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Jugendfilmfestival:Die Ernsthaftigkeit der Jugend

Was ist Wirklichkeit, was ist Fiktion? In dem Kurzfilm "Real Imagination" geht es um einen Menschen mit einer multiplen Persönlichkeit, für den Dinge real werden, die nur in der eigenen Einbildungskraft passieren.

(Foto: enno & luke)

Auf dem Jugendfilmfestival "Flimmern & Rauschen" in der Muffathalle stellen junge Regisseure ihre Filme vor. Und die sind durchaus kritisch.

Was, wenn die eigene Vorstellung verrückt spielt? Was, wenn man nicht mehr weiß, was Wirklichkeit und was Fiktion ist und man Dinge als real annimmt, die andere gar nicht wahrnehmen können? Was, wenn nach und nach in einem die Angst aufsteigt, wahnsinnig zu werden? Genau in diesen Albtraum fällt der Journalist Hannes in dem Kurzfilm "Real Imagination", der auf dem Münchner Kinder- und Jugend-Filmfestival "Flimmern & Rauschen" an diesem Donnerstag, 8. März, zu sehen sein wird. Paul Hordych und Ennio Frankl zeigen darin einen Menschen mit einer multiplen Persönlichkeit, für den Dinge real werden, die nur in der eigenen Einbildungskraft passieren. Und auch für Hannes gilt, was schon der Soziologe William I. Thomas festgehalten hat: "Wenn Menschen Dinge als real definieren, dann sind sie real in ihren Konsequenzen."

Jugendliche Naivität kann man wohl kaum einem der Teilnehmer des Filmfestivals vorwerfen - davon sind die Jugendlichen weit entfernt. Vielmehr sind die Werke, die von diesem Mittwoch bis Freitag in der Muffathalle vorgestellt werden, ernst, kritisch und gesellschaftsnah. Mit ihren Spiel- und Dokumentarfilmen treffen die Jugendlichen den Tenor der Zeit und dringen ebenso tief und weitsichtig in sie berührende Themen ein, wie ein älterer Erwachsener es tun würde. Fragestellungen, die auch generationenübergreifend nichts an Brisanz und Relevanz verlieren, werden auf Deutschlands ältestem Kinder- und Jugend-Filmfestival behandelt und mehr als 80 Filme der jungen Filmschaffenden füllen das mehr als 15 Stunden fast ohne Unterbrechung laufende Programm.

In den vorgestellten Dokumentarfilmen geht es unter anderem um den Umgang mit Depressionen ("F32.2"), den Verlust eines Klassenkameraden ("ANSA - die Gelegenheit") oder das Sterben einer krebskranken Frau ("Waltrud - ein Portrait über das Sterben"), die mit ihren Erzählungen eine gesellschaftliche Tabuzone betritt. Auch die Thematik von Flucht und Fluchtursachen wird differenziert aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Da sind die schon angekommenen geflüchteten Menschen, die über den Krieg in ihren Heimatländern berichten ("Ich war in Syrien, aber ich konnte nicht bleiben"), da sind die Organisationen, die geflüchtete Menschen aus dem Mittelmeer retten ("Dem Gewissen folgen") und da ist die österreichische Bevölkerung, die über das Grenzmanagement der Regierung spricht ("Spielfeld").

Die Ernsthaftigkeit der Themen steht in Einklang mit dem, was Hordych und Frankl gedreht haben. "Ennio und ich hatten schon länger vor, einen Film zu machen", sagt Paul Hordych. "Dass wir jetzt bei einem so großen Festival dabei sein dürfen, freut uns unglaublich. Als wir mit dem Film begonnen haben, haben wir nicht gedacht, dass wir den bei Flimmern & Rauschen einreichen würden. Es hat sich erst während des Drehs entwickelt, dass wir irgendwann dachten: Hey, der Film ist eigentlich echt ganz gut."

Besonders freuen sich die beiden jetzt darauf, auf dem Filmfest mit Leuten in Kontakt zu kommen und Erfahrung zu sammeln. Während die jüngsten Teilnehmer dort noch in den Kindergarten gehen, befinden sich die älteren Kollegen bereits auf dem Weg ins Profigeschäft. Den Absprung in die professionelle Filmszene zu schaffen, erhofft sich auch Paul Hordych. Nachdem er in diesem Jahr sein Abitur macht, will er sich für die Hochschule für Fernsehen und Film in München (HFF) bewerben.

Flimmern & Rauschen, Mi., 7., bis Fr., 9. März, Muffathalle, Zellstr. 4, flimmernundrauschen.de

© SZ vom 07.03.2018