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Nach dem GAU in Fukushima:Mama, was ist Kernschmelze?

Die Katastrophe in Japan ist in den Medien präsent wie sonst wenige Ereignisse. Auch Kinder bekommen mit, was geschehen ist - und sie stellen Fragen. Wie erklärt man einen Super-GAU?

Sie haben Bilder gemalt. Bilder von Menschen, die unter Wasser treiben, sich an Holzstücken festklammern oder auf Hausdächern hocken. Bilder der Verwüstung. Bilder aus dem Jahr 2004. Brigitte Bücken hatte damals, als der Tsunami Asiens Küsten überflutete, ihre Schüler zum Zeichnen ermuntert. Mit dem Stift, sagt die Religionslehrerin, könnten Grundschüler Gefühle oft besser ausdrücken als mit Sprache. Oft sind diese Bilder eine Brücke, um der Sprachlosigkeit Herr zu werden.

Anti-Atom-Demo vor dem Kanzleramt

Eltern nehmen auch ihre Kinder mit zu Anti-Atomkraft-Mahnwachen. Doch die Ereignisse in Japan können kleine Kinder noch nicht verarbeiten. Erst ab circa zwölf Jahren verstehen sie, welche Folgen die Reaktorkatastrophe in Fukushima wirklich hat. Jüngeren Kindern, raten Pädagogen, sollte man die Ereignisse altersgerecht erklären - nicht verschweigen.

(Foto: dpa)

Nun also wieder ein Tsunami, und ein Erbeben, und eine drohende Atomkatastrophe. Die Bilder aus dem Fernsehen, vermutet Bücken, würden sich auch diesmal "in die Kinderköpfe einbrennen". Auch wenn die Kinder etwas Zeit brauchten, "so etwas zu realisieren", so haben doch die ersten ihrer Viertklässler aus der Moosacher Grundschule an der Gerastraße ihre Lehrerin bereits gefragt, wie denn so etwas passieren kann. Haben ihr erzählt, dass sie sich das gar nicht vorstellen können wie das ist, wenn plötzlich alles weg ist. "Das geht mir genauso", hat Bücken geantwortet.

Ehrlich sein hat Priorität, was an Tagen wie diesen, wenn Kinder die Sinnfrage stellen, nicht immer einfach ist. Warum lässt Gott das zu? Diese Frage wird kommen, weiß Bücken. Und hier wird sie sagen müssen: Es gibt Dinge, auf die auch ein Erwachsener keine befriedigende Antwort hat.

Im Schulgottesdienst werden sie nun über Japan sprechen und für die Menschen dort beten. Sie werden die alten Psalmen bemühen, in denen Menschen vor langer Zeit ihre Verzweiflung in einer Art und Weise zum Ausdruck gebracht haben, die auch heutige Menschen noch anrühren kann. Ältere Schüler hat Bücken Psalme verfassen lassen, und auch dies, sagt sie, sei eine gute Möglichkeit, wie Kinder ihre Gefühle zum Ausdruck bringen können. Die Mädchen verzieren die Gebete schon mal mit Blumenranken. Was soll man auch tun in der Zeit der Hilflosigkeit? Wo so viele das Bedürfnis haben, zum Ausdruck zu bringen, "dass wir an die Menschen in Japan denken", wie es Carina Gerstner formuliert, Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte in der Messestadt Riem.

Am Donnerstagnachmittag haben sie dort in der Turnhalle ihr selbstgebasteltes Kreuz aufgestellt. Die Eltern waren eingeladen zur Andacht mit den Kindern, mit denen die Kindergärtnerinnen vorher besprochen hatten, dass es den Menschen in Japan jetzt "ähnlich geht wie Jesus": Auch er kannte Zeiten, "wo es wenig zum Essen gab und wenig zum Anziehen". Doch mehr noch als die kleinen Kinder brauchen wohl die Eltern Zuspruch. Die Kindergartenkinder haben das Thema Japan von sich aus bislang nicht zur Sprache gebracht, wohl deshalb, vermutet Gerstner, weil die Eltern sie vom Fernseher fernhalten. Bei den Eltern indes sei "die Betroffenheit groß".

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