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Kritik: "L'Orfeo" am Staatstheater Nürnberg:Geschickt aufgetischt

Staatstheater Nürnberg L'Orfeo

Proserpina (Almerija Delic) und Pluto (Nicolai Karnolsky), das Herrscherpaar der Unterwelt, vor dem Abbild der aufgebahrten Euridice (Julia Grüter).

(Foto: Ludwig Olah)

Wie das Staatstheater Nürnberg seinen "L'Orfeo" zum Opernfilm macht

Von Egbert Tholl, Nürnberg

Dies sei, so steht es im Vorspann, "das Dokument einer Zeit, in der das Theater in seinen Möglichkeiten beschränkt war und trotzdem einen Weg gefunden hat, künstlerische Botschaften zu formulieren". Am 2. Oktober 2020 hatte Monteverdis "L'Orfeo" in der Inszenierung von Intendant Jens-Daniel Herzog seine Premiere am Staatstheater Nürnberg, damals kurzfristig ins Programm genommen und nach allen Regeln der geltenden Hygiene- und Abstandswahrungskunst auf die Bühne gebracht. Nun kann man diese Aufführung über die Homepage des Theaters als "Opernfilm" sehen, wobei "Film" vielleicht etwas zu weit reichende Erwartungen an die Umsetzung weckt. Es ist die filmisch äußerst geschickt aufbereitete Variante einer Aufführung, und diese Variante funktioniert ausnehmend gut.

Schon allein deshalb, weil Hans Hadula, der für die Filmversion verantwortliche Regisseur, die Musik mitinszeniert. Immer wieder rückt eine der vielen Kameras die Dirigentin Joane Mallwitz, das Orchester im Graben und den Proszeniumslogen oder einzelne Musikerinnen und Musiker ins Bild, was die Musik noch plastischer werden lässt, als sie ohnehin schon ist. Soundtechnisch ist der Film vorbildlich, nun kann man auch noch optisch miterleben, wie Mallwitz lange die Phrasen aushallen lässt, um gleich wieder zu größter Spielfreude anzutreiben, wie sie viele Verzierungen und fabelhafte Ideen einbaut. Schwelgt Orfeo zu Beginn des letzten Akts in Erinnerungen, gewinnt die Orchesterfassung von Mallwitz und Franz Löhr ein Pathos voller Pop-Grandezza, feiert Orfeo zuvor seinen vermeintlichen Sieg über den Tod, schiebt sich von der Hinterbühne aus schwerer Big-Band-Sound nach vorne.

Im Nürnberger "L'Orfeo" ist Euridice das erste Coronaopfer. Ihr Tod zerstört auch die heile Welt der Musik, die des Popstars Orfeo. Aber am Ende die Apotheose, nicht durch Impfung, durch die Kunst selbst. Ein großartiges Ensemble: Martin Platz (Orfeo), Julia Grüter (Euridice), La Musica (Andromahi Raptis), ach, alle verzaubern und rühren.

© SZ vom 17.05.2021
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