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Krimipfarrer Felix Leibrock:Eine Predigt mit Hilfe von Stephen King

Es gibt andere, die fast 30 sind und gerne einen neuen Weg gehen würden, aber sie kämen nicht auf die Idee, Pfarrer zu werden; sie würden ins Ausland gehen, noch mal studieren, umschulen oder reich heiraten. Aber Felix Leibrock hatte etwas tief in sich drin, das ein Jahrzehnt lang verschüttet gewesen war: eine Verbindung zur Religion. Er war als Jugendlicher regelmäßig in die Kirche gegangen, mit 18 war er sogar im Pfarrgemeinderat gewesen. Dann, nach dem Abitur, waren andere Dinge wichtiger. Aber jetzt kam die alte Liebe wieder. An Weihnachten 1989 dachte sich Leibrock: "Ich gehöre in den kirchlichen Kontext." Er studierte Theologie und landete schließlich in Weimar - erst als Pfarrer, dann als Kulturdirektor, schließlich als Pfarrer in Apolda im Kreis Weimar.

Felix Leibrock spricht mit den Händen: faltet sie, spreizt die Finger, öffnet die Hände. Vielleicht weiß er, dass diese Gesten Offenheit signalisieren. Vielleicht macht er es auch instinktiv. Dazu formuliert er klar. Seine Sätze haben keine Hänger, sie haben keine Äh-Pausen. Er ist eben ein Profi, was Sprache angeht, er hält Lesungen, er moderiert Literatur-Abende, er predigt. Und er macht dabei kuriose Sachen.

Unglücke, die Gottes Existenz in Frage stellen

Einmal hat er mit dem Inhalt des Stephen-King-Buches Revival eine Predigt gehalten: Ein Priester hat Frau und Tochter bei einem Unfall verloren und nennt zehn weitere Unglücke, die Gottes Existenz in Frage stellen. Einmal sucht ein Tornado eine Gemeinde in den USA heim, fast alle Gebäude werden zerstört, aber kein Mensch wird verletzt. Die Einwohner halten daher einen Dankgottesdienst ab. Während der Messe fegt ein neuer Tornado über die Gemeinde hinweg. Er zerstört die Kirche - und tötet 40 Menschen, die darin beten. Kann es Gott geben, wenn so etwas passiert?

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"Das Grauen muss man nicht betonen"

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Leibrock hat drei der zehn Unglücke in einer Predigt in Thüringen vorgetragen - ohne zu sagen, dass er King kopiert. Er war gespannt auf die Reaktionen. In Kings Buch verlassen die Leute empört die Kirche, als sie hören, dass Gott angezweifelt wird. In Thüringen blieben sie sitzen. Leibrock fragte die Leute, warum sie nicht protestierten. "Wir wollten warten, was noch kommt", hörte er als Antwort. Nach dem vierten oder fünften Fall enthüllte Leibrock, dass er aus Kings Buch zitiere; danach wurde eifrig diskutiert. Keiner ging.

Und wieso fällt der Pfarrer Leibrock nicht vom Glauben ab, nach solchen Schicksalen? "Erstens ist Glaube immer auch ein Mysterium", sagt er, "man weiß eben nicht alles, und deshalb muss man vertrauen und hoffen." Und zweitens gebe es diese Bibelstelle von Paulus: Gottes Wege sind unergründlich.

Leibrock predigt also manchmal unkonventionell. Man kann auch sagen: Er provoziert ein wenig. Er machte auch mal eine Wallfahrt nach Worms, um Geld für die Sanierung einer Kirche zu sammeln. Er erzielt damit Aufmerksamkeit. Ob es ihm persönlich wichtig ist, wahrgenommen zu werden (was auch nicht verwerflich wäre), oder ob er es tut, weil es der Kirche gut tut: geschenkt. Wichtig ist, was dabei herauskommt.

Nun also Krimipfarrer. Er hätte es dabei belassen können, Pfarrer ohne den Zusatz "Krimi" zu sein, nur Geschäftsführer, bloß Literatur-Abende zu veranstalten. Aber er schreibt auch noch.