Kinderbetreuung Immer mehr private Firmen betreiben Kitas in München

Leonie besucht den "Zauberwald" der Firma Konzept-e, hier mit Einrichtungsleiterin Daniela Orquera Narvaez.

(Foto: C. Hess)
  • Der Bedarf an Kita-Plätzen in München immens - und die Stadt kann die Nachfrage allein nicht bedienen.
  • Darum hat die Stadt München lukrative Fördermodelle aufgelegt. Jährlich werden über die "Münchner Förderformel" jährlich mehr als 100 Millionen Euro ausgeschüttet.
  • Einrichtungen, die sich an den niedrigen städtischen Gebühren orientieren und elternfreundliche Öffnungszeiten anbieten, können das Geld beantragen.
Von Melanie Staudinger

"Kinder brauchen Freiräume", sagt Waltraud Weegmann. Diese Tatsache sei in all den pädagogischen Debatten in der jüngeren Zeit fast ein wenig untergegangen. Gerade im Kindergartenalter wollen Mädchen und Jungen sich verstecken, auf Bäume klettern, Konflikte untereinander austragen. Doch ständig sähen sie sich mit sich einmischenden, ermahnenden, nörgelnden Erwachsenen konfrontiert. "Wenn nichts passieren darf, passiert auch nichts", sagt Weegmann.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten intensiv mit Pädagogik beschäftigt. Ihr Unternehmen "Konzept-e" entwickelt nicht nur Erziehungsideen, sondern betreibt auch Kindertagesstätten. Die ersten Ableger hat die Stuttgarterin nun in München eröffnet - das viel gescholtene Freispiel ist fester Bestandteil im Tagesablauf der Kinder.

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Konzept-e ist einer von vielen privaten Anbietern, für die der hiesige Kita-Markt interessant ist. "Wir wollen keine elitären Einrichtungen eröffnen, sondern solche, die sich die Eltern auch leisten können", sagt Weegmann. Der Münchner Markt sei attraktiv, da hier Betreuungsplätze gefragt seien. "Gleichzeitig ist der Anspruch der Eltern hoch, den wollen wir erfüllen."

Tatsächlich ist der Bedarf an Kita-Plätzen in München immens. Für Krippenkinder gibt es derzeit gut 21 000 Plätze, rein rechnerisch steht damit 45 Prozent aller Null- bis Dreijährigen ein Angebot zur Verfügung. Im Kindergarten liegt der Versorgungsgrad bei 92 Prozent, was knapp 43 200 Plätzen entspricht. Bis Ende des Jahres will die Stadt 4200 weitere Plätze für Kinder bis zu sechs Jahren schaffen. Alleine in den Jahren 2014 bis 2018 lässt sich die Stadt den Kita-Ausbau 285 Millionen Euro kosten.

Doch das Geld, das in Neubauten fließt, ist nur ein Teil der städtischen Investitionen. Es dürfte kaum eine andere Kommune in Deutschland geben, die ähnlich lukrative Fördermodelle aufgelegt hat wie München. Wer bestimmte Kriterien erfüllt, kann sich neben den gesetzlich verankerten Zuschüssen vom Freistaat weitere Mittel sichern. Münchner Förderformel heißt das Modell, das die Qualität in den Kitas steigern soll und mit dem jährlich mehr als 100 Millionen Euro ausgeschüttet werden. Einrichtungen, die sich an den niedrigen städtischen Gebühren orientieren und elternfreundliche Öffnungszeiten anbieten, können das Geld beantragen.

Die Anbieter kommen sogar aus anderen Ländern

Außerdem ist es möglich, eine von der Stadt gebaute Einrichtung als Träger zu übernehmen. 167 solcher Kitas gibt es derzeit laut Bildungsreferat. Die Caritas betreibt ebenso welche wie die Arbeiterwohlfahrt, der Kinderschutzbund oder private Firmen wie die Fröbel Bayern gGmbH oder die Paula und Max Kindertagesstätten GmbH. Der Vorteil dieses Modells: Die Stadtverwaltung übernimmt die aufwendige und schwierige Suche nach einem geeigneten Grundstück und den teuren Bau. Die Träger verpflichten sich als Gegenleistung auch hier zu niedrigen Gebühren und wenigen Schließtagen.

So viel Bonus hat den norwegischen Konzern Academedia nach München gelockt, auch deutsche Firmen spechten auf die Ausschreibungen. Den freigemeinnützigen Trägern stößt dieses Interesse zunehmend auf. Die Förderformel, so die Argumentation, sei nicht zur Gewinnerzielung gedacht, sondern solle ein annähernd kostendeckendes Arbeiten ermöglichen. Experten der Wohlfahrtsverbände vermuten daher hinter dem Ansinnen der privaten Betreiber andere Motive. Vielleicht wollten die Firmen Standorte für sich sichern oder ihre Klientel erweitern. Auch davon, dass die geförderten Kitas die teuren privaten Einrichtungen bei Verwaltungsaufgaben quersubventionieren, ist die Rede. Beweisen lässt sich das nur schwer.

Die Anbieter wissen, wonach Eltern suchen

Für die Eltern allerdings haben die städtischen Fördermodelle den Vorteil, dass sie in privaten Einrichtungen nicht mehr bezahlen als in städtischen. Und mit der Situation von Familien kennen sich die Betreiber gut aus. Viele von ihnen haben überhaupt erst eine Kita gegründet, weil sie selbst unzufrieden waren mit dem Angebot. Zu ihnen gehört auch Waltraud Weegmann, die als kaufmännische Leiterin eines mittelständischen Unternehmens sowie als Personalberaterin gearbeitet hat.

Anfang der Achtzigerjahre war sie schwanger mit ihrem ersten Sohn, eine passende Kita fand sie aber nicht. Daher gründete sie 1981 eine private Tagesstätte in Stuttgart mit. Sieben Jahre später entstand die Konzept Gesellschaft für Unternehmensberatung mbH, aus der sich wiederum Konzept-e entwickelte.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei ihr ein wichtiges Anliegen, sagt Weegmann. In 40 Kitas - darunter öffentliche Einrichtungen ebenso wie Betriebstagesstätten - werden mittlerweile mehr als 2500 Kinder betreut. Drei Kitas betreibt Weegmann in München. Die neueste, das Kinderhaus Zauberwald, hat sie im vergangenen Jahr in Obergiesing eröffnet. Weegmann will weitere folgen lassen - und zwar solche, die städtische Fördermittel bringen.

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