schüler, ob sie nun neun, 14 oder 26 Jahre alt sind - denn er unterrichtet auch Lehramtsstudenten an der Universität Eichstätt in "Tanz als Projektarbeit". "Niemals" würde er "Jungs" oder "Mädchen" sagen. Das habe etwas mit Respekt zu tun, Respekt, den er auch für sich verlangt. Mitunter in voller Lautstärke, wenn er in der Turnhalle Ruhe und Konzentration einfordert. Und zwar immer "sockenlos", es sei wichtig, mit nackten Füßen auf dem Boden zu stehen, "gut geerdet", wie er sagt.

Jetzt aber, in Coronazeiten, steht er mit Sportschuhen in der Turnhalle der Mittelschule Olching. Vor sich eine Gruppe von 20 Kindern, oder genauer zwei Gruppen von Kindern: Denn die "Deutschklasse", bestehend aus zehn Kindern aus neun Nationen, die vor einem Jahr nur wenig Deutsch sprechend an die Schule kamen, hat sich mit deutlichem Abstand von den Schülern einer sechsten Regelklasse positioniert. "Normalerweise wären die Kinder schon gut durchmischt", erklärt Brooks, während er die Schüler mit ihren Masken vor dem Gesicht mustert. Aber was ist jetzt, in Pandemiezeiten, schon normal?

"Es ist einerseits toll, wie gewissenhaft die Kinder die Abstandsregeln befolgen, selbst draußen auf dem Pausenhof", erklärt die Konrektorin Alice Nüßl, als sie auf der Tribüne der Turnhalle Platz nimmt. "Andererseits schneidet es einem ins Herz, wenn man sieht, wie sie in ihrem spontanen Bewegungsdrang und der Kontaktaufnahme beschränkt sind." Umso höher rechnet sie es Brooks an, dass er die Herausforderung unter erschwerten Bedingungen annimmt. Denn das Arbeiten im Duo, zu dritt oder viert ist nicht möglich, die Erfahrungen mit Druck und Gegendruck, mit Heben und Gehoben werden, fallen weg. "Trotzdem schafft er es: make a star out of everyone - aus jedem macht er einen Star, das merken wir Lehrer schon nach zwei Tagen", sagt Nüßl.

Tanzpädagoge Alan Brooks

"Stellt euch ein Ziel vor, das ihr habt, holt euch euren Traum! Ich will eure Träume nicht kennen, aber ihr müsst sie vor Augen haben!"

In der Turnhalle richtet Brooks derweil seine Kommandos an die "Ladies" und "Gentlemen", die heute, am dritten Tag des Tanzprojekts, vereinzelt über Muskelkater und Müdigkeit klagen. "Wenn du heute müde bist, interessiert mich das nicht. Als ich Profi-Tänzer war, konnte ich mir auch nicht auf mein T-Shirt schreiben: gestern war ich voller Energie, aber heute tut mir mein linkes Bein weh", erklärt er den jungen Tänzern. "Ich musste trotzdem so dastehen!" So dastehen: Brooks drückt das Kreuz durch, greift mit der einen Hand weit nach oben in die Luft, zieht sie mit Kraft nach unten, als ob er sich energisch etwas aus einem Baum geklaubt hätte. "Stellt euch ein Ziel vor, das ihr habt, holt euch euren Traum!", feuert er die Jungen und Mädchen vor sich an. Und zwar nicht mit einer zaghaften "Bitte, Bitte" - oder einer müden "Wär ja ganz nett das zu haben"-Geste, setzt er hinzu, sondern mit einem energischen Ruck. "Ich will eure Träume nicht kennen, aber ihr müsst sie vor Augen haben", ruft er den Elf- und Zwölfjährigen zu. Wie man dabei aussieht? "T-Shirt - nicht wichtig; Haare - nicht wichtig; DU bist wichtig!" skandiert er laut in den Raum. Die Bedenken, dass Tanzen vielleicht nicht cool sein könnte, haben insbesondere die Jungs zu diesem Zeitpunkt schon längst vergessen. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass der "alte Mann", als der sich der 41-Jährige Brooks gerne selbst bezeichnet, kurz zuvor bei einem Rückwärts-Rennen zum Warm-up auf allen Vieren so ein Tempo vorlegte, dass er als Schnellster durch die Reihen stob und als Erster das Hallenende erreichte. Geht doch noch.

Jetzt drehen sich alle mit ausgebreiteten Armen wie große Paradiesvögel um die eigene Achse, die Schmalsten und Kleinsten ebenso eifrig wie die leicht Übergewichtigen. Um schließlich mit weit nach oben ausgebreiteten Armen und zur Decke gerecktem Brustkorb Brooks' Aufforderung körperlich Ausdruck zu verleihen: "Vielleicht regnet es Geld, vielleicht Schokolade, stell es dir vor und hol es dir!"

In der Pause gibt es kurze Zeit zum Verschnaufen; die zwölfjährige Nadja verteilt Muffins, heute hat sie Geburtstag. "Du knickst immer in der Hüfte so weg, bist zu nachgiebig. Dabei bist du eine starke Frau, zeig es auch!", ermuntert er ihre danebenstehende Freundin. "Ich weiß", murmelt die Angesprochene. Hat er sie mit diesen Äußerungen verschreckt? Im Gegenteil. Als die Pause vorbei ist, marschiert das Mädchen durch zur ersten Reihe, baut sich direkt vor Brooks auf und legt beherzt los.

"Das Tolle an ihm ist, dass er kritisiert, aber niemals jemanden bloß stellt", sagt Nüßl zufrieden von ihrem Tribünenplatz aus. Sie kennt Brooks seit 15 Jahren, seit ihre Tochter bei einem Kooperationsprojekt mitwirkte, das Brooks mit dem Jungen Gärtnerplatztheater und dem Pestalozzigymnasium in München veranstaltete. Vor fünf Jahren dann holte sie Brooks für ein Tanzprojekt an ihre damalige Mittelschule in Germering; jetzt bat sie ihn an die Mittelschule in Olching, wo sie seit drei Jahren Konrektorin ist. Von sich sagt sie: "Ich bin überzeugte Mittelschullehrerin, ich will nirgendwo anders hin, hier sind die Kinder, die uns brauchen!" Ein Credo, das genau so für Brooks gilt, wie er später erklärt. Denn die Warteliste der Schulen auf seiner Liste ist lang, so lang, dass er auswählen muss. Bevorzugt reagiert er auf die Hilferufe von Schulen "mitten im Nowhere", die achte oder neunte Klassen haben, mit denen niemand fertig wird, in denen Mobbing die Gemeinschaft zerstört. "Da weiß ich, ich werde gebraucht."

An der Mittelschule Olching wie auch an allen anderen Schulen Bayerns gilt künftig Maskenpflicht, sobald der Inzidenzwert 35 überschritten wird.

(Foto: Catherina Hess)

Doch jetzt braucht es erst einmal Musik, Brooks dreht am Knopf einer kleinen Anlage, der Song von Santa Esmaralda "Don't let me be misunderstood" tönt aus dem Lautsprecher. "Schritt, Schritt, Sprung, Drehen, Spirale" gibt Brooks mit lauter Stimme und entsprechenden Bewegungen einzelne Elemente einer Choreografie vor; den Ladies und Gentlemen hat er dabei den Rücken zugekehrt. "Waren sie gut, Frau Walter?", ruft er einer der Lehrerinnen auf der Tribüne zu. "Ja!", schallt es zurück, woraufhin sich Brooks umdreht, um zu sehen, was seine Ladies und Gentlemen bereits können. "Darf ich euch spiegeln?", fragt er, und schon geht es in die nächste Wiederholungs-Runde, die jungen Tänzer können sich weiterhin an seinen Bewegungen orientieren, er hat sie dabei genau im Blick. "Machen wir jetzt alles hintereinander, was wir schon gelernt haben?", will ein Mädchen wissen. "Oh nein, wir sammeln erst die Zutaten, genau wie Nadja für ihre Muffins. Die Bäckerei kommt morgen", antwortet Brooks. Und ruft aufmunternd in die Halle: "Nicht schlecht! Krieg ich mehr?".

Am Ende dieses Probenvormittags haben nicht nur die Schüler, sondern auch Brooks alles gegeben. Bemerkt er Unterschiede an den Schülern, nach Wochen erst ohne Schule, dann mit Schule, aber mit Masken und Abstandsregeln? "Die Ängste haben zugenommen", sagt Brooks. "Immer schon empfinden junge Menschen kurz vor oder in der Pubertät Körper-Scham; aber jetzt kommt dazu, dass sie ihre Körper als gefährlich empfinden, sie könnten Oma und Opa damit töten", sagt er. Gerade die Jüngsten hätten diese Ängste, weil sie die Unsicherheiten in der Krise nicht mental verstehen könnten, aber gefühlsmäßig erfassen würden. "Da ist mein Tanzprojekt für sie die Chance, mit ihrem Körper zu sprechen, ihre Energie auszupowern - und auch ein bisschen Scheiß zu bauen", sagt Brooks und lacht. Wieder ernst fügt er hinzu: Auch wenn er Corona mit den Schülern nicht weiter thematisiere, sei er sicher, dass die Pandemie für sie allgegenwärtig ist. "Es ist wie dieses Wort bei Harry Potter, Voldemort, das niemand aussprechen soll. Aber unterschwellig ist es da, zu 100 Prozent."

© SZ vom 17.10.2020

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