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Kritik:Stille im Trubel

Konstantin Wecker zu Gast beim Gärtnerplatzorchester.

Von Egbert Tholl

Anselm Cavaradossi Hüttenbrenner ist nicht Konstantin Wecker. Aber Wecker hat ihn erfunden, hat sein Leben angereichert mit autobiografischen Elementen und aufgeschrieben in seinem Buch "Der Klang der ungespielten Töne". Daraus hat er dann einen "literarisch-musikalischen Abend" gemacht, der vor zweieinhalb Jahren herauskam und nun gerade am Gärtnerplatztheater zu sehen war, coronabedingt um erfreuliche 25 Minuten gekürzt. Denn: Konstantin Wecker war ja lange Zeit ein dampfender, singender Kraftlackl am Klavier, der das Pathos zu schätzen und trefflich auszuformulieren wusste, doch bei diesem Abend und mit seinem eigenen Text gerinnt die brodelnde Emotion immer mehr zu, Entschuldigung lieber Herr Wecker, Kitsch.

Vielleicht ist das aber gar nicht so schlimm, denn sympathisch ist die Veranstaltung allemal, was auch daran liegt, dass halt doch recht viel Gärtnerplatz drin ist im Gärtnerplatz, also zwölf Menschen, die Musik machen, und zwei, die singen, der Tenor Juan Carlos Falcón und der Knabensopran Zeno Böhmler. Beide stehen links und rechts in den Proszeniumslogen, Falcón singt als Cavaradossi (sic!) auf Deutsch von den leuchtenden Sternen in der "Tosca" und mit Böhmler zusammen das Duett aus der "Traviata" "Parigi, o cara", leider auch auf Deutsch, aber es ist ein recht aberwitziges Erlebnis. Schon allein wegen des herrlich porösen Arrangements von Andreas Kowalewitz, der auch Klavier spielt und das Orchester leitet. Sein Meisterarrangement ist aber ohne Worte, das Adagio aus Mahlers Neunter für Streichquintett, atemberaubend schön und mit intensiver Leidenschaft gespielt.

Zurück zum Kitsch. "Die Stille ist die leere Tafel, auf die Gott die Wahrheit schreibt." Damit spielt Wecker nicht auf den Lockdown an. In seiner Geschichte wird der begabte Knabensopran Hüttenbrenner, dargestellt von Michael Dangl, zu einem erfolgreichen Musiker und Komponisten, gerät in die Fänge des Kommerz, macht Schlager und Filmmusik, feiert Partys, Küsschen hier, was zum Trinken dort, entdeckt als Heilmittel die Stille und wird verrückt, begleitet von einer leicht diabolischen Figur wie von Bulgakow entlehnt.

Das Gärtnerplatztheater erwacht inzwischen wieder langsam zu ein wenig Leben, aber noch stimmt leider der Satz: "Hier, mitten im Trubel der Stadt, begegne ich der Stille." Eben die versuchen die Musiker aufzufüllen, Fany Kammerlander taucht als blonder Cello-Engel auf, Wecker tönt schön und sagt am Ende: "Danke, dass ihr da wart."

© SZ vom 09.07.2020

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