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Berichte von Aussteigern:Albtraum Traumjob

Modenschau der Deutschen Meisterschule für Mode, 2010

"Ich wollte dieses Leben nicht mehr", sagt das Ex-Model.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sie hatten Geld und Ansehen - trotzdem war ihr Arbeitsalltag die Hölle. Ein Pilot, ein Model, ein Banker, ein Lehrer und ein Arzt erzählen, warum sie hingeworfen haben.

Fünf Menschen, fünf Berufe. Alle fünf gelten in der öffentlichen Wahrnehmung als erstrebenswerte Berufe, vielleicht sogar als glamourös. Doch trotz Anerkennung und Erfolg haben diese fünf Menschen ihren Beruf irgendwann an den Nagel gehängt. Überraschenderweise ähneln sich ihre Motive. Der Pilot klagt über "Kostendruck", der Oberarzt über "Ökonomisierung", der Banker über "Profitmaximierung", der Lehrer über Fremdbestimmung und das Model über die Standardisierung ihres Körpers. Ihr jeweiliges Berufsethos, ihre eigenen Ansprüche empfanden sie zunehmend als unvereinbar mit dem Arbeitsalltag. Ihr Traumjob machte sie schließlich krank und wurde zum Albtraum.

Der Pilot

Andreas Tittelbach, 52, war Lufthansa-Pilot, schied aber aus gesundheitlichen Gründen aus. Warum genau, darf er nicht sagen. Ein gerichtlicher Vergleich mit der Fluggesellschaft verbietet es ihm. Das Fliegen findet er nach wie vor faszinierend, aber um den Piloten-Beruf sorgt er sich. "Ich würde meiner Tochter nicht sagen: werde Pilotin." Die Arbeitsbedingungen würden immer problematischer. "Wir haben inzwischen in Deutschland Piloten, die dafür bezahlen, dass sie arbeiten dürfen", sagt Tittelbach. "Bei einer bestimmten deutschen Fluggesellschaft muss man heute Geld mitbringen, um dort als Copilot fliegen zu dürfen. Denn nach der Ausbildung muss jeder, der einen Job haben will, ein paar Hundert Flugstunden nachweisen, sonst wird er nicht angestellt."

Tittelbach nennt absichtlich keine Namen, um keinen Ärger zu bekommen. "Eine andere große europäische Fluggesellschaft, die auch viele deutsche Ziele anfliegt, beschäftigt Piloten sogar als Subunternehmer, um die Kosten zu senken", sagt er. "Wer jedoch zahlt, um eine Maschine zu steuern oder als Subunternehmer arbeitet, trifft keine freien Entscheidungen." Er hält die Entwicklung für besorgniserregend. "Alle Fluggesellschaften müssen darauf achten, dass die Sicherheitsstandards nicht durch den erhöhten Kostendruck unterlaufen werden. Es darf nicht heißen: Das steht zwar auf dem Papier, aber so genau müssen wir es ja nicht nehmen."

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Übermüdung sei ein weiteres Thema. Vier oder fünf Flüge am Tag seien zu viel, weil die Piloten beim letzten Flug oft nicht mehr auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit seien. "Mir sind wie vielen anderen Kollegen nicht nur einmal im Flug die Augen zugefallen. Und ich kann mich gut an einen nächtlichen Anflug auf Frankfurt erinnern, bei welchem der Copilot und ich beide bis zur Landung mit dem Schlaf gekämpft haben." Tittelbach sieht hier den Gesetzgeber gefordert. "Die Arbeitszeiten müssen gesetzlich so begrenzt werden, dass nicht regelmäßig übermüdete Piloten im Cockpit sitzen."

Das Model

Catharina Geiselhart, 25, sitzt in einem Pariser Café und sagt: "Wenn mir heute jemand sagt, die Modelwelt sei nicht oberflächlich, dann lache ich mich tot." Das ehemalige Chanel-Model wurde im Bon Marché entdeckt, einem Kaufhaus in Paris. Sie war 14 und in Begleitung ihrer Mutter, als eine Dame sie fragte, ob sie nicht Model werden wolle. Mit 15 ging's los: New York, Mailand, Paris. Ein Leben im Jetset. "Oh, you look so pretty", riefen ihr die Fotografen zu. Sie fühlte sich schön und hatte eine gute Zeit. Einmal traf sie sogar Karl Lagerfeld. Bis sie merkte, wie hohl alles war.

Mit 16 nahm sie die Pille und legte an Oberweite zu, nur ein paar Gramm. In Hongkong passierte es dann. Sie passte nicht mehr in ein viel zu eng geschnittenes Chanel-Shirt. Böse Blicke und Kommentare trafen sie, der Druck war unerträglich. Das Erlebnis verschlimmerte ihre Magersucht. "Die wollen 18- oder 20-jährige Mädchen mit dem Körperbau einer 14-Jährigen, die aber nicht magersüchtig ist", sagt Geiselhart und beißt in ein Stück Kuchen.

Sie war so dürr, dass sie bei Castings abgelehnt wurde. "Essen war wie Gift für mich", sagt sie. "Ich wiege jetzt 58 Kilo und bin 1,76 Meter groß. Als ich magersüchtig war, wog ich 47 Kilo. Ein Kilo weniger, und ich hätte in der Klinik künstlich ernährt werden müssen." Sie fiel oft in Ohnmacht. 20 Castings am Tag, Make-up, das die Haut angreift, das ständige Ziehen an den Haaren, sich nackt ausziehen vor Fremden. "Ich wollte dieses Leben nicht mehr." Und sie hatte es satt, das Mädchen zu sein, das man nie einlädt, weil sie nie etwas isst. Sie wollte wieder Freunde haben.

Mit 19 hörte sie auf, studierte an einer angesehenen Universität in Paris, machte einen Master in Public Affairs und sattelte noch Internationale Finanzen obendrauf. Demnächst will sie nach Berlin ziehen, um dort für einen Stromkonzern zu arbeiten. Sie hat sich selber neu erfunden. "Modelsein", sagt sie, "ist wirklich kein Traum.

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