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Online-Konzert:In allen Facetten

Yulianna Avdeeva Christine Schneider

Die 34-jährige Yulianna Avdeeva spielte unter anderem bereits als Partnerin von Julia Fischer.

(Foto: Christine Schneider)

Die Pianistin Yulianna Avdeeva spielt und spricht im Stream

Die Zuschauer tröpfeln eher langsam herein, als Yulianna Avdeeva am vergangen Sonntagabend im Klavier-Salon spielt. Erst sind es um die 40, dann wächst die Zahl kontinuierlich bis 400. Da hat die russische Pianistin, die seit geraumer Zeit in München lebt, allerdings schon beinahe die Hälfte ihres Programms hinter sich. Schumanns "Fantasiestücke" und Schuberts "Wandererfantasie" stehen auf dem Programm der "Piano Hour", wie das Format heißt, das aus dem Schwabinger Tonstudio Polyester live übertragen wird. Mit Internet-Übertragungen aber kennt sich Yulianna Avdeeva generell aus. Sie spielt jeden Donnerstag Live-Übertragungen aus ihrem Wohnzimmer.

Avdeeva ist eine immer noch zu Unrecht unterschätzte Musikerin, die zwar 2010 den ersten Preis beim Chopinwettbewerb, vor Ingolf Wunder und Daniil Trifonov, gewann, aber auf dem Markt vom Zweit- und Drittplatzierten überholt wurde. Doch sie weiß diese neue Art der Musik-Kommunikation einnehmend zu nutzen: Bei ihren Internet-Auftritten setzt sie mitnichten auf zwingende musikalische Überwältigung, die dann über den Bildschirm doch nicht funktioniert. Sie nutzt das neue Medium eher für eine Art "Lecture-Performance".

Avdeeva hat einen sehr intellektualiserenden Zugang zur Musik. Sie habe etwa Deutsch lernen wollen, um die Musik der deutschsprachigen Komponisten besser zu verstehen, denn sie höre die deutsche Sprachmelodie etwa in den Kompositionen Schuberts. Wenn sie, die in Moskau an der Gnessin-Schule lernte und ihr Studium dann bei Konstantin Scherbakov in Zürich fortsetzte, sich einem neuen Stück annimmt, nähert sie sich auch immer über den geschichtlichen Hintergrund. Welche Instrumente spielte man zu der Zeit? Welche Bilder sahen die Komponisten an? Was trieb sie philosophisch um?

Im herkömmlichen Konzert und auf ihren CDs hört man diesen Hintergrund dann nur indirekt in ihren Interpretationen. Klar, etwas kühl und bisweilen hart und kräftig spielt sie, und ab und zu mit spürbarer Lust an schwelgender Romantik; eben jenem Teil der Musik, der die Musik eigen und nicht intellektuell durchdringbar macht. Aber so funktioniert Musik im Internet nicht. Und Avdeeva ist klug genug, das zu nutzen.

So legt sie in ihren wöchentlichen Donnerstags-Konzerten einen anderen Zugang. Die Musik wird erklärt, nachdem sie gespielt wurde. In all den Facetten, die der musik- und ästhetiktheoretische Hintergrund dazu bietet. In einer trocken-akademischen, aber charmant theorie-begeisterten Art redete sie etwa im Video der vergangenen Woche (alle Videos sind weiterhin im Internet abrufbar) davon, wie man einen nicht-musikalischen Ausdruck für die Emotionalität in Chopins berühmten Regentropfen-Prélude findet; und kündigt an, in der nächsten Folge auf die "sehr interessante Frage eines Zuschauers" eingehen zu wollen: "Wo liegt die Verbindung von Schumann und Chopin?" Auf dem Programm an diesem Donnerstag stehen dementsprechend etwa Chopins Ballade Nr. 2 und Schumanns Arabeske op. 18 sowie eines der Fantasiestücke.

Yulianna Avdeeva, Donnerstag, 2. April, 19.30 Uhr, www.facebook.com/YuliannaAvdeeva

© SZ vom 02.04.2020
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