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Konzert in München:Elton John erweckt die Olympiahalle zum Leben

Elton John 2016

Sir Elton Hercules John, 69, bei seinem Konzert in München.

(Foto: Stefan M. Prager)

Der britische Musiker mühte sich redlich, sein Publikum aus der Erstarrung zu reißen. Am Ende gelang es Elton John doch - nach 17 Songs.

Das Wunder, das diesen Konzertabend in der ausverkauften Olympiahalle am Ende tatsächlich doch noch in einen strahlenden verwandelt, es geschieht nach sage und schreibe 17 gespielten Songs. Gerade noch schien die Magie des gewaltigen Sechsminüters "Burn Down The Mission" - der auch 46 Jahre nach seiner erstmaligen Veröffentlichung auf Elton Johns Roots-Rock-Konzeptalbum "Tumbleweed Connection" kein Fünkchen seiner irren Dynamik zwischen gravitätischer Opulenz und rasender Beschleunigung eingebüßt hat - abermals am seltsam salzsäulenhaften Publikum abgeprallt, als man sich, vor allem im Parkett, tatsächlich geschlossen zum Applaus erhebt.

Und, noch viel wichtiger und anders als nach den vorherigen 16 Stücken: endlich auch stehenbleibt, um die Songs des routiniert und doch formidabel aufspielenden Meisters und seines Backing-Quintetts auch mit der einen oder anderen Tanzbewegung zu würdigen; um zumindest halbwegs kongruent zu gehen mit der nicht unbeträchtlichen Energie, die da für gut zweieinhalb Stunden von der Bühne strömt.

Natürlich soll und wird der Fokus dieser Konzertkritik auf der Darbietung von Sir Elton Hercules John, 69, liegen. Um die kritische Nachfrage, warum ein Konzert, dessen Songs nicht eben selten maximal bewegungsfördernden Genres wie dem Rock'n'Roll oder dem Boogie-Woogie zuzurechnen sind, in einer komplett bestuhlten Halle stattfinden muss, kommt man indes ebenso wenig herum wie um die Erwähnung der Tatsache, dass Elton John dieses Konzert tatsächlich um kurz nach halb acht, und damit zu einem Zeitpunkt, an dem zahlreiche Zuschauer noch auf der Suche nach ihren Sitzplätzen durchs Parkett irren, beginnen muss.

Kann man es einer - im Querschnitt natürlicherweise etwas älteren Zuhörerschaft - nicht zumuten zweieinhalb Stunden zu stehen, wo es doch in der Olympiahalle sowieso zahlreiche Tribünensitzplätze gibt? Geht Elton John, der dem Exzess und den langen Nächten über Jahrzehnte frönte wie kaum ein anderer, mittlerweile schon zeitig schlafen? Fragen über Fragen.

Doch zurück zur Musik. Die erklingt, wie berichtet, ausgesprochen früh, was wiederum zur Folge hat, dass die erhabenen, flächigen Synthesizer-Fanfaren des prog-rockigen Eröffnungsstücks "Funeral For A Friend/Love Lies Bleeding" ungewollt zum Soundtrack der Sitzplatzsuchenden gerät. Der positive Nebeneffekt: So fällt zumindest der anfangs noch nicht so recht ausdifferenzierte Sound in der akustisch seit jeher schwierigen Olympiahalle angesichts des Orientierungschaos kaum ins Gewicht.

Zwei passable Stücke vom neuen Album

Feiner klingen da schon das - vor allem im Konzertkontext - herrlich selbstironisch betitelte "The Bitch Is Back" und "Bennie And The Jets", das die Konzentration des nun weitgehend vollständigen Publikums in seiner genialischen Verbindung zwischen satt rollendem Bass-Groove und Elton Johns filigraner Anschlagtechnik erstmals gänzlich einfängt und schließlich in einen großartig ausufernden Jam mündet.

Überhaupt sind es vor allem Elton Johns Großtaten aus den Siebzigern, die hier den Großteil ausmachen und dieses Konzert trotz aller Starre im Publikum zu einem sehr hörenswerten machen. Zwei passable Stücke vom neuen Album "Wonderful Crazy Night" - den soliden Boogie-Woogie "Looking Up" und die etwas tranige Ballade "A Good Heart" - gibt es zu hören, der Rest setzt sich aus alten Meisterwerken zusammen, die, nochmal "leider", zumeist zu eher einfallslosen bildschirmschonerartigen Visuals erklingen.

Sei's drum. Der Qualität von "Rocket Man", das John mit einem brillanten Solo einleitet, um es dann in Bandformation wunderbar nuanciert getupft zu Weltraumbildern zum Schweben zu bringen, tut das ebenso wenig Abbruch wie "Tiny Dancer", dessen Banjo-Sounds Johns langjähriger Gitarrist Davey Johnstone ausgesprochen hübsch an der Gitarre nachempfindet.

Und dennoch: So richtig Stimmung in der Halle kommt erst in der Folge der eingangs beschriebenen Szenerie auf, als man sich im Anschluss an "Burn Down The Mission" zum ansprechend entschmalzt dargebotenen "Sad Songs (Say So Much)" in Bewegung setzt, und das Konzert mit der Grandezza von "Don't Let the Sun Go Down On Me", dem Turbo-Antrieb von "All The Girls Love Alice", dem thematisch bestens platzierten "I'm Still Standing" und vor allem dem herrlich glam-rockigen "Saturday Night's Alright (For Fighting)" noch einmal gewaltig Fahrt aufnimmt.

Dass John die spät entfesselte Euphorie dann überflüssigerweise mit dem unglücklich platzierten "Candle In The Wind" als Zugabe wieder runter fährt, passt dann allerdings genauso ins Bild dieses Konzertabends wie die langatmige Bühnen-Autogrammstunde für die erste Reihe. Ein Glück also, dass der Abschied mit "Crocodile Rock" schließlich doch noch ebenso beschwingt ausfällt wie das große letzte Drittel dieses spät erblühten Konzerts.

© SZ.de/amm
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