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Kommunikation:Geschützter Raum

Lars Mentrup ist einer der Organisatoren von Freifunk.

(Foto: Privat)

Annika Wickert, Peter Buschkamp und Lars Mentrup wollen mit ihrer Initiative Freifunk München ein unabhängiges Wlan-Netz aufbauen - etwa für Videokonferenzen in der Coronakrise

"Eine demokratische Gesellschaft, in der wir freiheitlich zusammenleben, braucht auch freie Kommunikation", sagt Peter Buschkamp. Gerade jetzt, wo es nicht immer möglich sei, sich von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten, brauche es alternative, leicht zugängliche Kommunikationskanäle. Der promovierte Astrophysiker koordiniert Freifunk München, eine Initiative, die ein unabhängiges Wlan-Netz in München aufbauen möchte. Früher habe er von der Erde zu den Sternen geschaut, sagt er. Heute geht Buschkamps Blick in die andere Richtung. Er entwickelt als Systemarchitekt einen der nächsten europäischen Umweltsatelliten. In seiner Freizeit hält Buschkamp Vorträge über Freifunk bei Treffen des Chaos Computer Clubs. Dann stellt er sich als Peter vor und trägt ein Pac-Man-Sakko.

Genau wie Buschkamp übt auch Annika Wickert ein digitales Ehrenamt bei Freifunk München aus. Die Informatikerin begann vergangene Woche, als die Münchner scharenweise ins Home-Office strömten, an einer Lösung für freie Videokonferenzen zu basteln. Eigentlich sollte Wickert, die als Netzwerk-Ingenieurin bei einem Internet-TV-Anbieter arbeitet, zu dieser Zeit bei einer Konferenz sein. Wegen Corona wurde die Veranstaltung abgesagt. Sehen will sie ihre Kollegen und Freunde trotzdem. "Da brauchen wir ein Videokonferenzsystem, bei dem sich keiner anmelden muss, dachte ich", sagt Wickert. "So habe ich das Setup für Meet über Freifunk gemacht, wo die Privatsphäre gewahrt wird und kein Google Analytics dahinter ist." Bereits vor dem ersten Tag der Ausgangsbeschränkungen in Bayern, am 20. März, ließ sich über die Server von Freifunk München kostenlos im Internet telefonieren. In der ersten Woche hätten mehrere hundert Menschen den Münchner Freifunk-Service Meet genutzt.

"Was wir hier anbieten, ist ein besonders niederschwelliger Zugang, den man zu einer Konferenz im Netz bekommt," sagt Buschkamp. Nur ein Internetzugang und ein Endgerät mit Kamera seien für diese Videokonferenz notwendig. Anders als bei kommerziellen Anbietern wie Skype oder Zoom müsse man sich nicht mit einer Email-Adresse registrieren. Zudem greife Freifunk München mit ihrem Service keine Nutzerdaten ab oder verlange das Herunterladen einer Software. Über die MeetSeite von Freifunk München könne man einen digitalen Konferenzraum kreieren. Statt einer Wegbeschreibung schicke man an die gewünschten Teilnehmer einen Link. Der Raum könne zudem durch ein Passwort geschützt werden.

Vor allem diejenigen, die vor der Coronakrise ohne Besprechungen im Internet auskamen, möchte Freifunk München eine unkomplizierte Option anbieten. Handwerker, Kirchen, Pflegedienste und auch Schulen. Mehrere Schulklassen hätten schon Unterrichtsstunden über den gemeinnützigen Konferenzserver abgehalten. Wird es dem Lehrer zu unruhig im digitalen Klassenraum, kann er Schüler auf "stumm" schalten. Diese können sich mit dem Klick auf ein Handsymbol am Bildschirmrand melden. Nicht nur gemeinsam gelernt, sondern auch gemeinsam getrunken wird über Meet, wie ein Tweet mit Bild eines virtuellen Biergartens zeigt.

Bislang können bis zu zehntausend Personen gleichzeitig über Meet miteinander sprechen. Lars Mentrup, der für die SPD in den Stadtrat gewählt wurde, hofft, dass der Dienst auch außerhalb Bayerns, etwa im isolierten Italien, helfen kann. Je nachdem wie gefragt die Konferenzräume der Initiative sein werden, könnten die Kapazitäten erweitert werden. Den Anspruch, über Jahre hinweg Meet anzubieten, habe Freifunk nicht. Für die Dauer der Ausgangbeschränkungen biete die Initiative jedoch eine unkomplizierte Übergangslösung.

Schnelle Hilfe zur digitalen Kommunikation wurde auch 2015 während der Flüchtlingskrise gebraucht. Dazu wollte Mentrup in jenem Sommer beitragen und organisierte Freifunk-Wlan für Flüchtlingsunterkünfte in München. Seither ist er Mitglied der Initiative. Den Klimaforscher haben die flachen Hierarchien überrascht. Einmal im Monat treffen sich zehn bis zwanzig Freifunker. In der Open-Source-Community seien die Strukturen sehr offen, es gebe keinen "Ober-Netzwerker". Stattdessen bringe sich jeder ein, wie und wo er möchte. "Es passt zu den modernen Zeiten, wie es hier läuft," sagt er.

Wer sich analog engagiert, wird oft mit einem dankbaren Lächeln entlohnt. Etwa beim Lebensmitteleinkauf für ältere Nachbarn. Bei digitalem Ehrenamt sei das anders, jedoch nicht weniger erfüllend, sagt Buschkamp. "Als Nerd freut man sich einfach, wenn der Code in der Software funktioniert. Auf Freifunk Meet sehen wir, wie viele Menschen gerade unseren freien Konferenzserver nutzen, wie viele wir so zusammengebracht haben. Das ist die Belohnung für ITler."

Den Konferenzservice von Freifunk München findet man unter: meet.ffmuc.net

© SZ vom 28.03.2020

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